Barry Fairbrother ist tot. Neben Schrecken und Trauer regiert in Pagford, der Kleinstadt, in der Barry lebte, vor allem eines: hämische Freude. Denn mit Barrys Abtritt aus dem Leben wird auch sein Platz im Stadtrat frei. In eben diesem Stadtrat herrscht seit Jahren ein erbitterter Kampf um die „Fields“, den benachbarten sozialen Brennpunkt, der zum Leid vieler Einwohner offiziell zu Pagford gehört … noch, denn Barry, der selbst in den „Fields“ aufgewachsen ist, war Stimmführer der Verteidigung. Mit seinem Tod sieht Howard Mollison, oberster Stadtrat und Barrys größter Gegner, den perfekten Moment gekommen, um endlich die Mehrheit im Stadtrat zu erlangen und sich endgültig des Schandfleckes voller Drogenabhängiger und Krimineller zu entledigen.

Ja, ich gebe zu, ich gehöre zu denen, die „The Casual Vacancy“ rein aufgrund des Autors, J.K. Rowlings, gekauft haben. Ich wusste kaum, worum es in ihrem ersten Roman seit Harry Potter gehen würde und, ja, es war mir auch ziemlich egal: Rowling hatte endlich wieder ein Buch geschrieben, natürlich würde ich es lesen!

Nachdem ich „The Casual Vacancy“ nun gelesen habe, kann ich zwei Dinge sagen.

  1. „The Casual Vacancy“ ist soweit von Harry Potter entfernt, wie es nur geht: Ein realistischer Roman für Erwachsene, sozialkritisch und belehrend, sprachlich und inhaltlich provozierend und dunkel, und – was mich am meisten überrascht und gefreut hat – ganz ohne Potters deus ex machina, die mächtigste Magie von allen: this time it`s not love again!
    Inmitten von Drogensüchtigen, frustrierten Ehefrauen und kriminellen Teenagern treffen wir zwar auf viele Formen von Liebe, aber genau wie die Menschen, die sie empfinden, ist die Emotion diesmal kaputt und realistisch.
  2. Ich bin mir trotz ihres stilistischen Könnens nicht sicher, ob ich mich für dieses Buch interessieren würde, wenn der Autor nicht J.K. Rowling hieße. Wirklich neu ist die thematisierte „middle-class“-Kritik nicht. Und durch die vielen Charaktere, von denen jeder eigene Plotstränge und Erzählperspektiven mit sich bringt, ist am Ende unklar, wessen Geschichte eigentlich erzählt wurde und an wessen Veränderungen man als Leser nach Schließen des Buches nun Anteil nehmen soll.

Mein Fazit daher: Fans von Rowling haben den Roman bestimmt wie ich bereits gelesen, allen anderen kann ich ihn nur empfehlen, wenn sie sich für die Thematik des Buches interessieren. Ansonsten verpasst man nichts, wenn man diesen Rowling auslässt und lieber auf die kommenden Kinderbücher wartet … yay!

PS: Ist eigentlich niemandem im Lektorat aufgefallen, dass die Betitelung der Kapitel mit Wochentagen nach der Hälfte des Buches einfach aufhört? Oder hat das einen tieferen Sinn, der sich mir entzieht?

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Selten bin ich auf eine Buch-Reihe gestoßen, die mich so himmelhoch jauchzen lässt und derart zum Tode betrübt, wie Jasper Fforde’s Thursday Next-Bücher.

Als ich vor einigen Jahren den ersten Teil „The Eyre Affair“ begann, war ich schon nach wenigen Kapiteln begeistert: Warum hatte ich diesen Autor nicht schon längst entdeckt? Wie viele Fortsetzungen gab es bereits? Sollte ich die vielleicht gleich alle auf einmal bestellen?

Aber dann las ich weiter und meine Begeisterung schmolz dahin. Mit zunehmender Seitenzahl wurde ich immer frustrierter, die Pausen, in denen ich andere Bücher las, immer länger und schließlich kostete es mich mehrere Anläufe, den Roman überhaupt zu beenden.

Einige Monate später nahm ich in den Ferien dann den zweiten Teil „Lost in a Good Book“ zur Hand … und war erneut begeistert: Wie hatte ich den ersten Teil so verurteilen können? Fforde war ein Genie! Sollte ich mir nicht besser gleich auch noch den dritten Teil bestellen?

Aber dann las ich weiter und … erinnerte mich wieder an meine früheren Probleme mit Fforde’s Büchern. Insgesamt habe ich, glaube ich, fast ein Jahr gebraucht, um den zweiten Teil zu beenden.

In den letzten Wochen habe ich nun den dritten Teil „The Well of Lost Plots“ gelesen und … langsam habe ich mich mit meinen widersprüchlichen Gefühlen hinsichtlich der Reihe abgefunden.
Daher kann ich nun auch furchtbar enttäuscht und vollkommen fasziniert Kritik und Lob zum Werk in Worte fassen.

3 Gründe, warum ich mir geschworen habe, nie mehr ein Thursday Next-Buch zu lesen:

  1. Fforde begräbt seinen roten Faden unter unzählbaren Mengen von Subplots: Er existiert zwar, irgendwo, aber der Leser bekommt ihn nur auf den ersten und letzten 30 Seiten des jeweiligen Romans zu Gesicht.
  2. Da der Roman nicht nur in einer alternativen Vergangenheit (in der realen Welt sind wir in den 80er Jahren) spielt, sondern dazu auch noch mehrere fiktionale Welten jongliert und ständig Charaktere einführt, die entweder die Vergangenheit an sich oder die Erinnerung unserer Heldin verändern können, hat man als Leser ernsthaft Mühe, die vielen verschiedenen und sich gegenseitig widersprechenden Handlungsebenen noch zu überblicken.
  3. Hinzu kommt die Masse an Charakteren, von denen die Buchwelt-Figuren auch häufig noch zwei Persönlichkeiten haben, die einen, auch wenn man es geschafft hat, die Handlung zu durchschauen und die Ebenen der Geschichte zu ordnen, irgendwann immer den Faden verlieren lassen.

 3 Gründe, warum ich diesen Schwur immer wieder brechen werde:

  1. Was zählt ist nicht die Handlung, sondern die Subplots, die so voller einzigartiger, skurriler und charmanter Ideen sind, dass man sie einfach lieben muss: Romancharakter-Austausch-Programme, Neandertaler Kunst- ausstellungen, schwangere Dodos, Sarkasmus-Frühwarnanlagen, etc.
  2. Thursday Next arbeitet nicht nur in einer Regierungsabteilung für literarische Detektive, sondern in späteren Bänden auch für „Jurisfiction“, eine Organisation, bestehend aus fiktionalen Charakteren und realen Personen, die von Buch zu Buch springen und dort für Ordnung sorgen (indem sie u.a. Therapiestunden für zerstrittene Romanfiguren anbieten, den Schwarzmarkthandel von Plotelementen kontrollieren und die grammatikgefährdenen „grammasites“ bekämpfen).
  3. Fforde macht sich das Medium Text in jeder nur denkbaren Form zu eigen: So kann unsere Heldin sich dank „FootNoterPhone“ mit anderen Charakteren über Fußnoten unterhalten, die „grammasites“ greyphen den Txet für den Läser scihtbra an und manche Wesen der Buchwelt reden für den Leser lesbar für die Charaktere aber unverständlich in Sprachen wie Courier Bold.

Mein Fazit daher: Jasper Fforde’s Thursday Next-Reihe ist genial! Empfehlen kann ich sie aber nur Lesern, die gut darin sind, den Überblick zu behalten, nichts gegen Längen haben und die Schönheit einzelner Sätze und Ideen wertschätzen können.

PS: „Warning: The author may have eaten nuts while writing this book.“

Jacob stirbt. Um seinen Bruder zu retten, hat er einst sein eigenes Leben verwirkt. Jetzt bleiben ihm nur noch wenige Monate bis der Fluch der Roten Fee ihm den Tod bringt. Aber Jacob Reckless würde seinem Namen untreu werden, wenn er dieses Schicksal einfach so hinnähme.

Genauso arrogant und leichtsinnig wie wir ihn aus Teil Eins kennen, begibt Jacob sich mit seiner treuen Gefährtin Fuchs auf die Suche nach einem Wundermittel, das ihn doch noch heilen kann. Und als die verwunschenen Äpfel versagen und der magische Wunschbrunnen ausgetrocknet ist, bleibt nur noch ein legendärer Schatz übrig: Die Armbrust des Hexenschlächters, die voll Hass genutzt ganze Heere mit einem Schuss ausrotten, mit Liebe geführt jedoch ein Leben retten kann.

Vor zwei Jahren habe ich mit hohen Erwartungen den ersten Teil von Cornelia Funkes neuer Fantasy-Reihe (meine gutmütige Rezension und allgemeine Liebeserklärung an die Autorin lässt sich hier nachlesen) gelesen und war … unentschlossen. Viele der Motive, Ideen und Charaktere in „Reckless – Steinernes Fleisch“ gefielen mir gut, auch wenn sie stark an bekannte Märchen angelehnt waren. Insgesamt erschien mir die Geschichte aber nicht ganz rund. Was genau mich eigentlich gestört hat, ist mir bis heute unklar, aber eines weiß ich sicher: Ich war enttäuscht.

Daher habe ich auch etwas länger als gewöhnlich überlegt, ob ich mir den zweiten Teil überhaupt kaufen sollte. Am Freitag wurde mir die Entscheidung dann jedoch abgenommen, als ich zufällig in einer Buchhandlung über „Reckless – Lebendige Schatten“ stolperte. Ich nahm das Buch erstmal in die Hand und überlegte noch, ob es die 20 Euro wohl wert wäre, als mein Blick auf den dreimal so großen Tisch voller „Fifty Shades of Grey“ Bücher daneben fiel. Allein schon aus Protest gegen die aktuellen Bestsellerzahlen konnte ich daher nicht anders, als mir den neuen Funke zu kaufen.

Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht! „Lebendige Schatten“ ist trotz seines bescheuerten Titels (vielleicht kann mir ja jemand, der das Buch auch gelesen hat, erklären, was der Titel mit dem Roman zu tun hat?) eindeutig besser als sein Vorgänger. Die Handlung hat mehr Struktur, ist spannender und die Fortsetzung im nächsten Teil wird eleganter vorbereitet. Die Spiegelwelt, die wir diesmal ausgiebig bereisen, zeigt, dass sie mehr ist, als nur ein Phantasieland, in dem alle unsere liebsten Märchenfiguren Wirklichkeit werden. Auch wenn man immer nur am Rande davon hört, merkt der Leser doch wie die Märchenwelt immer mehr der uns Bekannten nacheifert, wie Magie und Wunder immer mehr durch Industrialisierung und Wissenschaft ersetzt werden und wie die Schätze, nach denen Jacob sucht, immer mehr den Museumsstücken gleichen, zu denen sie in unserer Welt werden.

Und auch Jacob verändert sich. Vielleicht durch die Todesangst, die diesmal ihn selbst betrifft, vielleicht durch die Liebe, die er nur langsam zulässt.

Romantischer, spannender, besser. Ich kann „Reckless – Lebendige Schatten“ allen empfehlen, die sich nach Teil Eins ebenfalls unsicher waren, denn ich freue mich jetzt wieder auf den nächsten Teil!

PS: Ich glaube Cornelia Funke hat für ihre Fans ein kleines Easter Egg im Buch versteckt – ich habe da zumindest etwas gefunden, dass mich schmunzeln lies und etwas in einem ihrer anderen Bücher plötzlich erklärte – Tipp: Seite 22

In der Reihe der Bücher, deren Konzept mich mehr als ihr Inhalt lockte (Riggs, Letter Game), ist dieses Werk von Mark Z. Danielewski bisher definitiv das faszinierendste.

Inhaltlich erzählt „House of Leaves“ eine Horror-Geschichte (ein Genre von dem ich mich gewöhnlich fernhalte): Um ihrer Beziehung mehr Zeit einzuräumen, ziehen der Fotograf Will Navidson und seine Partnerin Karen mit ihren gemeinsamen Kinder in ein kleines, gemütliches Haus in Virginia. Navidson, der ganz ohne Arbeit nicht leben kann, beschließt aus ihrem Einzug in das neue Haus ein Filmprojekt zu machen und installiert in allen Räumen Kameras, die ihr tägliches Ein und Aus filmen sollen. Nach einem Wochenende bei Verwandten kehrt die Familie in ihr neues Heim zurück und stellt fast, dass zwischen dem elterlichen Schlaf- und dem Kinderzimmer ein mysteriöser, schwarzer Raum aufgetaucht ist. Navidson beginnt das Haus auszumessen – mit dem Ergebnis, dass es innen größer als außen ist – und als im Erdgeschoss eine Tür auftaucht, die in einen dunklen, scheinbar endlosen Korridor ins Nichts führt, startet er (ausgestattet mit Kameras und guten Freunden) eine Expedition in die Dunkelheit.

Diese klassische Horrorfilm-Prämisse, die tatsächlich filmisch besser repräsentiert wäre, wird im Roman durch verschiedene textliche Ebenen erweitert:

Die Geschichte der Familie wird als Nacherzählung des letztendlich enstandenen Films „The Navidson Record“ präsentiert. Dieser wiederum ist Gegenstand einer Analyse, die der Schriftsteller Zampanó unter Verwendung allerlei anderer Sekundärliteratur über das legendäre Filmprojekt schreibt. Zampanós Analyse wird nach dessen Tod von einem jungen Mann namens Johnny Truant gefunden, der die Fragmente des alten Schriftstellers ordnet und ob ihres Inhalts langsam aber stetig demselben Wahn wie Zampanó zu verfallen scheint. Der von Johnny strukturierte und mit persönlichen Fußnoten versehene Text fällt schließlich den Verlegern des Buches in die Hände, die das Werk (ebenfalls unter Zugabe einiger erklärender Fußnoten) publizieren.

Der Leser liest somit Danielewskis Roman, der die von „The Editors“ annotierte Herausgabe von Johnnys personalisierter Wiedergabe von Zampanós Analyse von Will Navidsons Film ist.

Diese Verschachtelung von Erzählern ist jedoch nicht das faszinierende Konzept des Buches, das mich dazu gebracht hat es trotz seines Inhalts zu lesen. Wen diese narrative Komponente allerdings schon überfordert, der sollte sich von „House of Leaves“ besser fernhalten.

Das wirklich originelle Konzept des Romans ist die (häufig anstrengende) Art, in der man es lesen muss:

Ab dem Zeitpunkt, zu dem die Männer ihre erste Expedition in den dunklen Korridor starten, verändert sich der Text gemeinsam mit dem Inhalt auch optisch. Mit den Protagonisten liest sich der Leser über Fußnoten, farbige Abschnitte und Texte in Spiegelschrift immer weiter in das Unerforschte hinein. Bis er schließlich erkennt, dass nicht nur das Haus ein Labyrinth ist…

 

„House of Leaves“ ist ein Monster von einem Buch – auf allen Ebenen. Mit über 700 Seiten, Fußnoten für Fußnoten und dem oben dargestellten Textbild fordert es von seinem Leser absolute Konzentration und Hingabe. Belohnt wird man mit einem wahrhaft einmaligen Leseerlebnis und der Angst vor der eignen Badezimmertür.

Kategorien von „gut“ und „schlecht“ kann ich bei Danielewskis Werk nicht mit gutem Gewissen anwenden, da es gleichzeitig beruhigend langweilig und grauenvoll spannend ist. Mein Urteilsspruch lautet daher: Faszinierend.

Meine 50:50-Resolution führt mir dieses Jahr einige Bücher zu, die ich weniger aufgrund ihres Inhalts, sondern eher aufgrund des Konzepts, das dahinter steht, gekauft habe. Ähnlich dem „Enchanted Choclate Pot“ las ich so auch diese Woche wieder ein Buch, dessen Entstehungsgeschichte seinen Inhalt aufwertet.

Das vorherige Buch entstand aus Briefen, dieses aus Bildern, alten Fotos um genau zu sein.

Ransom Riggs (ganz ehrlich, mit so einem Namen muss man ja auch Künstler werden) „Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children“ (zu deutsch: „Die Insel der besonderen Kinder“) erzählt von der Entdeckung eines Teenagers, der als Kind von seinem Großvater fantastische Geschichten über Kinder mit magischen Fähigkeiten erzählt bekam und nach dessen Tod feststellt, dass sie alle wahr waren.

Der Inhalt ist, wie auch beim „Choclate Pot“, vorhersehbar, der Roman an sich sprachlich und atmosphärisch gut, aber nicht außergewöhnlich  – das Besondere sind die Bilder, die nicht nur die Inspiration für Riggs Geschichte bildeten, sondern die als Abdrucke im Text auch immer wieder neue Dimensionen für den Leser eröffnen.

Die alten Fotos, die Riggs auf Flohmärkten, und bei anderen Sammlern fand, sind nicht bloß die Illustrationen zu einem Roman. Vielmehr ist gerade anders herum Riggs Geschichte eine mögliche Interpretation der ursprünglichen Fotos.
Die Bilder stehen hier am Anfang, sie erzählen mehr und vermutlich vollkommen andere Geschichten (jedes für sich), als der Zusammenhang des Romans es vermag.

Ich selbst hatte von dem Buch aus verschiedenen Quellen erfahren und es mir gekauft und halb durch gelesen, ehe mir klar wurde, dass ich den Autor bereits kannte. Und dass sein Hobby, aus dem dieses Buch entstanden ist, mich bereits vorher schon beeindruckt hat:

Mein Urteil ist daher: „Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children“ ist schnell verschlungen, kreativ und angenehm gruselig, aber kein „Das-musst-du-lesen“, das ich jedem empfehlen würde –  Ransom Riggs dagegen (und nicht nur des tollen Namens wegen) werde ich definitiv im Auge behalten und seinen youtube-Kanal, auf dem viele andere ebenso schöne Videos wie das obere zu finden sind, lege ich euch hiermit ans Herz.

PS: Auch bei diesem Autor hat der Fluch des „Three-Book-Deal“ wieder zugeschlagen und er arbeitet bereits an der Fortsetzung – meine Meinung dazu muss ich wohl nicht wiederholen…

Nach „The Queen“ und „The King’s Speech“ kommt nun die nächste Biographie einer britischen Persönlichkeit in die Kinos: „The Iron Lady“ über Margaret Thatcher.
Starbesetzung, Oscar-nominiert und schon jetzt in aller Munde – was kann da schief gehen?

Um meine Meinung vorweg zu nehmen: Der Film ist nicht schlecht. Aber auch nicht wirklich gut. Und je länger ich darüber nachdenke, desto schlechter wird er eigentlich.

Meryl Streep, mit deren Darbietung der ganze Film schließlich steht und fällt, ist natürlich gut – etwas anderes zu behaupten wäre Blasphemie. Aber leider ist der Zuschauer sich doch – gerade wegen ihrer zentralen Rolle und den Vorschusslorbeeren, die sie dafür eingeheimst hat – jederzeit bewusst, dass er hier Meryl Streep als Margaret Thatcher sieht. Und eben nicht Margaret Thatcher. Eine weniger bekannte Schauspielerin hätte vielleicht hinter der Rolle zurück treten können, so bleibt alles was man wahrnimmt Streeps geniale Imitation.

Das schauspielerische Highlight ist daher in meinen Augen Jim Broadbent als Thatchers verstorbener Ehemann Denis, der die Protagonistin als Halluzination heimsucht und ihr, meist wider Willen, alte Zeiten in Erinnerung ruft.

Und da wären wir auch schon beim Inhalt angekommen. Was erzählt der Film eigentlich?

Gute historische Biopics erzählen eine Geschichte, kein ganzes Leben. Sie erzählen beispielsweise wie aus einem verhältnismäßig normalen, jungen Menschen die Person wurde, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt (Elizabeth, The King’s Speech) oder wie diese Person mit einem bestimmten, karrieredefinierenden Ereignis umgeht (The Queen, Frost/Nixon).

Sobald man versucht das gesamte Leben eines Menschen darzustellen, muss der Film eine Meinung, eine Aussage haben, die der Geschichte einen roten Faden verleiht. Das normale menschliche Leben verläuft nun mal nicht in der Drei-Akt-Struktur eines Filmes. Bricht man aber mit dieser, um bewusst realitätsnah zu bleiben, wird das Erzählte schnell eine unstrukturierte Aneinanderreihung von Ereignissen.

Genau das passiert auch den Großteil des Films über. Thatcher erinnert sich chronologisch an ihre politische Karriere zurück und diese Teile werden dann in Rückblicken, gelegentlich von der Rahmenhandlung unterbrochen, erzählt.

Die Rahmenhandlung ist die Geschichte einer alten, leicht dementen Frau, deren Ehemann vor einiger Zeit verstorben ist und die nun lernen muss, von ihm loszulassen. Dass diese Frau Margaret Thatcher ist, scheint hierbei völlig zufällig.

Und das ist das große Problem des Films.

Die Rahmenhandlung funktioniert filmisch/ schauspielerisch/ atmosphärisch ausgezeichnet, nur hat sie nichts mit Margaret Thatcher zu tun.

Der Rest des Film ist gut gemacht, nur fehlt ihm die Substanz. Das Drehbuch bezieht keinerlei Standpunkt zu Thatchers politischer Haltung, denn um Politik geht es im Grunde auch nicht.
Ein besseres Urteil über die Person Margaret Thatcher kann man sich nach dem Anschauen des Films aber auch nicht machen: Ob die Protagonistin nun sympathisch sein soll oder arrogant, ihre Standhaftigkeit nun gelobt oder kritisiert und ihre Ich-Bezogenheit entschuldigt oder angeklagt werden soll, weiß man am Ende des Films genauso wenig wie die Produzenten es zu wissen schienen.

Warum der Film „The Iron Lady“, nach dem Spitznamen den Margaret Thatcher im Kalten Krieg bekam, heißt, frage ich mich beim Abspann dann noch und stelle fest, dass ich nicht noch mehr Zeit mit der Beantwortung von Fragen, die dieser Film hinterlässt, verschwenden möchte.

So weit, so gut: Eine Woche, drei Bücher – das klingt doch nach einem famosen Start. Und es wäre auch einer, wenn da nicht die kleine Tatsache, dass alle gelesen Werke eher der „Schund“-Kategorie zuzuordnen sind, wäre. Von der vergangenen Woche ausgehend, nehme ich jetzt an, dass ich früher als erwartet das Richtfest erreichen werde, dann aber für den Rest des Jahres hohe/anstrengende/schwer verdauliche Literatur lesen „muss“ – zumindest wenn ich meinem frisch gefassten Vorsatz nicht untreu werden will.

Das letzte Buch, das ich verschlungen habe, war „Sorcery and Cecilia or The Enchanted Choclate Pot“ eine Liebesgeschichte in Briefform, die im Regency-England, wie wir es von Jane Austen und Georgette Heyer kennen, spielt, mit der kleinen aber feinen Ergänzung, dass in der Welt der Autorinnen Patricia Wrede und Caroline Stevermer Zauberei Gang und Gebe ist – wenngleich sie auch nicht für jeden zum guten Ton gehört.

Auch wenn der Roman sehr zu empfehlen ist und er mich unter der Woche gut unterhalten hat, gehört er doch eigentlich nicht zu der Art von Büchern, für die ich hier eine Rezension schreiben würde. Erwähnt werden muss er aber aufgrund seines Nachwortes, in dem die beiden Co-Autorinnen erzählen, dass dieses Buch durch ein Letter-Game entstanden ist.

Ein Letter-Game ist, so erläutern sie, ein Spiel zwischen zwei Personen, die sich jeweils eine Figur ausdenken und dann dem anderen aus der Perspektive dieses fiktiven Charakters Briefe schreiben. Plot und Charaktere dürfen dabei nicht außerhalb des Briefwechsels besprochen werden und alles was an Handlung passiert, muss sich daher im Austausch organisch entwickeln. Der erste Brief bestimmt Ort und Zeit der Handlung und präsentiert einen Grund, warum die beiden Figuren sich regelmäßig Briefe schreiben müssen. Von da an wird frei improvisiert und auf die Briefe des anderen aufgebaut.

Man kann (wie mancher Rezensent es auch tut) das Buch nun aufgrund seiner Entstehung verurteilen: Ja, es fehlen die Planung und die Struktur, die ein Roman, der nicht derart chronologisch entstanden ist, hätte. Ja, manche Charaktere wechseln allzu schnell ihre Flaggen. Ja, im Grunde werden zwei Geschichten erzählt, die sich ein wenig zu sehr ähneln.

Meiner Meinung nach entschuldigt und erklärt dieses Nachwort allerdings Vieles, dass ich eher auf die Seite der Schwächen des Buches gestellt hätte: Natürlich kommt einem Person X anfangs sympathisch vor, die Autorinnen wussten selber noch nicht, dass sie ein Bösewicht ist. Natürlich wirken manche Erzählfäden leicht zerstückelt im Wechsel von Briefschreiber A zu Briefschreiber B, keiner der Autorinnen wusste, worauf die andere mit diesem oder jenem Hinweis genau hinaus wollte und sich out-of-character darüber unterhalten, durften sie nicht.

Aber gerade diese Art der Plot-Entwicklung passt zu dem Erzählten: Kate und Cecilia (die beiden fiktiven Briefeschreiberinnen) wissen ja auch nur das, was sie der jeweils anderen gerade berichten. Sie sind keine allwissenden Autoren, die das Ende bereits voraussehen und gerade dadurch ermöglichen sie es dem Leser, ihre Entwicklung hautnah mitzuverfolgen: Wenn sie Person X für grundanständig halten, halten wir Person X für grundanständig – beginnen sie an ihrem Charakter zu zweifeln, beginnen wir es.

Die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Romans, machte dieses Buch zu einem der wenigen, die ich, gleich nachdem ich es durch war, noch einmal von vorne begann: Und diesmal achtete ich nicht länger primär auf den Inhalt, sondern verfolgte die Entwicklung mit, hinter der der tatsächliche Briefwechsel der Autorinnen stand. Alle meine vorherigen Vorbehalte lösten sich beim erneuten Lesen auf und so kam es, dass ein zuvor schon gutes Buch durch sein Nachwort in die Klasse der Fünf-Sterne erhoben wurde.

Nur eine Frage bleibt mir noch zu stellen: Wer spielt mit mir ein Letter-Game?

*schaut erwartungsvoll in die Runde*