Romananfänge


Wie war sie nur in dieses Schlamassel geraten? Mit Unbehagen blickte Malina sich um: Ein Saal voller vollbärtiger, langhaariger Silhouetten, deren Gesichter man hinter den aufgeklappten Note- und Netbooks kaum erahnen konnte. Aus den letzten Reihen vernahm sie Schnarchgeräusche, davor das unaufhaltbare Klickgeräusch der Tastaturen. Dann veränderte sich der Geräuschpegel und Malina zuckte zusammen, als sich hinter ihr jemand laut räusperte.
„Wer sind Sie? Was machen Sie in meiner Vorlesung?“, fragte der zwergenhafte Professor mit sonorer Stimme.
„Malina Huffman. Frauenquote“, sagte Malina achselzuckend und lies sich auf einen der freien Plätze sinken, der zufällig am weitesten von den anderen Anwesenden entfernt war. Und da saß sie dann. Für die nächsten zwei Stunden. Für das gesamte kommende Semester. Zwölf Wochen Informatik und das alles nur wegen dieser blöden Wette.
„Bitte was?!“ Malina schreckte hoch und starrte den Zwergenmann an.
„Die Kantengewichte, Fräulein Huffman, was können Sie mir darüber sagen?“, wiederholte der Professor genervt.
„Nun … Kanten haben Gewichte?“ Hinter ihr war Kichern zu hören. Na wunderbar, mussten diese Nerds sie jetzt auch noch auslachen?
„Ich glaube, Sie kommen besser mal nach vorne“, forderte der Mann an der Tafel sie auf.
Mit hängenden Schultern stakste Malina vor. Das war ja wie in der Schule.
„Wissen Sie, was das hier ist?“ Der Professor deutete mit seinem Kreidehalter auf die eben angeschriebenen Zahlen.
„Ein Code?“, riet Malina und versuchte Bekanntes in dem gekritzelten Nonsense vor ihr zu erkennen.
„Ein Code?“ Der Zwerg warf einen langen Blick über seine Brillengläser hinweg zu Malina hoch und seufzte. „Fangen wir vorne an.“ Er wies auf den ersten Teil des Gekrakels, an dessen Ende ein Gleichzeichen und eine 23 zu lesen waren. „Diese Gleichung hier ist… ?“
„…ungerade?“ Hinter ihr begannen die Ersten zu lachen.
„Okaaay“ Der Professor dehnte das Wort als wollte er damit den Rest der Stunde füllen, dann wies er auf eine Zeichnung, die neben der Gleichung stand. „Und das hier, Fräulein Huffman, was würden Sie sagen, ist das hier?“
Malina starrte auf die Tafel. Sie hatte die Striche eigentlich für die verblichene Reste einer anderen Stunde gehalten. Nervös blickte sie ihre Kommilitonen an, beinahe alle sahen tatsächlich von ihren Bildschirmen auf und grinsten das vorgeführte Mädchen schadenfroh an.
Malina atmete tief ein, sammelte alles Selbstbewusstsein, das sie sich in drei Semester Pädagogik autogen antrainiert hatte und sagte im Brustton der Überzeugung: „Ein Baum.“
Der Kurs brüllte auf und mit einem verwirrten „Huh?“ erwachte auch die letzte Reihe.
„Na, bravo, Fräulein“, der Professor schüttelte den Kopf, grinste aber dabei. Dann wandte er sich der Tafel zu und schrieb „Huffman-Code-Baum“ über die Gleichung. „Sie können sich setzen.“

Als der Vorschlag, die Weihnachtsferien mit der gesamten Familie in einem Ferienhaus in Dänemark zu verbringen, das erste Mal ernsthaft diskutiert wurde, konnte keiner der Anwesenden die schrecklichen Ereignisse voraussehen, die an den kommenden Festtagen den gesamten Clan erschüttern würden.

Im Grunde, so wurde der Plan den skeptischen Kindern verkauft, würde es ein Weihnachten wie jedes andere sein, nur dass man eben nicht zu Hause, sondern mit allen Verwandten zusammen in einem großen geräumigen Haus an der Küste feiern würde. Ansonsten hielt man sich an die eintrainierten Abläufe der letzten Jahre.

Doch wie viele Katastrophen wäre auch diese nicht eingetreten, wenn man den Stein des Anstoßes nicht durch eine weitere Änderung ins Rollen gebracht hätte.

Es war nicht, dass der Baum wie gewöhnlich schief stand, seine natürlich grüne Spitze abgesägt und durch eine künstliche Plastik-Goldspitze ersetzt wurde, ja nicht einmal die Tatsache, dass schockierend und vollkommen geschmacklos bunt geschmückt wurde, brachte mehr als den üblichen Weihnachtsstreit mit sich. Der Tradition folgend zoffte man sich auch über die Auswahl der viel zu rockigen und unweihnachtlichen Weihnachtsmusik, die militärisch geplanten Einkaufsexkursionen und die simple Frage, ob die Christmesse besser zu Fuß oder mit dem Auto erreicht werden würde.

Alle diese Dinge verliefen wie immer und verursachten keine Schäden, die nicht bis zum Neuen Jahr wieder repariert werden konnten. Doch noch etwas außer dem neuen Ort und der ungewohnten Menschenmenge war dieses Jahr anders. Bereits im Oktober hatte das Familiengericht getagt und nach längerer Diskussion beschlossen, der Tradition in einem weiteren Punkt den Rücken zu kehren und testweise die Geschenke abzuschaffen.

Und die Tradition war es, die sich rächen würde.

Der lange Mann im grauen Anzug, der seine viewership-likeability durch eine Krawatte mit tanzenden Rentieren aufzubessern suchte, versprach gerade den Eltern der kleinen Kinder, die mit ihren großen Augen auf dunklen Fensterbänken saßen und auf die ersten Flocken des Jahres warteten, dass die langersehnten Niederschläge (im Gegensatz zu seinen Versprechungen der letzten Tage) nun wirklich fallen würden.

Er schloss sein Segment mit Markenlächeln und einem Einblick in sein medientaugliches Privatleben, nach dem er dieses Wochenende seine Kinder zum Schlittenfahren in den Park begleiten würde, ab. Dass die besagten Buben jedoch bereits zu cool für solche Kindereien waren und das Einzige, was sie im Schnee treiben würde, den dicken Mika und eine vorbereitete Ladung eisglasierter Schneebälle beinhalten würde, wusste der Wettermann nicht und konnte ihm daher auch nicht als Lüge vor laufender Kamera angerechnet werden. Nur dass seine beiden Söhne zum Zeitpunkt der Aufzeichnung am anderen Ende Deutschlands bei seiner gar nicht medientauglichen zweiten Ehefrau lebten, war ihm selbstverständlich bewusst.

Der Nachrichtensprecher war gerade im Begriff, den Zuschauern ein frohes Fest zu wünschen, als im News-Room des Senders die Nachricht eintraf, dass der Weihnachtsmann in einem Unfall, der hochprozentigen Eierpunsch, einen Lichtgeschwindigkeitsschlitten und einen Tannenbaum, der angeblich aus dem Nichts erschienen war, involvierte, ums Leben gekommen war.

Das Programm wurde daraufhin selbstverständlich geändert und eine Sondersendung, die die Top Ten der besten Weihnachtsmann-Momente vorführen und mit C-Prominenz darüber diskutieren würde, statt der geplanten Filmwiederholung angesetzt.

Während die Zuschauer vor ihren Bildschirmen heilfroh darüber waren, dass ihre Kinder sich sowieso nicht für die Nachrichten interessierten und die Neuigkeit daher noch nicht erfahren hatten, traf sich per Videochat eine Konferenz der wichtigsten Politiker, Spielzeugfabrikanten und Spirituosenhersteller der ganzen Welt, um eine Medienstrategie und ein alternatives Weihnachten zu planen.

Da der Weihnachtsmann bisher immer als unsterblich gegolten hatte, war es kein Wunder, dass man auf die Situation gänzlich unvorbereitet war und die Besprechung der Vielredner hätte sicherlich noch bis weit über Weihnachten hinaus gedauert, wenn nicht einer der anwesenden Medienmogule auf die grandiose Idee gekommen wäre, die positive Seite der Schreckensnachricht zu betrachten und einfach per Castingaufruf die Weltbevölkerung einen neuen Weihnachtsmann wählen zu lassen.

Morgens in einem blutgetränkten Teppich aufzuwachen ist schlimm. Wissen, dass sowohl Blut wie auch Teppich die eigenen sind, ist schlimmer. Am schlimmsten, sagen sie, ist immer das erste Mal. Aber das ist nur so ein Sprichwort, denn sie sagen auch: Wenn man mit fünfzig aufwacht und es tut einem nichts weh, ist man tot.

Elena Fitz war sechzehn, hatte die ganze Nacht hindurch gesoffen und fand beim Erwachen nicht einen Teil ihres Körpers, der nicht schmerzte. Stattdessen fand sie, dass sie tot war. Und das zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Geschwindigkeit, mit der sie sich ihrer Situation bewusst wurde, erschreckte Elena. Das erstaunlich blutleere Loch in ihrem Hinterkopf, in dem sie bequem ihren halben Zeigefinger versenken konnte, erschreckte sie jedoch noch mehr. Und da es ihr sinnlos erschien mit einer solchen Wunde noch ins Krankenhaus zu gehen, beschloss sie das nächste Bett aufzusuchen und dort ihren Rausch auszuschlafen. Glücklicherweise befand sie sich in ihrem eigenen Haus und es gelang ihr trotz ihres nicht-nüchternen und nicht-lebenden Zustandes in kürzester Zeit ein Bett zu finden.

Beim Einschlafen dachte sie zurück an ihre Mutter, die immer gesagt hatte, dass Schlaf das beste Heilmittel sei. Auch so ein Sprichwort, aber in diesem Moment glaubte Elena, dass sich das ganze Problem mit ihrem neuerdings begehbaren Hirn ja vielleicht ganz von alleine erledigen konnte.

Natürlich tat es das nicht, dafür löste sich allerdings das Problem, das Elenas Mörder im Verstecken ihrer Leiche gesehen hatten, bei ihrem Verschwinden aus dem, zum Transport bereitgelegten Teppich, ganz von alleine. Und so verließen zumindest zwei Menschen an diesem Morgen das Haus der Fitzens mit erleichterten Mienen.

Das Jahr war 2011 und die Entdeckung der Zeitmaschine purer Zufall. Sie wurde, wie so viele verloren geglaubte Gegenstände, auf einem Dachboden gefunden. Anders jedoch, als die Kisten voller Kuscheltiere und die Reihen von alten Pelzmänteln, konnte die Maschine aufgrund ihres kuriosen Aussehens nicht direkt zugeordnet werden. Und so landete die schuhkarton-große Apparatur auf einem Stapel mit der alten Spielkonsole, zusätzlichen Kabeln und Steckern in allen Farben des Regenbogens (mit Ausnahme von orange) und dem aussortierten schwarz-weiß Fernseher.

Nachdem die Kuscheltiere an Kindergärten und verwandte Institutionen vererbt und die Pelzmäntel endgültig aussortiert wurden, wandte man sich der Elektronik zu. Die Spielkonsole wurde noch ein letztes Mal angeschlossen und ausgespielt, der Fernseher zum Sondermüll gebracht und die Kabel und Stecker ein weiteres Mal in einer Kiste, die für den neurenovierten Dachboden bestimmt war, verstaut.

Die metall-glänzende Konstruktion in ihrer dunkelgrünen Samttasche konnte man sich noch immer nicht erklären. Sie musste wohl so eine Art Tischkalender gewesen sein. Und als solchen setzte man sie dann auch ein. Die Räder wurden auf Tag, Monat und Jahr eingestellt, doch mit Enttäuschen fand man, dass wohl die Batterie ihren Geist aufgegeben habe, da die Anzeige der Uhrzeit nicht von alleine weiterticken wollte. Aus ästhetischen Gründen beschloss man daher, die Zeit auf Zwölf zu setzen. Zum Zeitpunkt, da dies geschah, war ein Uhr bereits durch.

Der Sprung in die Vergangenheit betrug lediglich achtzig Minuten und wurde vom anwesenden Hausherren erst bemerkt, als man sich am Mittagstisch über die verspätete Mahlzeit unterhielt.

In dem Moment, da der frischgebackene Zeitreisende gerade sein Transportmittel anhob und bei genauerer Untersuchung der wahnsinnigen Frage nachging, ob vielleicht, eventuell der Ständer dieses Tischkalenders gar keine Halterung, sondern in Wirklichkeit ein Schalter war, was auch das mechanische Klicken erklären würde, das die Apparatur beim Aufsetzen von sich gegeben hatte, und ob dieser Schalter beim Umlegen vielleicht, eventuell den irrwitzigen Effekt, aber nein, das war wirklich zu lächerlich – in eben jenem Moment klingelte es an der Haustür.

Davor stand ein Beamter der Zeitagentur, und hätte man dies im Haus gewusst, oder dem attraktiven Herrn im Anzug in irgendeiner Form ansehen können, dann hätte man gewiss so getan, als wäre man verreist.