Kompass


Mit Sekt und offizieller Zertifikatsvergabe (inklusive einzelner Namensaufrufung, Applaus, Händedruck und guten Wünschen) endete heute die fast einjährige Reise mit dem Kompass-Schiff durch die Meere der Berufsorientierung. Für den langersehnten Abschied von der Mannschaft wurde noch ein letztes Mal der Seesack der Symbolik geöffnet und nach den letzten kreativen Reflexionsübungen und viel zu langer Re(e)derei bekam jeder Matrose dann auch einen echten Kompass in die Hand:

Und weil’s so schön war, halte ich in diesem Logbuch noch einmal die Top Ten der schönsten Übungen und Momente (im Hintergrund spielt natürlich „One Moment in Time“) fest:

Auf Platz Zehn: Die Erfolgsgeschichten, die wir eigentlich die ganze Zeit über in unserer Crew schreiben und besprechen sollten – die Betonung liegt hierbei auf „eigentlich“. Meine Crew beschloss zum Glück, nachdem wir uns unter Aufsicht drei dieser Geschichten aus den Fingern saugen mussten, dass wir unsere Fähigkeiten auch ohne weiteres „Und dann hab ich irgendwann mal einen Reifen gewechselt. – Hey, ich kann Reifen wechseln. Yay.“ einschätzen konnten.

Direkt dahinter, auf der Neun, folgt der Workshop zum Thema Arbeitsorganisation und Zeitmanagement, der in einem fulminanten Gastvortrag einer Zeitmanagement-Spezialistin endete, die nicht nur (wie so viele andere auch) keinerlei neue Informationen bieten konnte, sondern die auch bis zum Ende der Sitzung nur knapp die Hälfte ihrer Folien durchgeklickt hatte und daher gnadenlos überzog.

Platz Acht: Der Brief aus der Zukunft. Man sollte doch annehmen, dass einem Brieffreund wie mir, solch eine Aufgabe zuspricht. Und ja, ich bin auch gut darin mir meine Zukunft in den allerschönsten Grüntönen auszumalen. Aber wenn der Sinn der Übung darin liegen soll, mein Traumleben zu beschreiben, dann kann ich am Ende, mit Blick auf das zu Papier Gebrachte, doch nur erkennen, dass es mir an blindem Optimismus mangelt.

Für Platz Sieben bleiben wir bei den Optimisten, denn er gebührt dem Kompass-Team, dem ewig lächelnden Kompass-Team. Selbst als eine der Betreuerinnen nach einer unserer Präsentationen (wegen des schöpferischen Potentials, das in uns steckte) zu Tränen gerührt war, lächelte sie noch.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lächeln sie noch heute. Und für immer. Auf immer und ewig lächelnd. Konstant. Immer. Pausenlos. Lächeln, immer nur lächeln.

Auf der teuflischen Sechs findet sich alles zusammen, das damit zu hat sich selbst zu finden/Zeit mit sich selbst zu verbringen/sich selbst besser kennen zu lernen/…
Wer es an die Uni geschafft hat, ohne jemals darüber nachzudenken, was man will, was einen interessiert, oder was einem gefällt, dem gratuliere ich.
Und wenn ich mich bis jetzt noch nicht kenne, dann hat das mit Sicherheit einen Grund, der nicht dadurch verschwinden wird, dass mir ein Trupp Grinsekatzen Fragen dazu stellt, was ich gern höre/sehe/rieche/schmecke oder womit ich als Kind am liebsten gespielt habe.

Die Fünf geht an alle Collagen und Vernissagen derselben, die wir im Laufe des Jahres gebastelt haben. Warum Basteln wichtig war? Weil die gewählten Ausschnitte und Farben soviel über unser Innerstes aussagen.

Platz Vier gebührt den Phantasiereisen/Traumreisen, die uns helfen sollten, die Zukunft zu visualisieren. Das Gesehene wurde natürlich anschließend durch eine Collage zu Papier gebracht. Zum Glück gibt’s Kopfkino.

Gerade noch in die Top Drei geschafft haben es die Vorträge, die uns im Schafspelz namens „Seminar“ untergeschoben wurden, in Wahrheit aber nichts anderes als vierstündige Vorlesungen zum Thema Arbeitspsychologie waren. Rein von der Lebenszeit her gesehen, die er mich gekostet hat, würde diesem Theorie-Teil Platz Eins gebühren, aber da er auch die einzige Möglichkeit bot, Fakten statt lauwarmen Gelaber zu hören, kann es nicht zu einer höheren Platzierung kommen.

Auf Platz Zwei: Die unvergessene „Apfel-Übung“, die uns helfen sollte zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden. Für diejenigen Leser, die Entscheidungsschwierigkeiten haben, folgt hier eine Anleitung zum Selbsttest (Ich muss jedoch vermerken, dass ich diese Übung nicht für Teilnehmer über 5 Jahren empfehlen kann):
–  an zwei Möglichkeiten denken
–  zwei Äpfel (vorzugsweise einer rot, einer grün) in die Hand nehmen
–  mit den zwei Äpfeln die zwei Möglichkeiten identifizieren
–  die Äpfel betrachten
–  die Äpfel betasten
–  an den Äpfeln riechen
–  über die Äpfel noch mindestens zehn Minuten meditieren
–  dann den Apfel wählen, den man lieber essen möchte
–  Tadaa! Man hat sich entschieden.
Ja, im Ernst, so läufts. Und nichts kann dabei schief gehen. Nicht dass man, als vernunftbegabter Mensch nicht sofort antizipiert, was der ganze Apfel-Blödsinn soll, und automatisch mit dem Apfel, den man lieber essen möchte, die Möglichkeit identifiziert, die man sowieso gewählt hätte. Und selbst wenn dem nicht so ist, und man keinerlei Präferenz hat: Wer würde denn eine lebenswichtige Entscheidung von einem Apfel treffen lassen?
Und wenn man sich wirklich so schlecht entscheiden kann, dass man seine Entscheidungen von Äpfeln fällen lässt, wie schafft man es dann, sich zwischen den zwei Äpfeln zu entscheiden?

Platz Eins gehört einer kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren und auch nur einmal durchgeführten Übung, die mir jedoch durch ihre Sinnfreiheit und Krabbelgruppen-Pädagogik bis in alle Ewigkeit den fundamentalen Grand Canyon vor Augen führen wird, der mich von den Schöpfern des Kompass-Programms trennt. Ich gedenke ihrer liebevoll als „Ball und Tuch“, da dieser Titel nicht nur ihrer Simplizität gerecht wird, sondern auch beinahe schon ihren vollständigen Inhalt erläutert.
Für diejenigen Leser, die testen wollen, ob es ihnen in Bezug auf Kompass und diese spezielle Übung ähnlich gehen würde, hier die Versuchsbeschreibung: Man nehme einen Ball und ein Tuch (und auch nur das) und dann baue man etwas daraus.
Wer an dieser Stelle „hä?“ denkt, hat meine vollste Sympathie.
Ich kann nur annehmen, dass diese Übung am frühen Morgen dazu gedacht war, unsere Kreativität wachzurütteln, aber nichtsdestotrotz frage ich mich doch, wie wohl ein Vorbereitungstreffen der Teamer aussehen kann, das mit dieser Idee endet:
A (lächelt): Und wie beginnen wir unseren Workshop zur Selbstständigkeit?
B (lächelt): Oh, ich habe da eine ganz tolle Idee!
A (lächelt): Lass hören!
B (lächelt): Wir legen ganz viele Bälle und Tücher in die Mitte des Kreises und dann darf sich jeder einen Ball und ein Tuch nehmen und daraus etwas basteln. Dann stellen wir uns im Kreis auf und erklären reihum unsere Schöpfungen und dann geben wir sie im Kreis solange umher, bis jeder einmal jedes Objekt in der Hand hatte.
A (lächelt): Ja, wunderbar! Das ist perfekt! Wie kommst du nur immer auf solch tolle Ideen?
B (lächelt): Der Gedanke ist mir bei einer Traumreise gekommen und hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich habe Wochen lang an der Perfektionierung gearbeitet und dabei auch viel Neues über mich selbst gelernt.
A (lächelt): Toll. Aber wir müssen die Präsentation der Objekte filmen, damit wir, falls uns je schlecht geht, etwas haben, dass uns an diese schönen Stunden zurück erinnert.
B (lächelt): Super!
Und so kann man zwanzig Leute dreißig (!) Minuten beschäftigen.

Und so kann man über vierzig Leute (auch wenn manche schon zwischendurch freiwillig über Bord gegangen sind) zwei Semester lang sinnlos beschäftigen.

Darauf einen Gin.

Ahoi.

Advertisements

Ja, ein offizieller Test hat es ergeben: Ich sollte Parfümeur werden. (Ich liebe Tests.)

Heute haben wir eine Phantasiereise gemacht (Ich liebe Phantasiereisen.), in der wir uns unsere Selbstkarte von einem roten Ballon aus vorstellen sollten. Anschließend wurde dieses Bild natürlich künstlerisch festgehalten. (Ich liebe Basteln.) Das kam dabei heraus:

 

Interpretationsvorschläge? (Ich liebe Interpretationsvorschläge.)

Vielleicht, ist mir heute eingefallen, ist das gesamte Kompass-Projekt ja in Wirklichkeit ein Experiment und die Veranstalter wollen austesten, wie viel sinnlosen Schwachsinn der normale Student über sich ergehen lässt, bis er aussteigt.

Immerhin haben wir alle schriftlich bestätigt, dass wir bereit sind uns auf diese „Reise“ einzulassen. Und permanent fröhlich grinsen kann so ein Teamer doch auch nur, wenn er innerlich über die ihm Ausgelieferten lacht, oder?

Das würde dem Ganzen zumindest einen tieferen Sinn geben.

Jetzt ist nur die Frage, ob man aufgibt, oder weiter mitspielt. Und wird dieses Experiment am Ende auch außer Kontrolle geraten, weil wir durch die „Alles-nur-immer-schön-positiv“-Methode soviel Selbstvertrauen gesammelt haben, dass wir uns für Über-Menschen halten?

"Mein Weg" oder "Was ich heute im Vier-Stunden-Kindergarten gebastelt hab"

„Mein Weg“ oder „Was ich heute im Vier-Stunden-Kindergarten gebastelt habe“

Freitags in die Uni zu müssen konnte ich bisher fast immer vermeiden. Dieses Semester droht jedoch das Kompass-Programm der Allgemeinen Berufsvorbereitung, bei dem Studenten, die solchen Sachen eigentlich lieber aus dem Weg gehen, sich intensiv mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen sollen. Mit soviel Offenheit und Motivation wie ich aufbringen kann, geht es also auch am gefühlten Wochenende zur Uni.

Doch meine schlimmsten Befürchtungen werden wahr, als ich im angegebenen Raum das beliebteste Folterinstrument aller Pädagogen – den Stuhlkreis – entdecke. Und nach einer kurzen Teamvorstellung beginnt auch schon der Horror: Kennenlernspiele.
Beim fröhlichen Wir-lernen-uns-kennen-indem-wir-uns-gegenseitig-nach-dem-ersten-Eindruck-beurteilen erfahre ich, dass ich Geologie studiere und ehrenamtlich im Tierschutzverein arbeite. Faszinierend. Am Ende dieses Spiels steht der „Wie-fühlt-ihr-euch“-Zähler bereits auf 4, mein Aggressionsspiegel bei 50% und glücklicherweise auch eine Pause an.

Anschließend geht es weiter mit der Präsentation des Programms und der Coaches. Der Aggressionsspiegel sinkt.

„Und jetzt bilden wir die Crews.“ Bitte was?
„Mit eurer Crew werdet ihr in den nächsten Wochen die Leinen loslassen, die euch halten, in See stechen, gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen und letztendlich herausfinden wohin eure berufliche Kompassnadel zeigt.“ ’Tschuldigung, ich hab’s noch nicht ganz verstanden. Mehr Meermetaphern bitte.
„Auch wenn wir Teamer und die Coaches eure Kapitäne sind, entscheidet doch immer die Crew wohin gesegelt wird. Ihr unterstützt euch gegenseitig bei der Reise auf dem Ozean der Zukunft.“ Danke.
„Um den Zusammenhalt zu stärken wird jede Crew jetzt ein Wappen entwerfen und sich einen Namen geben. Das Wappen soll aus Symbolen bestehen, die die einzelnen Crewmitglieder repräsentieren.“ Ein Wappen? Ernsthaft?!

Wie im Kindergarten sitzt also jede Crew mit buntem Papier, Schere, Kleber und farbigen Markern in einer Ecke und bastelt ihr Crewwappen. Yay. Bin echt froh, dass ich dafür aufgestanden bin.
Nach der Vorstellung der Crewwappen und –namen klatscht die Runde begeistert und die einzelnen Crews werden von Lob überschüttet:
„Wunderschön.“ Danke.
„Wirklich sehr kreativ.“ Ja, danke.
„Ihr habt euch „Die Lotsen“ genannt. Na, das passt ja auch zu Kompass und unserer gemeinsamen Reise.“ Echt jetzt?!
„Da ist euch ein wirklich schönes Wappen gelungen.“ Sach mal, bin ich zwölf, oder was?!?
Und so enden vier Stunden, die ich lieber im Bett verbracht hätte. Mit nach Hause nehme ich wenig neue Erkenntnisse, mein Namensschild, unser Crewwappen und die Angst vor dem nächsten Freitag.

Zum Schluss muss ich auch noch, mit vor Scham gesenktem Kopf, gestehen, dass ich meinen wie-fandest-du-den-Tag-heute-Sticker auf der Smilie-Skala nicht ehrlich bei 😦 sondern bloß opportunistisch bei :/ gesetzt habe.
Scheiß Gruppenzwang. Scheiß beobachtende Betreuer. Scheiß Freitag.

Ich brauch Alkohol.