Selten bin ich auf eine Buch-Reihe gestoßen, die mich so himmelhoch jauchzen lässt und derart zum Tode betrübt, wie Jasper Fforde’s Thursday Next-Bücher.

Als ich vor einigen Jahren den ersten Teil „The Eyre Affair“ begann, war ich schon nach wenigen Kapiteln begeistert: Warum hatte ich diesen Autor nicht schon längst entdeckt? Wie viele Fortsetzungen gab es bereits? Sollte ich die vielleicht gleich alle auf einmal bestellen?

Aber dann las ich weiter und meine Begeisterung schmolz dahin. Mit zunehmender Seitenzahl wurde ich immer frustrierter, die Pausen, in denen ich andere Bücher las, immer länger und schließlich kostete es mich mehrere Anläufe, den Roman überhaupt zu beenden.

Einige Monate später nahm ich in den Ferien dann den zweiten Teil „Lost in a Good Book“ zur Hand … und war erneut begeistert: Wie hatte ich den ersten Teil so verurteilen können? Fforde war ein Genie! Sollte ich mir nicht besser gleich auch noch den dritten Teil bestellen?

Aber dann las ich weiter und … erinnerte mich wieder an meine früheren Probleme mit Fforde’s Büchern. Insgesamt habe ich, glaube ich, fast ein Jahr gebraucht, um den zweiten Teil zu beenden.

In den letzten Wochen habe ich nun den dritten Teil „The Well of Lost Plots“ gelesen und … langsam habe ich mich mit meinen widersprüchlichen Gefühlen hinsichtlich der Reihe abgefunden.
Daher kann ich nun auch furchtbar enttäuscht und vollkommen fasziniert Kritik und Lob zum Werk in Worte fassen.

3 Gründe, warum ich mir geschworen habe, nie mehr ein Thursday Next-Buch zu lesen:

  1. Fforde begräbt seinen roten Faden unter unzählbaren Mengen von Subplots: Er existiert zwar, irgendwo, aber der Leser bekommt ihn nur auf den ersten und letzten 30 Seiten des jeweiligen Romans zu Gesicht.
  2. Da der Roman nicht nur in einer alternativen Vergangenheit (in der realen Welt sind wir in den 80er Jahren) spielt, sondern dazu auch noch mehrere fiktionale Welten jongliert und ständig Charaktere einführt, die entweder die Vergangenheit an sich oder die Erinnerung unserer Heldin verändern können, hat man als Leser ernsthaft Mühe, die vielen verschiedenen und sich gegenseitig widersprechenden Handlungsebenen noch zu überblicken.
  3. Hinzu kommt die Masse an Charakteren, von denen die Buchwelt-Figuren auch häufig noch zwei Persönlichkeiten haben, die einen, auch wenn man es geschafft hat, die Handlung zu durchschauen und die Ebenen der Geschichte zu ordnen, irgendwann immer den Faden verlieren lassen.

 3 Gründe, warum ich diesen Schwur immer wieder brechen werde:

  1. Was zählt ist nicht die Handlung, sondern die Subplots, die so voller einzigartiger, skurriler und charmanter Ideen sind, dass man sie einfach lieben muss: Romancharakter-Austausch-Programme, Neandertaler Kunst- ausstellungen, schwangere Dodos, Sarkasmus-Frühwarnanlagen, etc.
  2. Thursday Next arbeitet nicht nur in einer Regierungsabteilung für literarische Detektive, sondern in späteren Bänden auch für „Jurisfiction“, eine Organisation, bestehend aus fiktionalen Charakteren und realen Personen, die von Buch zu Buch springen und dort für Ordnung sorgen (indem sie u.a. Therapiestunden für zerstrittene Romanfiguren anbieten, den Schwarzmarkthandel von Plotelementen kontrollieren und die grammatikgefährdenen „grammasites“ bekämpfen).
  3. Fforde macht sich das Medium Text in jeder nur denkbaren Form zu eigen: So kann unsere Heldin sich dank „FootNoterPhone“ mit anderen Charakteren über Fußnoten unterhalten, die „grammasites“ greyphen den Txet für den Läser scihtbra an und manche Wesen der Buchwelt reden für den Leser lesbar für die Charaktere aber unverständlich in Sprachen wie Courier Bold.

Mein Fazit daher: Jasper Fforde’s Thursday Next-Reihe ist genial! Empfehlen kann ich sie aber nur Lesern, die gut darin sind, den Überblick zu behalten, nichts gegen Längen haben und die Schönheit einzelner Sätze und Ideen wertschätzen können.

PS: „Warning: The author may have eaten nuts while writing this book.“

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Jacob stirbt. Um seinen Bruder zu retten, hat er einst sein eigenes Leben verwirkt. Jetzt bleiben ihm nur noch wenige Monate bis der Fluch der Roten Fee ihm den Tod bringt. Aber Jacob Reckless würde seinem Namen untreu werden, wenn er dieses Schicksal einfach so hinnähme.

Genauso arrogant und leichtsinnig wie wir ihn aus Teil Eins kennen, begibt Jacob sich mit seiner treuen Gefährtin Fuchs auf die Suche nach einem Wundermittel, das ihn doch noch heilen kann. Und als die verwunschenen Äpfel versagen und der magische Wunschbrunnen ausgetrocknet ist, bleibt nur noch ein legendärer Schatz übrig: Die Armbrust des Hexenschlächters, die voll Hass genutzt ganze Heere mit einem Schuss ausrotten, mit Liebe geführt jedoch ein Leben retten kann.

Vor zwei Jahren habe ich mit hohen Erwartungen den ersten Teil von Cornelia Funkes neuer Fantasy-Reihe (meine gutmütige Rezension und allgemeine Liebeserklärung an die Autorin lässt sich hier nachlesen) gelesen und war … unentschlossen. Viele der Motive, Ideen und Charaktere in „Reckless – Steinernes Fleisch“ gefielen mir gut, auch wenn sie stark an bekannte Märchen angelehnt waren. Insgesamt erschien mir die Geschichte aber nicht ganz rund. Was genau mich eigentlich gestört hat, ist mir bis heute unklar, aber eines weiß ich sicher: Ich war enttäuscht.

Daher habe ich auch etwas länger als gewöhnlich überlegt, ob ich mir den zweiten Teil überhaupt kaufen sollte. Am Freitag wurde mir die Entscheidung dann jedoch abgenommen, als ich zufällig in einer Buchhandlung über „Reckless – Lebendige Schatten“ stolperte. Ich nahm das Buch erstmal in die Hand und überlegte noch, ob es die 20 Euro wohl wert wäre, als mein Blick auf den dreimal so großen Tisch voller „Fifty Shades of Grey“ Bücher daneben fiel. Allein schon aus Protest gegen die aktuellen Bestsellerzahlen konnte ich daher nicht anders, als mir den neuen Funke zu kaufen.

Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht! „Lebendige Schatten“ ist trotz seines bescheuerten Titels (vielleicht kann mir ja jemand, der das Buch auch gelesen hat, erklären, was der Titel mit dem Roman zu tun hat?) eindeutig besser als sein Vorgänger. Die Handlung hat mehr Struktur, ist spannender und die Fortsetzung im nächsten Teil wird eleganter vorbereitet. Die Spiegelwelt, die wir diesmal ausgiebig bereisen, zeigt, dass sie mehr ist, als nur ein Phantasieland, in dem alle unsere liebsten Märchenfiguren Wirklichkeit werden. Auch wenn man immer nur am Rande davon hört, merkt der Leser doch wie die Märchenwelt immer mehr der uns Bekannten nacheifert, wie Magie und Wunder immer mehr durch Industrialisierung und Wissenschaft ersetzt werden und wie die Schätze, nach denen Jacob sucht, immer mehr den Museumsstücken gleichen, zu denen sie in unserer Welt werden.

Und auch Jacob verändert sich. Vielleicht durch die Todesangst, die diesmal ihn selbst betrifft, vielleicht durch die Liebe, die er nur langsam zulässt.

Romantischer, spannender, besser. Ich kann „Reckless – Lebendige Schatten“ allen empfehlen, die sich nach Teil Eins ebenfalls unsicher waren, denn ich freue mich jetzt wieder auf den nächsten Teil!

PS: Ich glaube Cornelia Funke hat für ihre Fans ein kleines Easter Egg im Buch versteckt – ich habe da zumindest etwas gefunden, dass mich schmunzeln lies und etwas in einem ihrer anderen Bücher plötzlich erklärte – Tipp: Seite 22

Laura von ein verhexter ort hat mir vor einigen Wochen folgenden Award verliehen

und da man Dankesreden ja bekanntlich kurz halten soll, gebe ich den Preis (den Regeln folgend) hiermit auch gleich an fünf meiner Lieblings-Blogs weiter:

1. Dann beschuldigt mich halt der Vetternwirtschaft, fest steht trotzdem, dass auf meinem Blog schon seit Ewigkeiten nichts mehr passieren würde, wenn ich nicht mit Sirat den Blog-Deal begründet hätte: Romananfänge, Nanowrimo-Dares, Rollenspielgeschichten und gelegentliche Frustablass-Artikel findet ihr bei ihm.

2. Deborah ist mit ihrem Sommerdiebe-Blog besonders was Fleiß angeht ein großes Vorbild für mich: Bei ihr geht es um Bücher, Filme, Fotographie, Berlin und Oscar Wilde – im Grunde also um alles, was das Leben schön macht!

3. Eine Extra-Nominierung bekommt Deborah auch für den Farbfilmblog, der mich immer mit guten Filpmtipps und Rezensionen versorgt.

4. Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, 50 Bücher zu lesen (25 davon aus der „ernsthaften“ Literatur), Miriam von 1001 Bücher – das Experiment geht da noch einen Schritt weiter und begibt sich für die nächsten Jahre auf eine Reise durch 1001 Werke der Weltliteratur – sehr empfehlenswert!

5. Um meine Macht auch zum Guten einzusetzen, verleihe ich den letzten Preis an Kim, die ihn bitte als Aufforderung, wieder mehr zu bloggen, ansieht 😉 Nirgendwo sonst gibt es so herrliche Einträge über unsere Gesellschaft, die kleinen Gemeinheiten des Alltags und die Menschen, die uns auf Bahnfahrten begegnen!

Da der Eskapist die letzten Wochen offensichtlich in dem o.g. Loch verbracht hat, hier ein paar Schlagzeilen, die euch im letzten Monat unterhalten oder genervt hätten können, dann aber glücklicherweise von Lord Laziness in sein dunkles Schloss entführt wurden:

Umziehen oder aufhören, Bücher zu kaufen – ein Dilemma

 „Solange ein Drache vorkommt“ – Fantasy, eine Genrebestimmung

 „Why do I give a shit?“ – philosophisches Hotelgeflüster über den Sinn des Lebens

 Wie exzellent bin ich? – Das lange Warten auf die Master-Zusage

 Alle guten Dinge sind drei? – Der Hobbit wird zur Trilogie

 Apropos Drache …

Ich rappelte mich hoch, streckte dem Untier dreist meine Hand entgegen und log ohne mit der Wimper zu zucken: “Rüdiger, der Rachsüchtige – Ihr werdet sicher schon von mir gehört haben – Bezwinger von Monstern, Befreier von Jungfrauen, von Kriegern gefürchtet, von Damen geliebt, besungen von sämtlichen Barden in allen Königreichen diesseits des Meeres – und in zwei jenseitigen, von denen ich weiß!”

Die roten Augen des Drachen glühten bei meiner arroganten Vorstellung heiß auf. „Ihr seid Rüdiger, der Rachsüchtige?“ Der abschätzende Blick des Ungetüms stieß ein Dolch in meinen Panzer der Eitelkeit.
Gekränkt rümpfte ich die Nase noch weiter: „So ist es, Steinherz, der Blutige.“ Trotzig wollte ich meine immer noch ausgestreckte Hand schon wieder zurück ziehen, als der Drache sie plötzlich mit seiner gewaltigen Kralle umschloss.

„Es ist mir eine Ehre, nein wirklich, eine Ehre! Ich dachte nur … meine Mutter hat mir bereits Geschichten von Euren Taten erzählt, darum hätte ich Euch älter geschätzt … aber dass ich gerade Euch hier begegne, nein wirklich … wie ihr mit der Seeschlange von Lindburg umgesprungen seid, es war eine Inspiration … nein wirklich, solch eine Ehre! Zuhause werden sie es mir nicht glauben, wenn ich ihnen erzähle, in wen ich hineingeflogen bin!“

Der Redeschwall des Tieres wurde von einem unterwürfigen Hecheln begleitet, dass so gar nicht zu seinem imposanten Körper passen wollte. Von der überraschenden Wendung meines Erlebnisses überrumpelt, starrte ich für einige Momente verwirrt auf die grinsende Fratze des Drachen.

 1. Als ich aus meiner Starre wieder erwachte, klopfte ich dem Untier wohlwollend auf die Pfote: „Mach dir keine Sorgen, mein Freund, es ist auch eine Ehre, dich zu treffen!“

2. Als ich aus meiner Starre wieder erwachte, zog ich ein Stück Pergament aus meinem Gürtelbund: „Autogramm gefällig? Dann müssen sie dir zu Hause ja glauben!“

3. Als ich aus meiner Starre wieder erwachte, zog ich blitzschnell mein Schwert, um dem anbiedernden Ungetüm endlich ein Ende zu machen: „Stirb, Monster!“

Mit einem Kommentar entscheidest du, lieber Leser, was unserem Helden passiert, also wähle mit Bedacht, sein Leben liegt in deinen Händen.

Ich war gerade auf der Suche nach einem geeigneten Thema, über das ich bloggen könnte, und überlegte über die neue Serie von Aaron Sorkin „The Newsroom“ zu schreiben, als ich (durch Schicksal oder Zufall) auf einen ZEIT-Artikel stieß, der meine Suche beendete.

Jedem, der sich gerne am Kopf kratzt und Sätze drei Mal liest, um ihre Intention zu enthüllen, kann ich den Artikel „Bügeln geht nicht mehr“ über aktuelle amerikanische Fernsehserien nur empfehlen.
Zugegeben, die Betitelung des Artikels als „eine Polemik“ warnt den Leser, sodass er sich auf eine kontroverse Meinung vorbereiten kann, aber ich habe einige Zeit gebraucht, bis mir klar wurde, was der Autor des Textes eigentlich kritisiert.

Die Kritik des Autors an der neuen Welle von amerikanischen (vor allem HBO) Serien, die in den letzten Jahren auch Deutschland erfasst hat, ist nämlich, dass sie zu gut sind!

Ja, schon im Untertitel des Artikels heißt es: „Alle Welt schwärmt von den amerikanischen Fernsehserien. Dabei terrorisieren sie uns mit ihrer durchgestylten Perfektion und Komplexität.“

Perfektion“ und „Komplexität“ sind zwei Wörter, die ich lobend benutzen würde, der Autor dieses ZEIT-Artikels sieht das jedoch anders:
Er trauert vielmehr den schlechten, alten Zeiten hinterher, in denen Fernsehserien noch Bügeleisen als Navigationsinstrumente und schwarze Plotlöcher, die die Hirne ihrer Protagonisten verschlucken, hatten: „Fernsehen war einmal ein unedles, zerstreutes Medium, in dem sich das Erhabene und der Murks verschwägerten.“

(Jeder, der „Doctor Who“ liebt, weiß natürlich, dass es damals wie heute immer noch reine Glückssache ist, ob man mit Weeping Angels oder fliegenden Riesen-Wespen konfrontiert wird – von schwebenden Salzstreuern natürlich ganz zu schweigen – und das o.g. Argument somit schnell außer Kraft gesetzt werden kann.)

Hinzu kritisiert der Autor die Wirkung, die die modernen Serien auf den Zuschauer haben. Früher lernte „wer Serien liebte […] zwischen den Zeilen zu lesen, das Unausgesprochene und Uneingelöste zu schätzen, im Dreck nach Gold zu schürfen“ und das Publikum wurde somit zu einem „aktiven Zuschauer“, der Plotlöcher selbst füllte, Hintergrundgeschichten zu Charakteren selbst erfand und dadurch seine Lieblingsserien selbst besser machte als sie waren.

„Der aktive Zuschauer, der wahre Medienfan, den die Cultural Studies gefeiert haben, scheint hingegen [heutzutage] überflüssig zu werden[, weil es] in den durchkomponierten, überdeterminierten, auserzählten neuen Shows […] wenige Lücken [gibt], in die ein Fanautor mit seinen Fantasien, seinen eigenen Storys stoßen könnte“.
Sprich: Die neuen Serien sind so gut, dass der Zuschauer sie nicht mehr verbessern muss und dadurch wird er – der These des Autors nach – zum reinen Konsumenten, schlimmer noch: zum Eskapisten! („Vielmehr legen die neuen Serien […] den Gedanken nahe, dass es ihnen vor allem auf Atmosphäre und »Style« ankommt, um die Erschaffung von Markenuniversen, die so komplett und zugleich so grenzenlos sind, dass sich der Zuschauer in ihnen verliert“)

Ganz davon abgesehen, dass Eskapismus auf diesem Blog selbstverständlich gefeiert wird, offenbart diese Kritik das riesige Loch in der Argumentation des Autors: Nicht die schlechte Qualität vergangener Serien hat den Zuschauer früher „aktiv“ gemacht. Dass jemand Fan einer Serie ist, weil sie schlechte Drehbücher, Ausstattungen und Schauspieler hat, kann ich mir nicht vorstellen. Zum Fan wird man, wenn man etwas gut findet. Und als Fan kann man eine Serie trotz der o.g. Defizite mögen.

Die verbesserte Qualität moderner Serien macht den Zuschauer daher alles andere als passiv, sie „aktiviert“ ihn nach wie vor über das „Gute“ an einer Serie, das ihn zum Fan macht. Und nie waren Fans aktiver als heutzutage in Foren, auf Fanfiction-Seiten, Podcasts, Conventions, social media, etc.
Der einzige Unterschied ist, dass die modernen Fans ihre Lieblingsserien nicht mehr ausbessern, sondern nur noch verbessern.

Nein, die neuen amerikanischen Serien sind nicht perfekt. Wenn man jedoch Fernsehserien aus früheren Jahrzehnten mit ihnen vergleicht, kann man leicht urteilen, dass viele der neuen Serien besser sind. Warum man die „akribische Ausstattung, [die] ausgesuchten Sets und [die] erbarmungslos orchestrierten Geschichten“ jedoch kritisieren sollte, erschließt sich mir nicht.

Perfektion und Komplexität in „einem Fernsehen, das sich nicht angreifbar machen will“ heiße ich persönlich willkommen!

In diesem Sinne,
schaut „The Newsroom“

PS: Bonuspunkte für jemanden, der mir den Matrix Vergleich und das Zitat von Fredric Jameson im Kontext des Artikels erklären kann!

So sehr ich Tolkien und sein Meisterwerk auch verehre, wenn ich den „Herrn der Ringe“ aus der Perspektive eines Lektors lese, finde ich viele Stellen, an denen ich die Kommentarfunktion meines Schreibprogrammes überlasten müsste. Allen voran diese unsägliche Tom-Bombadil-Episode

Der Abstecher der Hobbits in den Alten Wald hat mir schon immer irgendwie missfallen. Nicht nur, weil die Handlung an dieser Stelle kaum voran kommt und ich sie daher beim Lesen immer öfter überspringe, um endlich nach Bree zu kommen, sondern auch, weil ich mit der Figur von Tom Bombadil nie etwas anfangen konnte.

Mitten in die erste Nah-Tod-Erfahrung der Hobbits kommt dieser kunterbunte Waldschrat gehüpft, der ihnen nonsense-singend wiederholt aus der Patsche hilft und die Autorität des plottreibenden, unwiderstehlichen Machtinstruments, des Ringes, profund untergräbt.

Erst etabliert Tolkien den Einen Ring als so gefährlich und tückisch, dass ihn niemand sicher verstecken oder gar benutzen kann – sodass als einziger Ausweg und Ziel des Romans nur seine Zerstörung bleibt – und kaum 100 Seiten später treffen wir einen Gott-ähnlichen Öko-Aktivisten, der gegen die Macht des Ringes vollkommen immun zu sein scheint. WTF?! An dieser Stelle kann ich Frodos Empörung vollkommen nachvollziehen: „He was perhaps a trifle annoyed with Tom for seeming to make so light of what even Gandalf thought so perilously important.“

Seine Erhabenheit über die Macht des Ringes ist es, die Bombadil zu einer der mysteriösesten Figuren im „Herrn der Ringe“ macht. Ist er einer der Valar, oder sogar Ilúvatar, der Schöpfer, selbst? Ist er eine – von Tolkien selbst so vehement abgelehnte – Allegorie des christlichen Gottes in Mittelerde?

Wer ist er? Das fragen sich auch die Hobbits. Toms Frau Goldbeere antwortet Frodo auf seinen ersten Versuch dieses Mysterium zu lösen schlichtweg: „He is […] He is, as you have seen him“ und der Leser fühlt sich sofort an „Ich bin der ich bin“ erinnert.
Sie sagt aber auch: Tom Bombadil is the Master. No one has ever caught old Tom walking in the forest, wading in the water, leaping on the hill-tops under light and shadow. He has no fear. Tom Bombadil is master.“ und macht damit klar, dass Bombadil nicht wirklich ein Teil dieser Welt (Mittelerdes) ist.

Bei seinem zweiten Versuch bekommt Frodo immerhin eine ausführlichere Vorstellung von Bombadil selbst: „Don’t you know my name yet? That’s the only answer. Tell me, who are you, alone, yourself and nameless? But you are young and I am old. Eldest, that’s what I am. […] Tom was here before the rivers and the trees; Tom remembers the first raindrop and the first acorn. […] Tom was here already, before the seas were bent.“ Tom Bombadil ist also der Älteste, der, der vor allem anderen da war – der Schöpfer?

Für die christliche Interpretation sprechen nicht nur Goldbeeres Worte, sondern auch Toms Taten – weckt er doch zumindest drei Hobbits mit seiner „commanding voice“, die Frodo später als „the power of Bombadil“ bezeichnet, von den (beinahe) Toten auf.

Aber für einen Gott wirkt Bombadil dann doch wenig interessiert an den Geschehnissen in seiner Welt. So weißt Tom, als er sich von den Gefährten verabschiedet, sie darauf hin, dass er Wichtigeres zu tun hat, als sie zu begleiten: „I’ve got things to do […] my making and my singing, my talking and my walking, and my watching of the country. Tom can’t be always near to open doors and willow-cracks. Tom has his house to mind, and Goldberry is waiting.“

Und auch Gandalf, der sich vor der Säuberung des Auenlandes von den Hobbits trennt um Bombadil zu besuchen, bezeichnet ihn als „untroubled“, als einen, der sich für die Abenteuer der Gefährten, die ja immerhin die Welt vor der Dunkelheit gerettet haben, nicht interessiert.

Kurz und gut: All diese widersprüchlichen und verwirrenden Beschreibungen machten Tom Bombadil in meinen Augen stets zu einem schlichtweg unnötigen Charakter, der vollkommen zu recht in Jacksons Filmversion gestrichen wurde.

Bis ich bei polyoinos auf einen Aufsatz über die Identität Bombadils stieß, der es endlich schaffte, mir die Figur näher zu bringen. Der vollständige Text von Frank Weinreich ist meiner knappen Zusammenfassung selbstverständlich vorzuziehen, aber im Grunde kann man ihn auf den folgenden Satz hinunter brechen:

Bombadil ist Tolkien.

Mit diesen magischen drei Worten erschließt sich die Bezeichnung von Tom als „Master“ und „Eldest“ von alleine: Wenn Tom Tolkien ist, dann ist er nicht von dieser Welt (Mittelerde). Er ist der, der vor allem anderen da war. Er ist ihr Schöpfer. Der Ring hat keine Macht über ihn, weil er den Ring – wie alles andere auch – geschaffen hat. Und er kann die Hobbits nicht auf ihrer Reise begleiten und ihnen ihre Tat erleichtern, weil es dann keine Geschichte gäbe.

Natürlich ist Tom „not much interested in anything that we have done or seen“ – wie Gandalf am Ende ihrer Reise zu den Hobbits sagt – wenn er alles, was ihnen widerfahren ist, selbst geschrieben hat. Und logischerweise kann Bombadil, wenn er Tolkien ist, mit seinen Worten Bäume befehlen und Figuren wieder zum Leben erwecken.

Tom ähnelt in vielen Beziehungen dem, was wir aus Tolkiens Biografie über ihn wissen – allem voran verkörpert er die Liebe zur Natur.
Hinzu kommt die Tatsache, dass er als einziger Charakter im gesamtem Roman in einer romantischen Beziehung lebt, die so ungewöhnlich (ungewöhnlich für Tolkien, der seine Liebesplots ja bekanntlich gerne in den Anhang verbannte) häufig erwähnt wird, dass auf jeder Seite, auf der Bombadil vorkommt, auch seine Goldbeere stets präsent ist – im Grunde kann Tom von nichts anderem sprechen/singen.

Wäre es nicht möglich, dass Tolkien sich und seiner Frau Edith (seiner Lúthien) im „Herrn der Ringe“, mitten in Mittelerde, im Alten Wald, im hintersten Teil einer Welt, die noch nicht von Industrialisierung und Moderne überrollt wurde, ein kleines Heim geschaffen hat, in dem sie für ewig in Frieden zwischen den Bäumen und den Flüssen leben können?

Damit wären wir dann auch bei Teil Zwei dieses (inzwischen schon viel zu langen – bitte entschuldigt, wenn ich keine Hausarbeiten schreiben darf, muss ich meine Literaturanalyse anderweitig loswerden) Artikels angekommen:

Dare II: Cameo – Der Mann, der die Möhre kaut, den Speer wirft oder von einem Pfeil erschossen wird – wer den Roman zum ersten Mal liest oder mit dem Autor kaum vertraut ist, wird mit ihm nichts anfangen können, aber wenn man genau hinsieht, die falschen Haare und das Make-up ignoriert, erkennt der wahre Fan, dass sich der Meister hier selbst in seinen Roman hinein geschrieben hat.

BP: Wenn der Autor sich in seiner Geschichte über seine Geschichte aufregt und daher einen grundlosen Streit mit seinem Protagonisten beginnt.

DBP: Wenn der Protagonist seinen Autor tötet.

TBP: Wenn dem Protagonisten als Strafe dafür etwas Tragisches widerfährt.

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