Rezensionen


Barry Fairbrother ist tot. Neben Schrecken und Trauer regiert in Pagford, der Kleinstadt, in der Barry lebte, vor allem eines: hämische Freude. Denn mit Barrys Abtritt aus dem Leben wird auch sein Platz im Stadtrat frei. In eben diesem Stadtrat herrscht seit Jahren ein erbitterter Kampf um die „Fields“, den benachbarten sozialen Brennpunkt, der zum Leid vieler Einwohner offiziell zu Pagford gehört … noch, denn Barry, der selbst in den „Fields“ aufgewachsen ist, war Stimmführer der Verteidigung. Mit seinem Tod sieht Howard Mollison, oberster Stadtrat und Barrys größter Gegner, den perfekten Moment gekommen, um endlich die Mehrheit im Stadtrat zu erlangen und sich endgültig des Schandfleckes voller Drogenabhängiger und Krimineller zu entledigen.

Ja, ich gebe zu, ich gehöre zu denen, die „The Casual Vacancy“ rein aufgrund des Autors, J.K. Rowlings, gekauft haben. Ich wusste kaum, worum es in ihrem ersten Roman seit Harry Potter gehen würde und, ja, es war mir auch ziemlich egal: Rowling hatte endlich wieder ein Buch geschrieben, natürlich würde ich es lesen!

Nachdem ich „The Casual Vacancy“ nun gelesen habe, kann ich zwei Dinge sagen.

  1. „The Casual Vacancy“ ist soweit von Harry Potter entfernt, wie es nur geht: Ein realistischer Roman für Erwachsene, sozialkritisch und belehrend, sprachlich und inhaltlich provozierend und dunkel, und – was mich am meisten überrascht und gefreut hat – ganz ohne Potters deus ex machina, die mächtigste Magie von allen: this time it`s not love again!
    Inmitten von Drogensüchtigen, frustrierten Ehefrauen und kriminellen Teenagern treffen wir zwar auf viele Formen von Liebe, aber genau wie die Menschen, die sie empfinden, ist die Emotion diesmal kaputt und realistisch.
  2. Ich bin mir trotz ihres stilistischen Könnens nicht sicher, ob ich mich für dieses Buch interessieren würde, wenn der Autor nicht J.K. Rowling hieße. Wirklich neu ist die thematisierte „middle-class“-Kritik nicht. Und durch die vielen Charaktere, von denen jeder eigene Plotstränge und Erzählperspektiven mit sich bringt, ist am Ende unklar, wessen Geschichte eigentlich erzählt wurde und an wessen Veränderungen man als Leser nach Schließen des Buches nun Anteil nehmen soll.

Mein Fazit daher: Fans von Rowling haben den Roman bestimmt wie ich bereits gelesen, allen anderen kann ich ihn nur empfehlen, wenn sie sich für die Thematik des Buches interessieren. Ansonsten verpasst man nichts, wenn man diesen Rowling auslässt und lieber auf die kommenden Kinderbücher wartet … yay!

PS: Ist eigentlich niemandem im Lektorat aufgefallen, dass die Betitelung der Kapitel mit Wochentagen nach der Hälfte des Buches einfach aufhört? Oder hat das einen tieferen Sinn, der sich mir entzieht?

Advertisements

Selten bin ich auf eine Buch-Reihe gestoßen, die mich so himmelhoch jauchzen lässt und derart zum Tode betrübt, wie Jasper Fforde’s Thursday Next-Bücher.

Als ich vor einigen Jahren den ersten Teil „The Eyre Affair“ begann, war ich schon nach wenigen Kapiteln begeistert: Warum hatte ich diesen Autor nicht schon längst entdeckt? Wie viele Fortsetzungen gab es bereits? Sollte ich die vielleicht gleich alle auf einmal bestellen?

Aber dann las ich weiter und meine Begeisterung schmolz dahin. Mit zunehmender Seitenzahl wurde ich immer frustrierter, die Pausen, in denen ich andere Bücher las, immer länger und schließlich kostete es mich mehrere Anläufe, den Roman überhaupt zu beenden.

Einige Monate später nahm ich in den Ferien dann den zweiten Teil „Lost in a Good Book“ zur Hand … und war erneut begeistert: Wie hatte ich den ersten Teil so verurteilen können? Fforde war ein Genie! Sollte ich mir nicht besser gleich auch noch den dritten Teil bestellen?

Aber dann las ich weiter und … erinnerte mich wieder an meine früheren Probleme mit Fforde’s Büchern. Insgesamt habe ich, glaube ich, fast ein Jahr gebraucht, um den zweiten Teil zu beenden.

In den letzten Wochen habe ich nun den dritten Teil „The Well of Lost Plots“ gelesen und … langsam habe ich mich mit meinen widersprüchlichen Gefühlen hinsichtlich der Reihe abgefunden.
Daher kann ich nun auch furchtbar enttäuscht und vollkommen fasziniert Kritik und Lob zum Werk in Worte fassen.

3 Gründe, warum ich mir geschworen habe, nie mehr ein Thursday Next-Buch zu lesen:

  1. Fforde begräbt seinen roten Faden unter unzählbaren Mengen von Subplots: Er existiert zwar, irgendwo, aber der Leser bekommt ihn nur auf den ersten und letzten 30 Seiten des jeweiligen Romans zu Gesicht.
  2. Da der Roman nicht nur in einer alternativen Vergangenheit (in der realen Welt sind wir in den 80er Jahren) spielt, sondern dazu auch noch mehrere fiktionale Welten jongliert und ständig Charaktere einführt, die entweder die Vergangenheit an sich oder die Erinnerung unserer Heldin verändern können, hat man als Leser ernsthaft Mühe, die vielen verschiedenen und sich gegenseitig widersprechenden Handlungsebenen noch zu überblicken.
  3. Hinzu kommt die Masse an Charakteren, von denen die Buchwelt-Figuren auch häufig noch zwei Persönlichkeiten haben, die einen, auch wenn man es geschafft hat, die Handlung zu durchschauen und die Ebenen der Geschichte zu ordnen, irgendwann immer den Faden verlieren lassen.

 3 Gründe, warum ich diesen Schwur immer wieder brechen werde:

  1. Was zählt ist nicht die Handlung, sondern die Subplots, die so voller einzigartiger, skurriler und charmanter Ideen sind, dass man sie einfach lieben muss: Romancharakter-Austausch-Programme, Neandertaler Kunst- ausstellungen, schwangere Dodos, Sarkasmus-Frühwarnanlagen, etc.
  2. Thursday Next arbeitet nicht nur in einer Regierungsabteilung für literarische Detektive, sondern in späteren Bänden auch für „Jurisfiction“, eine Organisation, bestehend aus fiktionalen Charakteren und realen Personen, die von Buch zu Buch springen und dort für Ordnung sorgen (indem sie u.a. Therapiestunden für zerstrittene Romanfiguren anbieten, den Schwarzmarkthandel von Plotelementen kontrollieren und die grammatikgefährdenen „grammasites“ bekämpfen).
  3. Fforde macht sich das Medium Text in jeder nur denkbaren Form zu eigen: So kann unsere Heldin sich dank „FootNoterPhone“ mit anderen Charakteren über Fußnoten unterhalten, die „grammasites“ greyphen den Txet für den Läser scihtbra an und manche Wesen der Buchwelt reden für den Leser lesbar für die Charaktere aber unverständlich in Sprachen wie Courier Bold.

Mein Fazit daher: Jasper Fforde’s Thursday Next-Reihe ist genial! Empfehlen kann ich sie aber nur Lesern, die gut darin sind, den Überblick zu behalten, nichts gegen Längen haben und die Schönheit einzelner Sätze und Ideen wertschätzen können.

PS: „Warning: The author may have eaten nuts while writing this book.“

Jacob stirbt. Um seinen Bruder zu retten, hat er einst sein eigenes Leben verwirkt. Jetzt bleiben ihm nur noch wenige Monate bis der Fluch der Roten Fee ihm den Tod bringt. Aber Jacob Reckless würde seinem Namen untreu werden, wenn er dieses Schicksal einfach so hinnähme.

Genauso arrogant und leichtsinnig wie wir ihn aus Teil Eins kennen, begibt Jacob sich mit seiner treuen Gefährtin Fuchs auf die Suche nach einem Wundermittel, das ihn doch noch heilen kann. Und als die verwunschenen Äpfel versagen und der magische Wunschbrunnen ausgetrocknet ist, bleibt nur noch ein legendärer Schatz übrig: Die Armbrust des Hexenschlächters, die voll Hass genutzt ganze Heere mit einem Schuss ausrotten, mit Liebe geführt jedoch ein Leben retten kann.

Vor zwei Jahren habe ich mit hohen Erwartungen den ersten Teil von Cornelia Funkes neuer Fantasy-Reihe (meine gutmütige Rezension und allgemeine Liebeserklärung an die Autorin lässt sich hier nachlesen) gelesen und war … unentschlossen. Viele der Motive, Ideen und Charaktere in „Reckless – Steinernes Fleisch“ gefielen mir gut, auch wenn sie stark an bekannte Märchen angelehnt waren. Insgesamt erschien mir die Geschichte aber nicht ganz rund. Was genau mich eigentlich gestört hat, ist mir bis heute unklar, aber eines weiß ich sicher: Ich war enttäuscht.

Daher habe ich auch etwas länger als gewöhnlich überlegt, ob ich mir den zweiten Teil überhaupt kaufen sollte. Am Freitag wurde mir die Entscheidung dann jedoch abgenommen, als ich zufällig in einer Buchhandlung über „Reckless – Lebendige Schatten“ stolperte. Ich nahm das Buch erstmal in die Hand und überlegte noch, ob es die 20 Euro wohl wert wäre, als mein Blick auf den dreimal so großen Tisch voller „Fifty Shades of Grey“ Bücher daneben fiel. Allein schon aus Protest gegen die aktuellen Bestsellerzahlen konnte ich daher nicht anders, als mir den neuen Funke zu kaufen.

Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht! „Lebendige Schatten“ ist trotz seines bescheuerten Titels (vielleicht kann mir ja jemand, der das Buch auch gelesen hat, erklären, was der Titel mit dem Roman zu tun hat?) eindeutig besser als sein Vorgänger. Die Handlung hat mehr Struktur, ist spannender und die Fortsetzung im nächsten Teil wird eleganter vorbereitet. Die Spiegelwelt, die wir diesmal ausgiebig bereisen, zeigt, dass sie mehr ist, als nur ein Phantasieland, in dem alle unsere liebsten Märchenfiguren Wirklichkeit werden. Auch wenn man immer nur am Rande davon hört, merkt der Leser doch wie die Märchenwelt immer mehr der uns Bekannten nacheifert, wie Magie und Wunder immer mehr durch Industrialisierung und Wissenschaft ersetzt werden und wie die Schätze, nach denen Jacob sucht, immer mehr den Museumsstücken gleichen, zu denen sie in unserer Welt werden.

Und auch Jacob verändert sich. Vielleicht durch die Todesangst, die diesmal ihn selbst betrifft, vielleicht durch die Liebe, die er nur langsam zulässt.

Romantischer, spannender, besser. Ich kann „Reckless – Lebendige Schatten“ allen empfehlen, die sich nach Teil Eins ebenfalls unsicher waren, denn ich freue mich jetzt wieder auf den nächsten Teil!

PS: Ich glaube Cornelia Funke hat für ihre Fans ein kleines Easter Egg im Buch versteckt – ich habe da zumindest etwas gefunden, dass mich schmunzeln lies und etwas in einem ihrer anderen Bücher plötzlich erklärte – Tipp: Seite 22

Am Ende eines Romans, den ich vor einiger Zeit genoss, standen unter den Danksagungen drei Namen britischer Schriftsteller, von denen der Autor inspiriert wurde. Zwei der Namen kannte ich nicht nur, ihre Werke befanden sich auch unter meinen absoluten Favoriten. Die einzig logische Schlussfolgerung war demnach, den dritten Namen nachzuschlagen und mir schleunigst mindestens eines seiner Bücher zuzulegen.

So fand ich P.G. Wodehouse.

Das letzte Wochenende ver- brachte ich mal wieder mit zwei Romanen von Wodehouse: „Hot Water“ und „Full Moon

Beide erzählen, wenn man ihren Inhalt auf das Niveau von „boy meets girl“ runterkocht, im Grunde die selbe Geschichte: Eine Gruppe von Charakteren unterschiedlicher Geschlechter, Altersgruppen und gesellschaft- licher Schichten trifft für eine kurze Zeit an dem selben Ort zusammen und versucht ihre verschiedenen Agenden gegeneinander durchzusetzen.

Don’t say `And Mr Landseer´ in that soupy tone of voice“, said Gally sternly „He hasn’t come to steal the spoons.“
If he is a friend of yours, I should imagine that he is quite capable of doing so. Is he wanted by the police?“
No, he is not wanted by the police.“
How I sympathize with the police“, said Lady Hermione. „I know just how they feel.“

Aber der Plot ist nicht das, worauf es bei Wodehouse ankommt. Was zählt sind die herrlich schrulligen Charaktere, ihre zu einem riesigen Wollknäuel roter Fäden verwirrten Intentionen und vor allem die sprachliche Perfektion mit der beides präsentiert wird.

I mean the Empress of Blandings. She has won he silver medal in the Fat Pig class at the Shropshire Agricultural Show twice …“
Gee!“
… in successive years.“
Gosh!“
A thing no pig has ever done before.“
Well, I’ll be darned.“
Yes, it was an astounding feat. She is very fat.“
She must be fat.“
She is. Extraordinarily fat.“
Yessir, I’ll bet she’s fat“, said Tipton, groaning in spirit. No lover, who has come out to walk in the moonlight and dream of the girl he adores, likes to find himself sidetracked on to the subject of pigs, however obese.

Und so bietet P.G. Wodehouse seinen Lesern sprachlich und inhaltlich hoch amüsante Geschichten – voll mit Schweinen, gelangweilten Erben, gelösten Verlobungen, Con-Männern, versteckten Booten, neugierigen Tanten, falschen Bärten, verkleideten Gärtnern, dominierenden Ehefrauen und Diamanten – die jedem zu empfehlen sind, dem Autoren wie Oscar Wilde, Jane Austen und Stephen Fry oder schlichtweg „the utter britishness of language“ ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Immer noch in meiner post-Sherlock-depression gefangen, konnte ich am Freitag nicht länger an mich halten und erstand „The Sherlockian“ von Graham Moore – dessen Cover mich schon öfters in Versuchung geführt hatte – und, weil ich ja schlecht einen Sekundärroman über Sherlock Holmes vor einem echten Sherlock Holmes-Roman lesen kann, kamen die gesammelten Werke (Band1 – Band2 hatten sie aus mysteriösen Gründen nicht) gleich dazu.

Mein Programm für das Wochenende stand also fest.

„The Sherlockian“ versucht gleich zwei Fälle in einer Geschichte zu lösen. Einerseits verfolgen wir Arthur Conan Doyle im London der Jahrhundertwende und seine Beweggründe „the best and wisest man“ wiederzuerwecken, nachdem er ihn Jahre zuvor so genüsslich ermordete:

Arthur Conan Doyle curled his brow tightly and thought only of murder. […] „If I have to concoct another of those tortous plots – the bedroom door always locked from the inside, the dead man’s indecipherable final message, the whole thing told wrong end first so that no one can guess the obvious solution – it is a drain. […] To put it frankly, I hate him. And for my own sanity, I will soon see him dead.“

Andererseits erleben wir im heutigen New York mit Harold White, einem der jüngsten Mitglieder der Baker Street Irregulars, den langersehnten Auftritt des weltweit führenden Sherlockian, Alex Cale. Nach jahrelanger Suche ist es Cale endlich gelungen das verschollene Tagebuch Doyles aus der Zeit vor Holmes Rückkehr zu finden und damit das Mysterium um den „Great Hiatus“ von Holmes zu entschlüsseln.

Doch bevor Cale seinen Fund auf der Holmes-Konferenz der Öffentlichkeit präsentieren kann, wird er – wie hätte es auch anders kommen können? – in seinem Hotelzimmer ermordet.

Harold und allen anderen Möchtegern-Detektiven der Baker Street Irregulars bleibt nur die blutige Nachricht, die neben Cales Leiche auf die Wand geschrieben wurde: „Elementary“

What would Sherlock Holmes do?“ asked Harold. He was deliriously earnest. He had to do this, he had to see if he could. […] „Search the floor for footprints! That’s what he does. In the very first Holmes story, A Study in Scarlet, the first act of detection he ever does is to examine the ground for footprints.“ „It’s carpeted“, responded Jeffrey. Harold looked down. Indeed, the floor was covered in a plush, taupe carpet. There were no footprints in sight. Sherlock Holmes was not real. Harold was not a detective. „But Holmes always finds footprints“, pleaded Harold. He couldn’t stop himself.

Und so beginnt die Jagd nach dem verschwundenen Tagebuch Conan Doyles, das Aufschluss über jene Monate bringen soll, in denen der Autor sich dazu entschloss, seine Kreatur wiederauferstehen zu lassen.

„The Sherlockian“ ist in erster Linie ein (manchmal auch klischeehafter) Unterhaltungsroman. Voller Zitate und Anspielungen auf Sherlock Holmes-Geschichten, Conan Doyles literarisches Umfeld (der Watson an Arthur Conan Doyles Seite ist dabei nämlich kein geringerer als Bram Stoker, dessen „Count What’s-His-Name“ ihm leider nicht den erwünschten Ruhm einbrachte) und das generelle Verhalten von „Fanboys“ – hinter denen dann leider auch die Kriminalfälle etwas zurücktreten müssen.

Sprachlich nicht immer ganz so „on the nose“ wie man es von einem Holmes-Fan als Autor erwarten könnte, bietet der Roman doch erstaunlich viele nachdenkliche und traurige Momente mit der Reflexion darüber, warum die Welt und ihre Helden nicht so sein können, wie sie es in Romanen sind.

Interessant ist auch, im Nachwort zu erfahren, wie viel des Inhalts, tatsächlich auf wahren Begebenheiten basiert – siehe auch: www.nytimes.com/2004/05/19/books/curious-incident-boxes-tussle-over-cache-conan-doyle-s-artifacts-ends-with.html?pagewanted=all&src=pm

Mein Urteil lautet daher: Wer Krimis will, sollte sich lieber an das Original halten, wen aber das Menschliche mehr interessiert, der ist mit „The Sherlockian“ gut unterhalten.

In der Reihe der Bücher, deren Konzept mich mehr als ihr Inhalt lockte (Riggs, Letter Game), ist dieses Werk von Mark Z. Danielewski bisher definitiv das faszinierendste.

Inhaltlich erzählt „House of Leaves“ eine Horror-Geschichte (ein Genre von dem ich mich gewöhnlich fernhalte): Um ihrer Beziehung mehr Zeit einzuräumen, ziehen der Fotograf Will Navidson und seine Partnerin Karen mit ihren gemeinsamen Kinder in ein kleines, gemütliches Haus in Virginia. Navidson, der ganz ohne Arbeit nicht leben kann, beschließt aus ihrem Einzug in das neue Haus ein Filmprojekt zu machen und installiert in allen Räumen Kameras, die ihr tägliches Ein und Aus filmen sollen. Nach einem Wochenende bei Verwandten kehrt die Familie in ihr neues Heim zurück und stellt fast, dass zwischen dem elterlichen Schlaf- und dem Kinderzimmer ein mysteriöser, schwarzer Raum aufgetaucht ist. Navidson beginnt das Haus auszumessen – mit dem Ergebnis, dass es innen größer als außen ist – und als im Erdgeschoss eine Tür auftaucht, die in einen dunklen, scheinbar endlosen Korridor ins Nichts führt, startet er (ausgestattet mit Kameras und guten Freunden) eine Expedition in die Dunkelheit.

Diese klassische Horrorfilm-Prämisse, die tatsächlich filmisch besser repräsentiert wäre, wird im Roman durch verschiedene textliche Ebenen erweitert:

Die Geschichte der Familie wird als Nacherzählung des letztendlich enstandenen Films „The Navidson Record“ präsentiert. Dieser wiederum ist Gegenstand einer Analyse, die der Schriftsteller Zampanó unter Verwendung allerlei anderer Sekundärliteratur über das legendäre Filmprojekt schreibt. Zampanós Analyse wird nach dessen Tod von einem jungen Mann namens Johnny Truant gefunden, der die Fragmente des alten Schriftstellers ordnet und ob ihres Inhalts langsam aber stetig demselben Wahn wie Zampanó zu verfallen scheint. Der von Johnny strukturierte und mit persönlichen Fußnoten versehene Text fällt schließlich den Verlegern des Buches in die Hände, die das Werk (ebenfalls unter Zugabe einiger erklärender Fußnoten) publizieren.

Der Leser liest somit Danielewskis Roman, der die von „The Editors“ annotierte Herausgabe von Johnnys personalisierter Wiedergabe von Zampanós Analyse von Will Navidsons Film ist.

Diese Verschachtelung von Erzählern ist jedoch nicht das faszinierende Konzept des Buches, das mich dazu gebracht hat es trotz seines Inhalts zu lesen. Wen diese narrative Komponente allerdings schon überfordert, der sollte sich von „House of Leaves“ besser fernhalten.

Das wirklich originelle Konzept des Romans ist die (häufig anstrengende) Art, in der man es lesen muss:

Ab dem Zeitpunkt, zu dem die Männer ihre erste Expedition in den dunklen Korridor starten, verändert sich der Text gemeinsam mit dem Inhalt auch optisch. Mit den Protagonisten liest sich der Leser über Fußnoten, farbige Abschnitte und Texte in Spiegelschrift immer weiter in das Unerforschte hinein. Bis er schließlich erkennt, dass nicht nur das Haus ein Labyrinth ist…

 

„House of Leaves“ ist ein Monster von einem Buch – auf allen Ebenen. Mit über 700 Seiten, Fußnoten für Fußnoten und dem oben dargestellten Textbild fordert es von seinem Leser absolute Konzentration und Hingabe. Belohnt wird man mit einem wahrhaft einmaligen Leseerlebnis und der Angst vor der eignen Badezimmertür.

Kategorien von „gut“ und „schlecht“ kann ich bei Danielewskis Werk nicht mit gutem Gewissen anwenden, da es gleichzeitig beruhigend langweilig und grauenvoll spannend ist. Mein Urteilsspruch lautet daher: Faszinierend.

Meine 50:50-Resolution führt mir dieses Jahr einige Bücher zu, die ich weniger aufgrund ihres Inhalts, sondern eher aufgrund des Konzepts, das dahinter steht, gekauft habe. Ähnlich dem „Enchanted Choclate Pot“ las ich so auch diese Woche wieder ein Buch, dessen Entstehungsgeschichte seinen Inhalt aufwertet.

Das vorherige Buch entstand aus Briefen, dieses aus Bildern, alten Fotos um genau zu sein.

Ransom Riggs (ganz ehrlich, mit so einem Namen muss man ja auch Künstler werden) „Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children“ (zu deutsch: „Die Insel der besonderen Kinder“) erzählt von der Entdeckung eines Teenagers, der als Kind von seinem Großvater fantastische Geschichten über Kinder mit magischen Fähigkeiten erzählt bekam und nach dessen Tod feststellt, dass sie alle wahr waren.

Der Inhalt ist, wie auch beim „Choclate Pot“, vorhersehbar, der Roman an sich sprachlich und atmosphärisch gut, aber nicht außergewöhnlich  – das Besondere sind die Bilder, die nicht nur die Inspiration für Riggs Geschichte bildeten, sondern die als Abdrucke im Text auch immer wieder neue Dimensionen für den Leser eröffnen.

Die alten Fotos, die Riggs auf Flohmärkten, und bei anderen Sammlern fand, sind nicht bloß die Illustrationen zu einem Roman. Vielmehr ist gerade anders herum Riggs Geschichte eine mögliche Interpretation der ursprünglichen Fotos.
Die Bilder stehen hier am Anfang, sie erzählen mehr und vermutlich vollkommen andere Geschichten (jedes für sich), als der Zusammenhang des Romans es vermag.

Ich selbst hatte von dem Buch aus verschiedenen Quellen erfahren und es mir gekauft und halb durch gelesen, ehe mir klar wurde, dass ich den Autor bereits kannte. Und dass sein Hobby, aus dem dieses Buch entstanden ist, mich bereits vorher schon beeindruckt hat:

Mein Urteil ist daher: „Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children“ ist schnell verschlungen, kreativ und angenehm gruselig, aber kein „Das-musst-du-lesen“, das ich jedem empfehlen würde –  Ransom Riggs dagegen (und nicht nur des tollen Namens wegen) werde ich definitiv im Auge behalten und seinen youtube-Kanal, auf dem viele andere ebenso schöne Videos wie das obere zu finden sind, lege ich euch hiermit ans Herz.

PS: Auch bei diesem Autor hat der Fluch des „Three-Book-Deal“ wieder zugeschlagen und er arbeitet bereits an der Fortsetzung – meine Meinung dazu muss ich wohl nicht wiederholen…

Nächste Seite »