Filme


Nach „The Queen“ und „The King’s Speech“ kommt nun die nächste Biographie einer britischen Persönlichkeit in die Kinos: „The Iron Lady“ über Margaret Thatcher.
Starbesetzung, Oscar-nominiert und schon jetzt in aller Munde – was kann da schief gehen?

Um meine Meinung vorweg zu nehmen: Der Film ist nicht schlecht. Aber auch nicht wirklich gut. Und je länger ich darüber nachdenke, desto schlechter wird er eigentlich.

Meryl Streep, mit deren Darbietung der ganze Film schließlich steht und fällt, ist natürlich gut – etwas anderes zu behaupten wäre Blasphemie. Aber leider ist der Zuschauer sich doch – gerade wegen ihrer zentralen Rolle und den Vorschusslorbeeren, die sie dafür eingeheimst hat – jederzeit bewusst, dass er hier Meryl Streep als Margaret Thatcher sieht. Und eben nicht Margaret Thatcher. Eine weniger bekannte Schauspielerin hätte vielleicht hinter der Rolle zurück treten können, so bleibt alles was man wahrnimmt Streeps geniale Imitation.

Das schauspielerische Highlight ist daher in meinen Augen Jim Broadbent als Thatchers verstorbener Ehemann Denis, der die Protagonistin als Halluzination heimsucht und ihr, meist wider Willen, alte Zeiten in Erinnerung ruft.

Und da wären wir auch schon beim Inhalt angekommen. Was erzählt der Film eigentlich?

Gute historische Biopics erzählen eine Geschichte, kein ganzes Leben. Sie erzählen beispielsweise wie aus einem verhältnismäßig normalen, jungen Menschen die Person wurde, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt (Elizabeth, The King’s Speech) oder wie diese Person mit einem bestimmten, karrieredefinierenden Ereignis umgeht (The Queen, Frost/Nixon).

Sobald man versucht das gesamte Leben eines Menschen darzustellen, muss der Film eine Meinung, eine Aussage haben, die der Geschichte einen roten Faden verleiht. Das normale menschliche Leben verläuft nun mal nicht in der Drei-Akt-Struktur eines Filmes. Bricht man aber mit dieser, um bewusst realitätsnah zu bleiben, wird das Erzählte schnell eine unstrukturierte Aneinanderreihung von Ereignissen.

Genau das passiert auch den Großteil des Films über. Thatcher erinnert sich chronologisch an ihre politische Karriere zurück und diese Teile werden dann in Rückblicken, gelegentlich von der Rahmenhandlung unterbrochen, erzählt.

Die Rahmenhandlung ist die Geschichte einer alten, leicht dementen Frau, deren Ehemann vor einiger Zeit verstorben ist und die nun lernen muss, von ihm loszulassen. Dass diese Frau Margaret Thatcher ist, scheint hierbei völlig zufällig.

Und das ist das große Problem des Films.

Die Rahmenhandlung funktioniert filmisch/ schauspielerisch/ atmosphärisch ausgezeichnet, nur hat sie nichts mit Margaret Thatcher zu tun.

Der Rest des Film ist gut gemacht, nur fehlt ihm die Substanz. Das Drehbuch bezieht keinerlei Standpunkt zu Thatchers politischer Haltung, denn um Politik geht es im Grunde auch nicht.
Ein besseres Urteil über die Person Margaret Thatcher kann man sich nach dem Anschauen des Films aber auch nicht machen: Ob die Protagonistin nun sympathisch sein soll oder arrogant, ihre Standhaftigkeit nun gelobt oder kritisiert und ihre Ich-Bezogenheit entschuldigt oder angeklagt werden soll, weiß man am Ende des Films genauso wenig wie die Produzenten es zu wissen schienen.

Warum der Film „The Iron Lady“, nach dem Spitznamen den Margaret Thatcher im Kalten Krieg bekam, heißt, frage ich mich beim Abspann dann noch und stelle fest, dass ich nicht noch mehr Zeit mit der Beantwortung von Fragen, die dieser Film hinterlässt, verschwenden möchte.

Advertisements

„Eine dunkle Begierde“ heißt David Cronenbergs neuster Film, der sich mit dem Aufstieg der Psychoanalyse und dem Verhältnis zweier ihrer Begründer (Sigmund Freud und Carl Gustav Jung) beschäftigt. Im Zentrum des Films steht dabei, neben den Unterhaltungen von Jung und Freud, Jungs Patientin, Geliebte und spätere Kollegin Sabina Spielrein und ihre Beziehung zu beiden Männern.

Freud, der Jungs Mystifizierung der „Wissenschaft“ befürchtet, zieht in der Narration des Films dabei seltsamerweise den Kürzeren: Nicht nur eine Szene, in der Jung das Klopfen der Heizung in seinem Zwerchfell antizipiert, sondern auch die sehr pathetische Prophezeiung gegen Ende des Films, in der Jung 1913 „Ströme von Blut, dem Blut Europas“ und damit den Ersten Weltkrieg vorhersagt, stellen den Zuschauer ungewollt auf Jungs Seite.

Dabei ist Viggo Mortensens Darstellung des ewig Zigarre paffenden, alles auf Sex zurückführenden, neidischen, älteren Freud mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben und hat zumindest schauspielerisch sowohl Michael Fassbenders recht blassen Jung und Keira Knightleys anfangs unangenehm übertrieben psychotische Spielrein um Längen übertroffen.

Der durchaus lohnende Film hat allerdings das große Problem, dass man als Zuschauer kaum über die Hintergründe des Geschehens informiert wird und daher das Gesehene entweder vor- oder nachbereiten muss, um dem Inhalt des Erzählten gerecht werden zu können.

Auch merkt man dem Film an, dass er die Adaption eines Theaterstückes ist, das wiederum von einem Roman inspiriert wurde. Viele zwei-Personen-Szenen, eine starke Gewichtung von wiederkehrenden Faktoren und Dialoge, die den Zuschauer leicht zurücklassen, bringen den Kinobesucher dazu, sich zu fragen, ob die Geschichte nicht in einem anderen Medium besser repräsentiert wäre.

Für Cronenberg nicht ungewöhnlich bekommt man mit „Eine dunkle Begierde“ nicht eine klassische Biographie geliefert, sondern eher einen Film über Psychoanalyse, der (gerade an der zentralen Rolle der Patientin und späteren Psychaterin Spielrein und der Einweisung des dritten Psychoanalytikers Otto Gross) deutlich macht, dass alle handelnden Figuren im Grunde einen psychischen Knacks haben, über den sie einmal mit jemandem sprechen sollten.

Das Rezept ist einfach: Man nehme einen weltberühmten Schriftsteller, sein Meisterwerk und kreiere aus historischen Fakten und komplementärer Fiktion eine tragische Liebesgeschichte, welche die Schöpfung des prominenten Textes erklärt.

Dem selben Kochbuch wie einst John Madden und Julian Jarrold folgten nun auch die Macher von „Goethe!“, die den jungen Johann und seine unglückliche Liebe zu Charlotte Buff verfilmten.

Seit meiner lecture bei Israel Bar Kohav im Zuge des Literaturfestivals, weiß ich ja auch dass „forbidden love“ die beste Inspirationsquelle für Poesie bietet (abgesehen davon: „even nature doesn’t want us to be happy“).

Leider hatten die Drehbuchautoren keinen Tom Stoppard zur Hand und dem Film fehlt eine wirklich beeindruckende Dialogführung. Manche Werk-Referenzen erfreuen natürlich den Goethe-gequälten Studenten, doch mit „And a bit with a dog.“ und „I don’t know. It’s a mystery.” können sie nicht konkurrieren.

Abgesehen davon ist die Geschichte (mit Ausnahme von Kestner) rund, unterhaltsam und dank wundervoller Kulissen und Ausstattung auch ein echtes Filmvergnügen.

„Shakespeare in love“ bleibt also unerreicht, doch “Becoming Jane” würde eventuell sogar mit “Goethe!“ auf einer Stufe stehen können, wenn da nicht die winzige Tatsache wäre, dass es um Goethe und noch schlimmer Werther geht… Yuck.