literarische Versuche


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GreyIndustries – Time waits for … you!

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Drei Kugeln schlugen ein.

„Du hast das alte Holzbein zur Hilfe gerufen?“, höhnten die Anderen. „Hast es nicht mal einen Tag alleine ausghalten, was Grünschnabel?“

„Lassen Sie mich raten“, erwiderte der alte Mann im Hut und wandte sich mit einem gönnerhaften Lächeln seinem Untergebenen zu. „Keine Fingerabdrücke, keine DNA, die Überwachungskamera zeigt nur Rauschen und wäre die Leiche hier vor uns nicht, würden Sie nicht einmal davon ausgehen, dass überhaupt ein Mord geschehen ist.“

Der Polizist nickte, Augenkontakt mit dem Hinzugerufenen vermeidend. „Inspektor … ich … ich habe keine Ahnung, wie es passiert sein kann, geschweige denn, dass ich sagen könnte, wer es war … ich …“

„Ganz ruhig, mein Junge, was habe ich Ihnen beigebracht? Fangen Sie am Anfang an. Was wissen Sie überhaupt?“

„Nun, das Einzige, das wir haben, ist die Tatwaffe. Eine 3-16, ein ausrangiertes Modell …“

„Wie ich“, schmunzelte der ältere Mann.

Das unsichere Lachen des Jüngeren kam verspätet. „Nun … die Kugeln sind nah aneinander eingedrungen, was auf einen ausgebildeten Schützen schließen lässt.“

„Was noch?“

„Es ist … nun … ich kann es mir nicht erklären, aber … Im Register fehlen drei Kugeln.“

„Und?“

„Der Ermordete starb am ersten Schuss. Wenn der Mörder ein Profi war, wozu dann der zweite? Und wo ist die dritte Kugel geblieben? Sie wurde offensichtlich abgefeuert.“

Der Inspektor lächelte. „Gute Fragen. Beantworten Sie sie.“

„Aber … ich …“ Seine Hände zuckten aufwärst, unwillkürlich in einer resignierenden Geste. „Ich weiß es nicht, Inspektor. Deshalb habe ich Sie rufen lassen.“

„Mein Lieber.“ Eine schwere Pranke drückte sich fest in die Schulter des Polizisten. „Ich habe Ihnen alles beigebracht, was ich kann. Es ist Ihr Fall.“

„Aber Inspektor …“

„Seit gestern nicht mehr. Beantworten Sie die Fragen.“

Der Polizist schluckte schwer, dann atmete er tief ein und fokussierte zum ersten Mal sein Gegenüber. „Ich denke, die zweite Kugel ist ein Hinweis, eine Signatur, ein Zeichen seines Könnens.“

„Haben Sie diese Signatur bereits einmal gesehen?“

„Nein, nie in einem Mordfall.“

„Dann ist es sein erster Mord?“

„Das denke ich auch, aber …“ Der Jüngere warf dem Inspektor erneut einen zögernden Blick zu. „Warum dann die Signatur? Ich habe fast das Gefühl, als wolle er gefunden werden.“

„Gut.“ Der Andere nickte zustimmend. „Vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Was weiter?“

„Die dritte Kugel, ich … ich denke, ich weiß, wo sie sein könnte …“

Der Inspektor hob überrascht die Augenbrauen. Dann nickte er wieder. „Gut. Wo?“

„Im Täter.“

Ein zufriedenes Lächeln. „Warum?“

„Nun … wie Sie bereits gesagt haben, der Tartort ist sauber. Keine Spuren, kein gar nichts. Die Kugel wurde abgefeuert, davon zeugt die Patronenhülse. Er wollte, dass wir sie finden, weil …“ Mit zitternder Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Weil er wollte, dass wir ihn finden!“, platzte es schließlich aus ihm heraus.

Ein zweites Lächeln. „Dann läuft der Täter mit einer offenen Schussverletzung durch die Stadt und wartet darauf, dass Sie ihn finden?“

„Nein“, entgegenete der Andere entschieden. „Kein Blut, die Kugel muss zwar den Täter getroffen, ihn aber nicht verletzt haben. Und ich glaube nicht, dass er durch die Stadt läuft. Es ist sein erster Mord, er wäre zum Tatort zurückgekehrt.“

„Typisches Verhalten“, stimmte der Inspektor zu. „Dann müssen Sie nur noch eins lösen: Wie kann die Kugel in den Täter eingedrungen sein, ohne ihn verletzt zu haben?“

„Das wäre möglich, wenn er ein künstliches Körperteil trägt. Eine Prothese. Vielleicht aufgrund einer Dienstverletzung?“ Der Schüler sah ein letztes Mal fragend zu seinem großen Vorbild auf.

„Dann wissen Sie nun, wer der Mörder ist“, sagte der alte Ermittler ruhig und streckte dem Jüngeren seine Handgelenke entgegen. „Von nun an sind Sie der Boss.“

Das Holz war einst ein Baum.

Der Griff des Mannes erinnert das Holz an den Künstler. Der hatte ähnlich große Hände, nur feiner, zärtlicher. Er hat das Holz verschönert, es verbessert, es seiner optimalen Leistungsmöglichkeit zugeführt. Aber dieser Mann wird das Holz nicht verschönern. Er wird keine feinen Ornamentstrukturen in es hobeln. Er wird es nicht zum Teil eines Ganzen machen, zum unverzichtbaren Mitglied einer Familie von vier Brüdern und einem über sie alle wachenden Vater. Stattdessen wird er das Holz seiner letzten Leistungsmöglichkeit zuführen. Er wird es zerstören, das Holz versucht den Gedanken zu unterdrücken, aber es gelingt ihm nicht: Zerstören, so wie er bereits seine Brüder vor ihm zerstörte.

Als die Finger des Mannes sich lösen, spürt das Holz bereits die Wärme der Flammen. Es blickt auf die Überreste seiner Brüder hinab und sein hölzerner Kern zieht sich zusammen, aber die Hitze lässt jeden austretenden Harztropfen sogleich vergehen. Und dann fällt das Holz.

Schon einmal zuvor ist es so gefallen. Im Augenblick der Erinnerung verschmilzt der Mann mit jenem anderen, dem, der vor langer Zeit die Axt geschwungen hat, dem, der sie alle zu Fall brachte. Im Fallen spürt das Holz zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder den Wind. Es riecht nach welken Blättern, Herbststürmen und Hoffnung. Das Holz fühlt sich wieder klein, jung und frisch. Seine grünen Blätter werden vom leisesten Hauch gebogen, jeder menschliche Fußtritt könnte ein Todesstoß sein. Das Holz sieht die anderen Grünlinge auf der Lichtung und weiß, dass sie bald seinen Wurzeln Platz machen werden. Dass sie eingehen werden unter dem stetig höher strebenden Blätterdach seiner Äste. Das Holz weiß, dass es zu viel wollte. Dass es ihm nie wirklich gelingen konnte, den Himmel zu erreichen. Dass der Himmel nur eine Lüge ist, von der die anderen Waldriesen erzählen, um den Mord an unzähligen schwächeren Pflanzen zu rechtfertigen.

Der Lack beginnt fleckenartig vom Holz abzuspringen und dieser Schmerz überdeckt die Scham ob seines jugendlichen Größenwahns. Das Holz versucht seine Gedanken auf die Arbeiter zu lenken, die es zerkleinert und geformt haben. Die gesichtslosen Männer, die ihm endlich eine Bestimmung gaben, eine Aufgabe. Die es mit Nägeln und Leim an seinen Vater banden, auf dass er unter ihm und neben seinen Brüdern der Familie diene.

Doch zwischen all die guten Erinnerungen drängt sich immer wieder das Gesicht des Mannes, des einzigen, der ein Gesicht hat. Ein Gesicht, das das Holz nun anstarrt. Und Hände, die zum Schürhaken greifen und das Holz tiefer in die Flammen schieben. Diese Hände waren es auch, die den Vater zerbrachen. Die auf ihn einschlugen, unprovoziert, ihn gegen die Wand warfen, bis seine Söhne sich von ihm lösten.

Für einen Moment glaubt das Holz, im Knistern der Flammen das Rauschen der Blätter zu hören. Die leichtsinnigen Windgänger sprachen schon immer von Freiheit. Sie haben den Wert der Standhaftigkeit nie begriffen. Deshalb mussten sie auch fallen. In dem Moment, da die Hitze das Holz entzweibricht, beginnt zum ersten Mal auch das Holz zu zweifeln. Freiheit klingt auf einmal so verheißungsvoll, so wahr. Aber weil es ein gutes sozialistisches Holzscheit ist, verdrängt das Holz diesen Zweifel. Es weiß, dass es mit seinem Tod dienen kann. Dass es das Feuer am Leben hält. Dass es Wärme spenden kann. Zumindest für diese eine Nacht.

Die Asche war einst Holz.

https://i1.wp.com/files.content.lettersandlight.org/nano-2012/files/2012/11/Winner-120x240.jpgOb ich nun fertig bin oder mein Buch bloß aufgebe, mag hier dahingestellt sein, was zählt ist jetzt nur, dass ich einen vollständigen Roman und 50.789 Wörter aufs Papier gebracht habe.

Dass auf diesem Blog im November nichts erschienen ist, lag natürlich an Nanowrimo (unter anderem). Denn meine letzten Wochen fanden irgendwo zwischen „Through joy and through sorrow, I wrote. Through hunger and through thirst, I wrote. Through good report and through ill report, I wrote. Through sunshine and through moonshine, I wrote. What I wrote it is unnecessary to say. (Edgar A. Poe)“ und „I just sit at a typewriter and curse a bit. (P. G. Wodehouse, after being asked about his writing technique)“ statt.

Und anders als Eugene Ionesco („A writer never has a vacation. For a writer life consists of either writing or thinking about writing.“) genehmige ich mir jetzt erstmal einen Urlaub … und einen Schulterklopfer 😉

Der November steht wieder vor der Tür und neben ihm sein siamesischer Zwilling Nanowrimo. Am Donnerstag werde ich beide zum zweiten Mal in meine Wohnung bitten und mich erneut auf den Burnout- und Erleuchtungsmarathon einlassen, der jährlich Tausende von Schreibwütigen dazu bringt, alle sozialen Kontakte, sowie Arbeits- und Univerpflichtungen schleifen zu lassen, um stattdessen Tag und Nacht mit Plotkonstruktionen, Romancharakteren und Schreibblockaden zu verbringen.

Die Regeln sind einfach: 50 000 Wörter/30 Tage = 1667 Wörter pro Tag, jeder kann mitmachen, die Teilnahme ist kostenlos, die Ergebnisse unbezahlbar: Selten habe ich in so kurzer Zeit so viel über das Schreiben und (so klischeereich-selbsthilfegrupenmäßig das auch klingt) über mich gelernt, wie bei Nanowrimo.

Mein Fazit daher: uneingeschränkt allen zu empfehlen!

Ich freue mich auf Nanowrimo 2012, neue Erkenntnisse und Frustrationen und entschuldige mich im Voraus bei allen Nicht-fiktiven, die im kommenden Monat Kontakt mit mir aufnehmen wollen.

Wie Frank Sinatra einst sang: „Love is lovelier the second time around“ – let’s hope that also goes for Nanowrimo!

PS: Anmelden kann man sich (wenn man das möchte) auf nanowrimo.org, mich findet ihr unter Eskapist und ich freue mich immer über Writing Buddies, die meine/n Begeisterung/Frust teilen.

Ich rappelte mich hoch, streckte dem Untier dreist meine Hand entgegen und log ohne mit der Wimper zu zucken: “Rüdiger, der Rachsüchtige – Ihr werdet sicher schon von mir gehört haben – Bezwinger von Monstern, Befreier von Jungfrauen, von Kriegern gefürchtet, von Damen geliebt, besungen von sämtlichen Barden in allen Königreichen diesseits des Meeres – und in zwei jenseitigen, von denen ich weiß!”

Die roten Augen des Drachen glühten bei meiner arroganten Vorstellung heiß auf. „Ihr seid Rüdiger, der Rachsüchtige?“ Der abschätzende Blick des Ungetüms stieß ein Dolch in meinen Panzer der Eitelkeit.
Gekränkt rümpfte ich die Nase noch weiter: „So ist es, Steinherz, der Blutige.“ Trotzig wollte ich meine immer noch ausgestreckte Hand schon wieder zurück ziehen, als der Drache sie plötzlich mit seiner gewaltigen Kralle umschloss.

„Es ist mir eine Ehre, nein wirklich, eine Ehre! Ich dachte nur … meine Mutter hat mir bereits Geschichten von Euren Taten erzählt, darum hätte ich Euch älter geschätzt … aber dass ich gerade Euch hier begegne, nein wirklich … wie ihr mit der Seeschlange von Lindburg umgesprungen seid, es war eine Inspiration … nein wirklich, solch eine Ehre! Zuhause werden sie es mir nicht glauben, wenn ich ihnen erzähle, in wen ich hineingeflogen bin!“

Der Redeschwall des Tieres wurde von einem unterwürfigen Hecheln begleitet, dass so gar nicht zu seinem imposanten Körper passen wollte. Von der überraschenden Wendung meines Erlebnisses überrumpelt, starrte ich für einige Momente verwirrt auf die grinsende Fratze des Drachen.

 1. Als ich aus meiner Starre wieder erwachte, klopfte ich dem Untier wohlwollend auf die Pfote: „Mach dir keine Sorgen, mein Freund, es ist auch eine Ehre, dich zu treffen!“

2. Als ich aus meiner Starre wieder erwachte, zog ich ein Stück Pergament aus meinem Gürtelbund: „Autogramm gefällig? Dann müssen sie dir zu Hause ja glauben!“

3. Als ich aus meiner Starre wieder erwachte, zog ich blitzschnell mein Schwert, um dem anbiedernden Ungetüm endlich ein Ende zu machen: „Stirb, Monster!“

Mit einem Kommentar entscheidest du, lieber Leser, was unserem Helden passiert, also wähle mit Bedacht, sein Leben liegt in deinen Händen.

So sehr ich Tolkien und sein Meisterwerk auch verehre, wenn ich den „Herrn der Ringe“ aus der Perspektive eines Lektors lese, finde ich viele Stellen, an denen ich die Kommentarfunktion meines Schreibprogrammes überlasten müsste. Allen voran diese unsägliche Tom-Bombadil-Episode

Der Abstecher der Hobbits in den Alten Wald hat mir schon immer irgendwie missfallen. Nicht nur, weil die Handlung an dieser Stelle kaum voran kommt und ich sie daher beim Lesen immer öfter überspringe, um endlich nach Bree zu kommen, sondern auch, weil ich mit der Figur von Tom Bombadil nie etwas anfangen konnte.

Mitten in die erste Nah-Tod-Erfahrung der Hobbits kommt dieser kunterbunte Waldschrat gehüpft, der ihnen nonsense-singend wiederholt aus der Patsche hilft und die Autorität des plottreibenden, unwiderstehlichen Machtinstruments, des Ringes, profund untergräbt.

Erst etabliert Tolkien den Einen Ring als so gefährlich und tückisch, dass ihn niemand sicher verstecken oder gar benutzen kann – sodass als einziger Ausweg und Ziel des Romans nur seine Zerstörung bleibt – und kaum 100 Seiten später treffen wir einen Gott-ähnlichen Öko-Aktivisten, der gegen die Macht des Ringes vollkommen immun zu sein scheint. WTF?! An dieser Stelle kann ich Frodos Empörung vollkommen nachvollziehen: „He was perhaps a trifle annoyed with Tom for seeming to make so light of what even Gandalf thought so perilously important.“

Seine Erhabenheit über die Macht des Ringes ist es, die Bombadil zu einer der mysteriösesten Figuren im „Herrn der Ringe“ macht. Ist er einer der Valar, oder sogar Ilúvatar, der Schöpfer, selbst? Ist er eine – von Tolkien selbst so vehement abgelehnte – Allegorie des christlichen Gottes in Mittelerde?

Wer ist er? Das fragen sich auch die Hobbits. Toms Frau Goldbeere antwortet Frodo auf seinen ersten Versuch dieses Mysterium zu lösen schlichtweg: „He is […] He is, as you have seen him“ und der Leser fühlt sich sofort an „Ich bin der ich bin“ erinnert.
Sie sagt aber auch: Tom Bombadil is the Master. No one has ever caught old Tom walking in the forest, wading in the water, leaping on the hill-tops under light and shadow. He has no fear. Tom Bombadil is master.“ und macht damit klar, dass Bombadil nicht wirklich ein Teil dieser Welt (Mittelerdes) ist.

Bei seinem zweiten Versuch bekommt Frodo immerhin eine ausführlichere Vorstellung von Bombadil selbst: „Don’t you know my name yet? That’s the only answer. Tell me, who are you, alone, yourself and nameless? But you are young and I am old. Eldest, that’s what I am. […] Tom was here before the rivers and the trees; Tom remembers the first raindrop and the first acorn. […] Tom was here already, before the seas were bent.“ Tom Bombadil ist also der Älteste, der, der vor allem anderen da war – der Schöpfer?

Für die christliche Interpretation sprechen nicht nur Goldbeeres Worte, sondern auch Toms Taten – weckt er doch zumindest drei Hobbits mit seiner „commanding voice“, die Frodo später als „the power of Bombadil“ bezeichnet, von den (beinahe) Toten auf.

Aber für einen Gott wirkt Bombadil dann doch wenig interessiert an den Geschehnissen in seiner Welt. So weißt Tom, als er sich von den Gefährten verabschiedet, sie darauf hin, dass er Wichtigeres zu tun hat, als sie zu begleiten: „I’ve got things to do […] my making and my singing, my talking and my walking, and my watching of the country. Tom can’t be always near to open doors and willow-cracks. Tom has his house to mind, and Goldberry is waiting.“

Und auch Gandalf, der sich vor der Säuberung des Auenlandes von den Hobbits trennt um Bombadil zu besuchen, bezeichnet ihn als „untroubled“, als einen, der sich für die Abenteuer der Gefährten, die ja immerhin die Welt vor der Dunkelheit gerettet haben, nicht interessiert.

Kurz und gut: All diese widersprüchlichen und verwirrenden Beschreibungen machten Tom Bombadil in meinen Augen stets zu einem schlichtweg unnötigen Charakter, der vollkommen zu recht in Jacksons Filmversion gestrichen wurde.

Bis ich bei polyoinos auf einen Aufsatz über die Identität Bombadils stieß, der es endlich schaffte, mir die Figur näher zu bringen. Der vollständige Text von Frank Weinreich ist meiner knappen Zusammenfassung selbstverständlich vorzuziehen, aber im Grunde kann man ihn auf den folgenden Satz hinunter brechen:

Bombadil ist Tolkien.

Mit diesen magischen drei Worten erschließt sich die Bezeichnung von Tom als „Master“ und „Eldest“ von alleine: Wenn Tom Tolkien ist, dann ist er nicht von dieser Welt (Mittelerde). Er ist der, der vor allem anderen da war. Er ist ihr Schöpfer. Der Ring hat keine Macht über ihn, weil er den Ring – wie alles andere auch – geschaffen hat. Und er kann die Hobbits nicht auf ihrer Reise begleiten und ihnen ihre Tat erleichtern, weil es dann keine Geschichte gäbe.

Natürlich ist Tom „not much interested in anything that we have done or seen“ – wie Gandalf am Ende ihrer Reise zu den Hobbits sagt – wenn er alles, was ihnen widerfahren ist, selbst geschrieben hat. Und logischerweise kann Bombadil, wenn er Tolkien ist, mit seinen Worten Bäume befehlen und Figuren wieder zum Leben erwecken.

Tom ähnelt in vielen Beziehungen dem, was wir aus Tolkiens Biografie über ihn wissen – allem voran verkörpert er die Liebe zur Natur.
Hinzu kommt die Tatsache, dass er als einziger Charakter im gesamtem Roman in einer romantischen Beziehung lebt, die so ungewöhnlich (ungewöhnlich für Tolkien, der seine Liebesplots ja bekanntlich gerne in den Anhang verbannte) häufig erwähnt wird, dass auf jeder Seite, auf der Bombadil vorkommt, auch seine Goldbeere stets präsent ist – im Grunde kann Tom von nichts anderem sprechen/singen.

Wäre es nicht möglich, dass Tolkien sich und seiner Frau Edith (seiner Lúthien) im „Herrn der Ringe“, mitten in Mittelerde, im Alten Wald, im hintersten Teil einer Welt, die noch nicht von Industrialisierung und Moderne überrollt wurde, ein kleines Heim geschaffen hat, in dem sie für ewig in Frieden zwischen den Bäumen und den Flüssen leben können?

Damit wären wir dann auch bei Teil Zwei dieses (inzwischen schon viel zu langen – bitte entschuldigt, wenn ich keine Hausarbeiten schreiben darf, muss ich meine Literaturanalyse anderweitig loswerden) Artikels angekommen:

Dare II: Cameo – Der Mann, der die Möhre kaut, den Speer wirft oder von einem Pfeil erschossen wird – wer den Roman zum ersten Mal liest oder mit dem Autor kaum vertraut ist, wird mit ihm nichts anfangen können, aber wenn man genau hinsieht, die falschen Haare und das Make-up ignoriert, erkennt der wahre Fan, dass sich der Meister hier selbst in seinen Roman hinein geschrieben hat.

BP: Wenn der Autor sich in seiner Geschichte über seine Geschichte aufregt und daher einen grundlosen Streit mit seinem Protagonisten beginnt.

DBP: Wenn der Protagonist seinen Autor tötet.

TBP: Wenn dem Protagonisten als Strafe dafür etwas Tragisches widerfährt.

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