https://i1.wp.com/files.content.lettersandlight.org/nano-2012/files/2012/11/Winner-120x240.jpgOb ich nun fertig bin oder mein Buch bloß aufgebe, mag hier dahingestellt sein, was zählt ist jetzt nur, dass ich einen vollständigen Roman und 50.789 Wörter aufs Papier gebracht habe.

Dass auf diesem Blog im November nichts erschienen ist, lag natürlich an Nanowrimo (unter anderem). Denn meine letzten Wochen fanden irgendwo zwischen „Through joy and through sorrow, I wrote. Through hunger and through thirst, I wrote. Through good report and through ill report, I wrote. Through sunshine and through moonshine, I wrote. What I wrote it is unnecessary to say. (Edgar A. Poe)“ und „I just sit at a typewriter and curse a bit. (P. G. Wodehouse, after being asked about his writing technique)“ statt.

Und anders als Eugene Ionesco („A writer never has a vacation. For a writer life consists of either writing or thinking about writing.“) genehmige ich mir jetzt erstmal einen Urlaub … und einen Schulterklopfer 😉

Barry Fairbrother ist tot. Neben Schrecken und Trauer regiert in Pagford, der Kleinstadt, in der Barry lebte, vor allem eines: hämische Freude. Denn mit Barrys Abtritt aus dem Leben wird auch sein Platz im Stadtrat frei. In eben diesem Stadtrat herrscht seit Jahren ein erbitterter Kampf um die „Fields“, den benachbarten sozialen Brennpunkt, der zum Leid vieler Einwohner offiziell zu Pagford gehört … noch, denn Barry, der selbst in den „Fields“ aufgewachsen ist, war Stimmführer der Verteidigung. Mit seinem Tod sieht Howard Mollison, oberster Stadtrat und Barrys größter Gegner, den perfekten Moment gekommen, um endlich die Mehrheit im Stadtrat zu erlangen und sich endgültig des Schandfleckes voller Drogenabhängiger und Krimineller zu entledigen.

Ja, ich gebe zu, ich gehöre zu denen, die „The Casual Vacancy“ rein aufgrund des Autors, J.K. Rowlings, gekauft haben. Ich wusste kaum, worum es in ihrem ersten Roman seit Harry Potter gehen würde und, ja, es war mir auch ziemlich egal: Rowling hatte endlich wieder ein Buch geschrieben, natürlich würde ich es lesen!

Nachdem ich „The Casual Vacancy“ nun gelesen habe, kann ich zwei Dinge sagen.

  1. „The Casual Vacancy“ ist soweit von Harry Potter entfernt, wie es nur geht: Ein realistischer Roman für Erwachsene, sozialkritisch und belehrend, sprachlich und inhaltlich provozierend und dunkel, und – was mich am meisten überrascht und gefreut hat – ganz ohne Potters deus ex machina, die mächtigste Magie von allen: this time it`s not love again!
    Inmitten von Drogensüchtigen, frustrierten Ehefrauen und kriminellen Teenagern treffen wir zwar auf viele Formen von Liebe, aber genau wie die Menschen, die sie empfinden, ist die Emotion diesmal kaputt und realistisch.
  2. Ich bin mir trotz ihres stilistischen Könnens nicht sicher, ob ich mich für dieses Buch interessieren würde, wenn der Autor nicht J.K. Rowling hieße. Wirklich neu ist die thematisierte „middle-class“-Kritik nicht. Und durch die vielen Charaktere, von denen jeder eigene Plotstränge und Erzählperspektiven mit sich bringt, ist am Ende unklar, wessen Geschichte eigentlich erzählt wurde und an wessen Veränderungen man als Leser nach Schließen des Buches nun Anteil nehmen soll.

Mein Fazit daher: Fans von Rowling haben den Roman bestimmt wie ich bereits gelesen, allen anderen kann ich ihn nur empfehlen, wenn sie sich für die Thematik des Buches interessieren. Ansonsten verpasst man nichts, wenn man diesen Rowling auslässt und lieber auf die kommenden Kinderbücher wartet … yay!

PS: Ist eigentlich niemandem im Lektorat aufgefallen, dass die Betitelung der Kapitel mit Wochentagen nach der Hälfte des Buches einfach aufhört? Oder hat das einen tieferen Sinn, der sich mir entzieht?

Selten bin ich auf eine Buch-Reihe gestoßen, die mich so himmelhoch jauchzen lässt und derart zum Tode betrübt, wie Jasper Fforde’s Thursday Next-Bücher.

Als ich vor einigen Jahren den ersten Teil „The Eyre Affair“ begann, war ich schon nach wenigen Kapiteln begeistert: Warum hatte ich diesen Autor nicht schon längst entdeckt? Wie viele Fortsetzungen gab es bereits? Sollte ich die vielleicht gleich alle auf einmal bestellen?

Aber dann las ich weiter und meine Begeisterung schmolz dahin. Mit zunehmender Seitenzahl wurde ich immer frustrierter, die Pausen, in denen ich andere Bücher las, immer länger und schließlich kostete es mich mehrere Anläufe, den Roman überhaupt zu beenden.

Einige Monate später nahm ich in den Ferien dann den zweiten Teil „Lost in a Good Book“ zur Hand … und war erneut begeistert: Wie hatte ich den ersten Teil so verurteilen können? Fforde war ein Genie! Sollte ich mir nicht besser gleich auch noch den dritten Teil bestellen?

Aber dann las ich weiter und … erinnerte mich wieder an meine früheren Probleme mit Fforde’s Büchern. Insgesamt habe ich, glaube ich, fast ein Jahr gebraucht, um den zweiten Teil zu beenden.

In den letzten Wochen habe ich nun den dritten Teil „The Well of Lost Plots“ gelesen und … langsam habe ich mich mit meinen widersprüchlichen Gefühlen hinsichtlich der Reihe abgefunden.
Daher kann ich nun auch furchtbar enttäuscht und vollkommen fasziniert Kritik und Lob zum Werk in Worte fassen.

3 Gründe, warum ich mir geschworen habe, nie mehr ein Thursday Next-Buch zu lesen:

  1. Fforde begräbt seinen roten Faden unter unzählbaren Mengen von Subplots: Er existiert zwar, irgendwo, aber der Leser bekommt ihn nur auf den ersten und letzten 30 Seiten des jeweiligen Romans zu Gesicht.
  2. Da der Roman nicht nur in einer alternativen Vergangenheit (in der realen Welt sind wir in den 80er Jahren) spielt, sondern dazu auch noch mehrere fiktionale Welten jongliert und ständig Charaktere einführt, die entweder die Vergangenheit an sich oder die Erinnerung unserer Heldin verändern können, hat man als Leser ernsthaft Mühe, die vielen verschiedenen und sich gegenseitig widersprechenden Handlungsebenen noch zu überblicken.
  3. Hinzu kommt die Masse an Charakteren, von denen die Buchwelt-Figuren auch häufig noch zwei Persönlichkeiten haben, die einen, auch wenn man es geschafft hat, die Handlung zu durchschauen und die Ebenen der Geschichte zu ordnen, irgendwann immer den Faden verlieren lassen.

 3 Gründe, warum ich diesen Schwur immer wieder brechen werde:

  1. Was zählt ist nicht die Handlung, sondern die Subplots, die so voller einzigartiger, skurriler und charmanter Ideen sind, dass man sie einfach lieben muss: Romancharakter-Austausch-Programme, Neandertaler Kunst- ausstellungen, schwangere Dodos, Sarkasmus-Frühwarnanlagen, etc.
  2. Thursday Next arbeitet nicht nur in einer Regierungsabteilung für literarische Detektive, sondern in späteren Bänden auch für „Jurisfiction“, eine Organisation, bestehend aus fiktionalen Charakteren und realen Personen, die von Buch zu Buch springen und dort für Ordnung sorgen (indem sie u.a. Therapiestunden für zerstrittene Romanfiguren anbieten, den Schwarzmarkthandel von Plotelementen kontrollieren und die grammatikgefährdenen „grammasites“ bekämpfen).
  3. Fforde macht sich das Medium Text in jeder nur denkbaren Form zu eigen: So kann unsere Heldin sich dank „FootNoterPhone“ mit anderen Charakteren über Fußnoten unterhalten, die „grammasites“ greyphen den Txet für den Läser scihtbra an und manche Wesen der Buchwelt reden für den Leser lesbar für die Charaktere aber unverständlich in Sprachen wie Courier Bold.

Mein Fazit daher: Jasper Fforde’s Thursday Next-Reihe ist genial! Empfehlen kann ich sie aber nur Lesern, die gut darin sind, den Überblick zu behalten, nichts gegen Längen haben und die Schönheit einzelner Sätze und Ideen wertschätzen können.

PS: „Warning: The author may have eaten nuts while writing this book.“

Jacob stirbt. Um seinen Bruder zu retten, hat er einst sein eigenes Leben verwirkt. Jetzt bleiben ihm nur noch wenige Monate bis der Fluch der Roten Fee ihm den Tod bringt. Aber Jacob Reckless würde seinem Namen untreu werden, wenn er dieses Schicksal einfach so hinnähme.

Genauso arrogant und leichtsinnig wie wir ihn aus Teil Eins kennen, begibt Jacob sich mit seiner treuen Gefährtin Fuchs auf die Suche nach einem Wundermittel, das ihn doch noch heilen kann. Und als die verwunschenen Äpfel versagen und der magische Wunschbrunnen ausgetrocknet ist, bleibt nur noch ein legendärer Schatz übrig: Die Armbrust des Hexenschlächters, die voll Hass genutzt ganze Heere mit einem Schuss ausrotten, mit Liebe geführt jedoch ein Leben retten kann.

Vor zwei Jahren habe ich mit hohen Erwartungen den ersten Teil von Cornelia Funkes neuer Fantasy-Reihe (meine gutmütige Rezension und allgemeine Liebeserklärung an die Autorin lässt sich hier nachlesen) gelesen und war … unentschlossen. Viele der Motive, Ideen und Charaktere in „Reckless – Steinernes Fleisch“ gefielen mir gut, auch wenn sie stark an bekannte Märchen angelehnt waren. Insgesamt erschien mir die Geschichte aber nicht ganz rund. Was genau mich eigentlich gestört hat, ist mir bis heute unklar, aber eines weiß ich sicher: Ich war enttäuscht.

Daher habe ich auch etwas länger als gewöhnlich überlegt, ob ich mir den zweiten Teil überhaupt kaufen sollte. Am Freitag wurde mir die Entscheidung dann jedoch abgenommen, als ich zufällig in einer Buchhandlung über „Reckless – Lebendige Schatten“ stolperte. Ich nahm das Buch erstmal in die Hand und überlegte noch, ob es die 20 Euro wohl wert wäre, als mein Blick auf den dreimal so großen Tisch voller „Fifty Shades of Grey“ Bücher daneben fiel. Allein schon aus Protest gegen die aktuellen Bestsellerzahlen konnte ich daher nicht anders, als mir den neuen Funke zu kaufen.

Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht! „Lebendige Schatten“ ist trotz seines bescheuerten Titels (vielleicht kann mir ja jemand, der das Buch auch gelesen hat, erklären, was der Titel mit dem Roman zu tun hat?) eindeutig besser als sein Vorgänger. Die Handlung hat mehr Struktur, ist spannender und die Fortsetzung im nächsten Teil wird eleganter vorbereitet. Die Spiegelwelt, die wir diesmal ausgiebig bereisen, zeigt, dass sie mehr ist, als nur ein Phantasieland, in dem alle unsere liebsten Märchenfiguren Wirklichkeit werden. Auch wenn man immer nur am Rande davon hört, merkt der Leser doch wie die Märchenwelt immer mehr der uns Bekannten nacheifert, wie Magie und Wunder immer mehr durch Industrialisierung und Wissenschaft ersetzt werden und wie die Schätze, nach denen Jacob sucht, immer mehr den Museumsstücken gleichen, zu denen sie in unserer Welt werden.

Und auch Jacob verändert sich. Vielleicht durch die Todesangst, die diesmal ihn selbst betrifft, vielleicht durch die Liebe, die er nur langsam zulässt.

Romantischer, spannender, besser. Ich kann „Reckless – Lebendige Schatten“ allen empfehlen, die sich nach Teil Eins ebenfalls unsicher waren, denn ich freue mich jetzt wieder auf den nächsten Teil!

PS: Ich glaube Cornelia Funke hat für ihre Fans ein kleines Easter Egg im Buch versteckt – ich habe da zumindest etwas gefunden, dass mich schmunzeln lies und etwas in einem ihrer anderen Bücher plötzlich erklärte – Tipp: Seite 22

Da der Eskapist die letzten Wochen offensichtlich in dem o.g. Loch verbracht hat, hier ein paar Schlagzeilen, die euch im letzten Monat unterhalten oder genervt hätten können, dann aber glücklicherweise von Lord Laziness in sein dunkles Schloss entführt wurden:

Umziehen oder aufhören, Bücher zu kaufen – ein Dilemma

 „Solange ein Drache vorkommt“ – Fantasy, eine Genrebestimmung

 „Why do I give a shit?“ – philosophisches Hotelgeflüster über den Sinn des Lebens

 Wie exzellent bin ich? – Das lange Warten auf die Master-Zusage

 Alle guten Dinge sind drei? – Der Hobbit wird zur Trilogie

 Apropos Drache …

So sehr ich Tolkien und sein Meisterwerk auch verehre, wenn ich den „Herrn der Ringe“ aus der Perspektive eines Lektors lese, finde ich viele Stellen, an denen ich die Kommentarfunktion meines Schreibprogrammes überlasten müsste. Allen voran diese unsägliche Tom-Bombadil-Episode

Der Abstecher der Hobbits in den Alten Wald hat mir schon immer irgendwie missfallen. Nicht nur, weil die Handlung an dieser Stelle kaum voran kommt und ich sie daher beim Lesen immer öfter überspringe, um endlich nach Bree zu kommen, sondern auch, weil ich mit der Figur von Tom Bombadil nie etwas anfangen konnte.

Mitten in die erste Nah-Tod-Erfahrung der Hobbits kommt dieser kunterbunte Waldschrat gehüpft, der ihnen nonsense-singend wiederholt aus der Patsche hilft und die Autorität des plottreibenden, unwiderstehlichen Machtinstruments, des Ringes, profund untergräbt.

Erst etabliert Tolkien den Einen Ring als so gefährlich und tückisch, dass ihn niemand sicher verstecken oder gar benutzen kann – sodass als einziger Ausweg und Ziel des Romans nur seine Zerstörung bleibt – und kaum 100 Seiten später treffen wir einen Gott-ähnlichen Öko-Aktivisten, der gegen die Macht des Ringes vollkommen immun zu sein scheint. WTF?! An dieser Stelle kann ich Frodos Empörung vollkommen nachvollziehen: „He was perhaps a trifle annoyed with Tom for seeming to make so light of what even Gandalf thought so perilously important.“

Seine Erhabenheit über die Macht des Ringes ist es, die Bombadil zu einer der mysteriösesten Figuren im „Herrn der Ringe“ macht. Ist er einer der Valar, oder sogar Ilúvatar, der Schöpfer, selbst? Ist er eine – von Tolkien selbst so vehement abgelehnte – Allegorie des christlichen Gottes in Mittelerde?

Wer ist er? Das fragen sich auch die Hobbits. Toms Frau Goldbeere antwortet Frodo auf seinen ersten Versuch dieses Mysterium zu lösen schlichtweg: „He is […] He is, as you have seen him“ und der Leser fühlt sich sofort an „Ich bin der ich bin“ erinnert.
Sie sagt aber auch: Tom Bombadil is the Master. No one has ever caught old Tom walking in the forest, wading in the water, leaping on the hill-tops under light and shadow. He has no fear. Tom Bombadil is master.“ und macht damit klar, dass Bombadil nicht wirklich ein Teil dieser Welt (Mittelerdes) ist.

Bei seinem zweiten Versuch bekommt Frodo immerhin eine ausführlichere Vorstellung von Bombadil selbst: „Don’t you know my name yet? That’s the only answer. Tell me, who are you, alone, yourself and nameless? But you are young and I am old. Eldest, that’s what I am. […] Tom was here before the rivers and the trees; Tom remembers the first raindrop and the first acorn. […] Tom was here already, before the seas were bent.“ Tom Bombadil ist also der Älteste, der, der vor allem anderen da war – der Schöpfer?

Für die christliche Interpretation sprechen nicht nur Goldbeeres Worte, sondern auch Toms Taten – weckt er doch zumindest drei Hobbits mit seiner „commanding voice“, die Frodo später als „the power of Bombadil“ bezeichnet, von den (beinahe) Toten auf.

Aber für einen Gott wirkt Bombadil dann doch wenig interessiert an den Geschehnissen in seiner Welt. So weißt Tom, als er sich von den Gefährten verabschiedet, sie darauf hin, dass er Wichtigeres zu tun hat, als sie zu begleiten: „I’ve got things to do […] my making and my singing, my talking and my walking, and my watching of the country. Tom can’t be always near to open doors and willow-cracks. Tom has his house to mind, and Goldberry is waiting.“

Und auch Gandalf, der sich vor der Säuberung des Auenlandes von den Hobbits trennt um Bombadil zu besuchen, bezeichnet ihn als „untroubled“, als einen, der sich für die Abenteuer der Gefährten, die ja immerhin die Welt vor der Dunkelheit gerettet haben, nicht interessiert.

Kurz und gut: All diese widersprüchlichen und verwirrenden Beschreibungen machten Tom Bombadil in meinen Augen stets zu einem schlichtweg unnötigen Charakter, der vollkommen zu recht in Jacksons Filmversion gestrichen wurde.

Bis ich bei polyoinos auf einen Aufsatz über die Identität Bombadils stieß, der es endlich schaffte, mir die Figur näher zu bringen. Der vollständige Text von Frank Weinreich ist meiner knappen Zusammenfassung selbstverständlich vorzuziehen, aber im Grunde kann man ihn auf den folgenden Satz hinunter brechen:

Bombadil ist Tolkien.

Mit diesen magischen drei Worten erschließt sich die Bezeichnung von Tom als „Master“ und „Eldest“ von alleine: Wenn Tom Tolkien ist, dann ist er nicht von dieser Welt (Mittelerde). Er ist der, der vor allem anderen da war. Er ist ihr Schöpfer. Der Ring hat keine Macht über ihn, weil er den Ring – wie alles andere auch – geschaffen hat. Und er kann die Hobbits nicht auf ihrer Reise begleiten und ihnen ihre Tat erleichtern, weil es dann keine Geschichte gäbe.

Natürlich ist Tom „not much interested in anything that we have done or seen“ – wie Gandalf am Ende ihrer Reise zu den Hobbits sagt – wenn er alles, was ihnen widerfahren ist, selbst geschrieben hat. Und logischerweise kann Bombadil, wenn er Tolkien ist, mit seinen Worten Bäume befehlen und Figuren wieder zum Leben erwecken.

Tom ähnelt in vielen Beziehungen dem, was wir aus Tolkiens Biografie über ihn wissen – allem voran verkörpert er die Liebe zur Natur.
Hinzu kommt die Tatsache, dass er als einziger Charakter im gesamtem Roman in einer romantischen Beziehung lebt, die so ungewöhnlich (ungewöhnlich für Tolkien, der seine Liebesplots ja bekanntlich gerne in den Anhang verbannte) häufig erwähnt wird, dass auf jeder Seite, auf der Bombadil vorkommt, auch seine Goldbeere stets präsent ist – im Grunde kann Tom von nichts anderem sprechen/singen.

Wäre es nicht möglich, dass Tolkien sich und seiner Frau Edith (seiner Lúthien) im „Herrn der Ringe“, mitten in Mittelerde, im Alten Wald, im hintersten Teil einer Welt, die noch nicht von Industrialisierung und Moderne überrollt wurde, ein kleines Heim geschaffen hat, in dem sie für ewig in Frieden zwischen den Bäumen und den Flüssen leben können?

Damit wären wir dann auch bei Teil Zwei dieses (inzwischen schon viel zu langen – bitte entschuldigt, wenn ich keine Hausarbeiten schreiben darf, muss ich meine Literaturanalyse anderweitig loswerden) Artikels angekommen:

Dare II: Cameo – Der Mann, der die Möhre kaut, den Speer wirft oder von einem Pfeil erschossen wird – wer den Roman zum ersten Mal liest oder mit dem Autor kaum vertraut ist, wird mit ihm nichts anfangen können, aber wenn man genau hinsieht, die falschen Haare und das Make-up ignoriert, erkennt der wahre Fan, dass sich der Meister hier selbst in seinen Roman hinein geschrieben hat.

BP: Wenn der Autor sich in seiner Geschichte über seine Geschichte aufregt und daher einen grundlosen Streit mit seinem Protagonisten beginnt.

DBP: Wenn der Protagonist seinen Autor tötet.

TBP: Wenn dem Protagonisten als Strafe dafür etwas Tragisches widerfährt.

Cookie: Wenn die Figur des Autors eine blaue Feder am Hut trägt.

Immer noch in meiner post-Sherlock-depression gefangen, konnte ich am Freitag nicht länger an mich halten und erstand „The Sherlockian“ von Graham Moore – dessen Cover mich schon öfters in Versuchung geführt hatte – und, weil ich ja schlecht einen Sekundärroman über Sherlock Holmes vor einem echten Sherlock Holmes-Roman lesen kann, kamen die gesammelten Werke (Band1 – Band2 hatten sie aus mysteriösen Gründen nicht) gleich dazu.

Mein Programm für das Wochenende stand also fest.

„The Sherlockian“ versucht gleich zwei Fälle in einer Geschichte zu lösen. Einerseits verfolgen wir Arthur Conan Doyle im London der Jahrhundertwende und seine Beweggründe „the best and wisest man“ wiederzuerwecken, nachdem er ihn Jahre zuvor so genüsslich ermordete:

Arthur Conan Doyle curled his brow tightly and thought only of murder. […] „If I have to concoct another of those tortous plots – the bedroom door always locked from the inside, the dead man’s indecipherable final message, the whole thing told wrong end first so that no one can guess the obvious solution – it is a drain. […] To put it frankly, I hate him. And for my own sanity, I will soon see him dead.“

Andererseits erleben wir im heutigen New York mit Harold White, einem der jüngsten Mitglieder der Baker Street Irregulars, den langersehnten Auftritt des weltweit führenden Sherlockian, Alex Cale. Nach jahrelanger Suche ist es Cale endlich gelungen das verschollene Tagebuch Doyles aus der Zeit vor Holmes Rückkehr zu finden und damit das Mysterium um den „Great Hiatus“ von Holmes zu entschlüsseln.

Doch bevor Cale seinen Fund auf der Holmes-Konferenz der Öffentlichkeit präsentieren kann, wird er – wie hätte es auch anders kommen können? – in seinem Hotelzimmer ermordet.

Harold und allen anderen Möchtegern-Detektiven der Baker Street Irregulars bleibt nur die blutige Nachricht, die neben Cales Leiche auf die Wand geschrieben wurde: „Elementary“

What would Sherlock Holmes do?“ asked Harold. He was deliriously earnest. He had to do this, he had to see if he could. […] „Search the floor for footprints! That’s what he does. In the very first Holmes story, A Study in Scarlet, the first act of detection he ever does is to examine the ground for footprints.“ „It’s carpeted“, responded Jeffrey. Harold looked down. Indeed, the floor was covered in a plush, taupe carpet. There were no footprints in sight. Sherlock Holmes was not real. Harold was not a detective. „But Holmes always finds footprints“, pleaded Harold. He couldn’t stop himself.

Und so beginnt die Jagd nach dem verschwundenen Tagebuch Conan Doyles, das Aufschluss über jene Monate bringen soll, in denen der Autor sich dazu entschloss, seine Kreatur wiederauferstehen zu lassen.

„The Sherlockian“ ist in erster Linie ein (manchmal auch klischeehafter) Unterhaltungsroman. Voller Zitate und Anspielungen auf Sherlock Holmes-Geschichten, Conan Doyles literarisches Umfeld (der Watson an Arthur Conan Doyles Seite ist dabei nämlich kein geringerer als Bram Stoker, dessen „Count What’s-His-Name“ ihm leider nicht den erwünschten Ruhm einbrachte) und das generelle Verhalten von „Fanboys“ – hinter denen dann leider auch die Kriminalfälle etwas zurücktreten müssen.

Sprachlich nicht immer ganz so „on the nose“ wie man es von einem Holmes-Fan als Autor erwarten könnte, bietet der Roman doch erstaunlich viele nachdenkliche und traurige Momente mit der Reflexion darüber, warum die Welt und ihre Helden nicht so sein können, wie sie es in Romanen sind.

Interessant ist auch, im Nachwort zu erfahren, wie viel des Inhalts, tatsächlich auf wahren Begebenheiten basiert – siehe auch: www.nytimes.com/2004/05/19/books/curious-incident-boxes-tussle-over-cache-conan-doyle-s-artifacts-ends-with.html?pagewanted=all&src=pm

Mein Urteil lautet daher: Wer Krimis will, sollte sich lieber an das Original halten, wen aber das Menschliche mehr interessiert, der ist mit „The Sherlockian“ gut unterhalten.