Glossen und Kommentare


Ich war gerade auf der Suche nach einem geeigneten Thema, über das ich bloggen könnte, und überlegte über die neue Serie von Aaron Sorkin „The Newsroom“ zu schreiben, als ich (durch Schicksal oder Zufall) auf einen ZEIT-Artikel stieß, der meine Suche beendete.

Jedem, der sich gerne am Kopf kratzt und Sätze drei Mal liest, um ihre Intention zu enthüllen, kann ich den Artikel „Bügeln geht nicht mehr“ über aktuelle amerikanische Fernsehserien nur empfehlen.
Zugegeben, die Betitelung des Artikels als „eine Polemik“ warnt den Leser, sodass er sich auf eine kontroverse Meinung vorbereiten kann, aber ich habe einige Zeit gebraucht, bis mir klar wurde, was der Autor des Textes eigentlich kritisiert.

Die Kritik des Autors an der neuen Welle von amerikanischen (vor allem HBO) Serien, die in den letzten Jahren auch Deutschland erfasst hat, ist nämlich, dass sie zu gut sind!

Ja, schon im Untertitel des Artikels heißt es: „Alle Welt schwärmt von den amerikanischen Fernsehserien. Dabei terrorisieren sie uns mit ihrer durchgestylten Perfektion und Komplexität.“

Perfektion“ und „Komplexität“ sind zwei Wörter, die ich lobend benutzen würde, der Autor dieses ZEIT-Artikels sieht das jedoch anders:
Er trauert vielmehr den schlechten, alten Zeiten hinterher, in denen Fernsehserien noch Bügeleisen als Navigationsinstrumente und schwarze Plotlöcher, die die Hirne ihrer Protagonisten verschlucken, hatten: „Fernsehen war einmal ein unedles, zerstreutes Medium, in dem sich das Erhabene und der Murks verschwägerten.“

(Jeder, der „Doctor Who“ liebt, weiß natürlich, dass es damals wie heute immer noch reine Glückssache ist, ob man mit Weeping Angels oder fliegenden Riesen-Wespen konfrontiert wird – von schwebenden Salzstreuern natürlich ganz zu schweigen – und das o.g. Argument somit schnell außer Kraft gesetzt werden kann.)

Hinzu kritisiert der Autor die Wirkung, die die modernen Serien auf den Zuschauer haben. Früher lernte „wer Serien liebte […] zwischen den Zeilen zu lesen, das Unausgesprochene und Uneingelöste zu schätzen, im Dreck nach Gold zu schürfen“ und das Publikum wurde somit zu einem „aktiven Zuschauer“, der Plotlöcher selbst füllte, Hintergrundgeschichten zu Charakteren selbst erfand und dadurch seine Lieblingsserien selbst besser machte als sie waren.

„Der aktive Zuschauer, der wahre Medienfan, den die Cultural Studies gefeiert haben, scheint hingegen [heutzutage] überflüssig zu werden[, weil es] in den durchkomponierten, überdeterminierten, auserzählten neuen Shows […] wenige Lücken [gibt], in die ein Fanautor mit seinen Fantasien, seinen eigenen Storys stoßen könnte“.
Sprich: Die neuen Serien sind so gut, dass der Zuschauer sie nicht mehr verbessern muss und dadurch wird er – der These des Autors nach – zum reinen Konsumenten, schlimmer noch: zum Eskapisten! („Vielmehr legen die neuen Serien […] den Gedanken nahe, dass es ihnen vor allem auf Atmosphäre und »Style« ankommt, um die Erschaffung von Markenuniversen, die so komplett und zugleich so grenzenlos sind, dass sich der Zuschauer in ihnen verliert“)

Ganz davon abgesehen, dass Eskapismus auf diesem Blog selbstverständlich gefeiert wird, offenbart diese Kritik das riesige Loch in der Argumentation des Autors: Nicht die schlechte Qualität vergangener Serien hat den Zuschauer früher „aktiv“ gemacht. Dass jemand Fan einer Serie ist, weil sie schlechte Drehbücher, Ausstattungen und Schauspieler hat, kann ich mir nicht vorstellen. Zum Fan wird man, wenn man etwas gut findet. Und als Fan kann man eine Serie trotz der o.g. Defizite mögen.

Die verbesserte Qualität moderner Serien macht den Zuschauer daher alles andere als passiv, sie „aktiviert“ ihn nach wie vor über das „Gute“ an einer Serie, das ihn zum Fan macht. Und nie waren Fans aktiver als heutzutage in Foren, auf Fanfiction-Seiten, Podcasts, Conventions, social media, etc.
Der einzige Unterschied ist, dass die modernen Fans ihre Lieblingsserien nicht mehr ausbessern, sondern nur noch verbessern.

Nein, die neuen amerikanischen Serien sind nicht perfekt. Wenn man jedoch Fernsehserien aus früheren Jahrzehnten mit ihnen vergleicht, kann man leicht urteilen, dass viele der neuen Serien besser sind. Warum man die „akribische Ausstattung, [die] ausgesuchten Sets und [die] erbarmungslos orchestrierten Geschichten“ jedoch kritisieren sollte, erschließt sich mir nicht.

Perfektion und Komplexität in „einem Fernsehen, das sich nicht angreifbar machen will“ heiße ich persönlich willkommen!

In diesem Sinne,
schaut „The Newsroom“

PS: Bonuspunkte für jemanden, der mir den Matrix Vergleich und das Zitat von Fredric Jameson im Kontext des Artikels erklären kann!

Ich arbeite mich langsam in die Fantasy-Ecke vor, stöbere durch die Auslagen – reihenweise starren mich halbe Mädchenprofile mit abnormal grünen oder roten Augen von den Covern her unter englischen Ein-Wort-Titeln an – bis ich vor den regulären Regalen stehe.

Vor einem Jahr stieß ich an dieser Stelle auf eine Genreüberschrift, die ein komplettes Regal als „Vampirromane“ klassifizierte. Ein kurzer Blick auf die Titel in diesem Regal bestätigte an jenem Tag meine schlimmste Annahme: Sämtliche Romane in diesem Regal – ein Drittel der Fantasy-Abteilung – waren Twilight-Kopien.

Damals konnte ich den aufkommenden Entsetzensschrei in meiner Kehle nur unterdrücken, weil mich ein Mantra beruhigte: „Es ist nur eine Phase, es geht vorüber.“

Ein Jahr später stehe ich jetzt erwartungsvoll vor dem Regal, das mich einst so traumatisierte, und tatsächlich: die „Vampirromane“ sind Vergangenheit!

Statt ihrer begrüßt mich nun die neue Genrebezeichnung „Romantasy“.

Ich bin sicher, dass mir auch diesmal kein Schrei entfuhr – denn dafür bin ich erstens zu gut erzogen und zweitens zu introvertiert – aber auf irgendeine unbewusste Art muss ich mich meines Missfallens doch entledigt haben, denn die zwei 14-jährigen Mädchen, deren Zielgruppe ich infiltriert hatte, sahen mich auf einmal entrüstet an.

Um meine Frustration zu erklären, sei vorab noch eines gesagt: Ich liebe Fantasy und ich liebe Romance – die Vereinigung von beidem sollte mich eigentlich glücklich stimmen.

Warum regt mich also diese neue Genrekreation derart auf?

  1. Das Wort an sich – „Romantasy“ – kann ich nicht aussprechen, ohne dass mein Gesicht sich angewidert verzieht. Wenn wir dem Ganzen schon einen Namen geben müssen, warum dann nicht „Romantic Fantasy“ wie früher? Zwei Wörter zu einem neuen zusammenzuschieben ist schlichtweg beyond the possimpible.

  2. Die Bücher im „Romantasy“-Regal sind zwar keine Twilight-Klone mehr, aber immer noch direkte – wenn auch natürlich geborene und mit Liebe aufgezogene – Nachkommen der Vampir-“Saga“, die in meinen Augen vollkommen unfruchtbar sein müsste.

  3. Die Genre-Betitelung symbolisiert mehr als eine rein literarische Entwicklung. Wenn die Produzenten der neuesten Romeo und Julia-Verfilmung diese als „Shakespeare für die Twilight-Generation“ bezeichnen, dann schrillen bei mir die Alarmglocken ebenso laut wie in der Buchhandlung.

Dabei bin ich stolzer Teil der Harry-Potter-Generation. Wenn man sich die Entwicklung der weltweiten Kinder-, Jugend- und Fantasyliteratur nach J.K.Rowlings Büchern ansieht, dann trifft man natürlich auch dort auf vereinzelte Klonversuche und Nachahmer, aber die Popularisierung der oben genannten Genres und des Lesens im Allgemeinen, die Harry Potter nach sich zog, kann man nur als Schritt ins Licht bezeichnen.

Wie man dem „Romantasy“-Regal ansieht, popularisiert Twilight vor allem eines: Liebesbeziehungen zu mörderischen Kreaturen.

Und so gebiert die „Romantasy“-Literatur das immer gleiche Plot, angereichert mit fragwürdigen Werten und im fanfiction-Stil geschrieben wieder und wieder… bis schließlich auch Romeo zum Werwolf und Julia zum Vampir werden muss.

Diese Entwicklung ist definitiv ein Schritt rückwärts. Sie frustriert mich so besonders, weil sie meine Lieblings-Genres betrifft und weil sie zeigt, dass der gute Geschmack, den wir mit dem Harry-Potter-Hype bewiesen haben, nur ein Zufall war.

Dass ganz besonders die Jugendbücher Phasen durchlaufen, sieht man schon ihren uniformen Covern an. Jetzt gerade ziehen die „Hunger Games“ eine Welle von romantischen Dystopien nach sich. Ebenso kamen in den letzten Jahren nach „Twilight“ die „Vampirromane“.

Die „Romantasy“-Literatur ist hoffentlich nur das letzte Nachbeben des „Teenager verliebt sich in übernatürliches Wesen“-Plots, das sich danach für ein paar Jahrzehnte schlafen legt.

„Es ist nur eine Phase, es geht vorüber.“

Ich warte derweil ab, welches Genre nächstes Jahr in das Regal in der Fantasy-Abteilung einzieht – Steampunk, ich drück dir die Daumen.

Um dem natürlichen Lauf der Fortsetzungen zu folgen, möchte ich nun noch ein letztes Beweisstück hervorbringen: Beweisstück B – Den Film!

Das Motto „Ein schöner Film, schade, dass es davon keine Fortsetzung gibt!“ trifft heutzutage leider auf fast keinen Kinofilm mehr zu. Was gut läuft wird früher oder später zu einer Franchise erklärt und in die Sequel-Maschine geworfen, die dann aus dem künstlerischen Wert von Drehbuch, Schauspielern und Filmemachern Fließband-Fortsetzungen macht.

Im Filmbetrieb sehe ich eine ähnliche Unterteilung, wie die, die für die Literatur gilt:

1. Solche, die eine Geschichte auf mehrere Filme aufteilen (Der Hobbit)

2. Solche, die einen Film gemacht haben und dann anfangen Fortsetzungen zu drehen.

            2.1. Die, bei denen die Fortsetzungen dann zu Kategorie 1 gehören (Fluch der Karibik 2+3)

            2.2. Die, deren Fortsetzungen auch eigenständige Filme sind, die in sich Anfang und Ende   haben (Film-Serien wie Shrek, Ice Age, Underworld, Sherlock Holmes, praktisch sämtliche             Horror-Filme – um nur die zu nennen, die gerade im aktuellen Programm herumgeistern)

Das Rezept ist auch hier das gleiche wie in der Literatur: Hat man einen Hit gelandet und einen Film gemacht, der nicht nur gut ist, sondern den auch jeder sehen will, macht man nicht einfach nur eine Fortsetzung, nein man macht gleich zwei und nennt das Ganze dann Trilogie!

Fluch der Karibik 2+3 ist ein Film. Matrix 2+3 ist ein Film. Aber die klugen Studiobosse haben die Chance erkannt den Kinobesucher zwei Mal für einen Film zahlen zu lassen und sie natürlich auch ergriffen.

Nachdem die Macher der Harry-Potter-Filme den letzten Band aus keinem anderen Grund als der puren Geldgier auf zwei Filme aufgeteilt haben, zögerten auch die Produzenten der Twilight-Franchise nicht, diese geniale Idee sofort zu kopieren und säbelten „Breaking Dawn“ noch unverdienter in zwei Hälften (zumal „Breaking Dawn“ im Gegen teil zu „Deathly Hallows“ auch schon auf der Fortsetzung eines Buches basiert, das keine Fortsetzungen hätte haben sollen).

Seitdem ist das Zerteilen von Geschichten, deren Spannungsbogen nur für einen Film reicht, Gang und Gebe. Die Produzenten der kommenden Hunger-Games-Verfilmungen (für das Buch gilt Gleiches, wie für die Twilight-Nachkommen) drohen bereits vorm Erscheinen des ersten Teils damit, dass sie Teil drei in zwei Filmen herausbringen wollen. Auch „Der Hobbit“ ist (und ja, Ausnahmen bestätigen hoffentlich die Regel) ebenfalls fest als Zweiteiler geplant.

Im Film findet die Fortsetzungs-Folter ihren Höhepunkt: Wenn Filme wie „Breaking Dawn“, deren Vorlage eigentlich schon das Kaugummi-Produkt eines Sequel-Fleischwolfes ist, in zwei Teilen produziert werden, wenn Charaktere wie Captain Jack aus „Fluch der Karibik“ nicht auf ihrem Podest in Frieden altern dürfen, sondern so lange wieder und wieder mit heißem Wasser übergossen werden, bis sie gar keinen Geschmack mehr abgeben, wenn ein „2“ hinter jedem zweiten Filmtitel bei Kinostarts steht – Dann ist das Ende erreicht, dann hab ich die Schnauze voll, dann wird es Zeit, dass Autoren ihr Werk über Verlegerdruck und Geldsucht stellen und seine Integrität wahren, indem sie keine Fortsetzungen mehr schreiben!

Ernsthaft, hört auf mit dem Scheiß!

Und wenn du, lieber Leser, nun denkst: Hättest du das uns nicht auch knapper und in einem Eintrag darlegen können? Dann lass mich dir mit Aischylos antworten: Ich tat es nur, damit du von meinem episch-langen Eintrag nicht gelangweilt wirst. Und um dein Hinterteil zu schonen.

Ich will kein Geld von dir, ich spanne dich nicht auf die Folter, ich zerstöre keine Einheit und ich kann meine Dreiteilung inhaltlich und stilistisch untermauern – wer von seinem Werk dasselbe sagen kann, der hat meinen Segen eine Fortsetzung zu schreiben/filmen!

Nachdem wir von unserem Zeugen gehört haben, dass wie so vieles auch die Fortsetzung ein Verdienst der Antike ist, möchte ich nun mein erstes Beweisstück anführen: Beweisstück A – Die Literatur!

Grundsätzlich sehe ich drei Arten von Fortsetzungsgeschichten:

1. Solche, die in einem Buch nicht fertig werden und dieselbe Geschichte in Band Zwei weitererzählen (Martin: Song of Ice and Fire)

2. Solche, die nach der Veröffentlichung eines eigenständigen Ein-Teilers geschrieben werden

            2.1. Die, bei denen die Fortsetzungen dann zu Kategorie 1 gehören (Funke: Tintenwelt)

            2.2. Die, deren Fortsetzungen auch eigenständige Romane sind, die in sich Anfang und Ende haben (Rowling: Harry Potter)

Passend zu meinen drei Typen ist in der Literatur drei die magische Zahl. Daher werden Fortsetzungsgeschichten gerne zu Trilogien und Verleger reagieren auf die neuen Buchvorschläge ihrer Autoren heutzutage scheinbar reihenweise mit „Gute Idee, machen Sie doch einen Dreiteiler draus!“

Trilogie klingt gut. Trilogie verkauft sich gut. Ist Band eins gut, ist es vollkommen egal, ob Band zwei und drei grottenschlechte Kaugummi-Fortsetzungen einer bereits in einem Band abgeschlossenen Geschichte sind, die den Wert des Romans in gleichem Maße mindern, in dem sie seine Seitenzahl erhöhen. Wer Band Eins gut fand, kauft auch Band Zwei und wer Band Zwei gekauft hat, muss Band Drei kaufen, da er sonst nie erfährt, wie die Geschichte ausgeht.

Gerade mein geliebtes Fantasy-Genre ist von dieser Seuche besonders befallen, was natürlich daher kommt, dass die Mutter aller Trilogien auch die Mutter aller Fantasy Romane ist.

Und gerade am Ursprung erkennt man den Fehlverlauf: Tolkien verstand den „Herrn der Ringe“ als einen Roman, ein Buch. Sein Verleger teilte das Manuskript der ursprünglichen sechs Bände in drei Teile und schaffte somit die Trilogie, als die der Roman heute berühmt ist. Warum Tolkien seine Geschichte als eine Geschichte verstand, liegt auf der Hand: „Der Herr der Ringe“ mag lang und abschweifend und um nichts epischer als Aischylos Tragödien sein, aber er erzählt eine zusammenhängende Geschichte, die keine eigenständigen, voneinander trennbaren Teile hervorbringt.

Tolkiens Verleger hörte jedoch nicht auf die Proteste des Autors, er war zu beschäftigt über Papierpreise nachzudenken, trennte das Werk und schuf damit die Grundlage für den Trilogie-Terror, der in der modernen Fantasy-Literatur wütet:

Collins [The Hunger Games], Funke [Tintenwelt-Trilogie], Gier [Edelstein-Trilogie], Grevet [Méto], Isau [Neschan-Trilogie], Meyer [Merle-Trilogie], Paolini [Eragon], Pullman [His Dark Materials], Rothfuss [Kingkiller Chronicles] – Sie alle hatten Potential, oder gute erste Bände und fielen dann dem Trilogie-Virus, dem Druck der Verleger oder dem Geldrausch zum Opfer.

Gerade im Fantasy-Genre gibt es natürlich auch solche Autoren, die (ähnlich dem Zeitungsroman) jedes Jahr oder alle zwei Jahre einen neuen Band einer scheinbar unendlichen Geschichte herausbringen. Martins „Song of Ice and Fire” war ursprünglich als Trilogie geplant, aber drei Bände reichten dem Autor einfach nicht aus um zum Ende zu kommen. Jetzt soll es ein Siebenteiler werden. Ein ähnliches Schicksal sehe ich schon für Patrick Rothfuss und seine „Kingkiller Chronicles“ voraus.

Doch mein Problem mit diesen endlos-Geschichten ist, dass ich einfach irgendwann die Lust verliere. Wenn es keinen Spannungsbogen mehr gibt, wenn immer wieder dasselbe passiert (Rothfuss) oder plötzlich Leute sterben, die die Geschichte gebraucht hätte, um zum Ende zu kommen (Martin) oder wenn ich merke, dass jeder neue Plotpunkt nur ein riesiger Felsbrocken ist, den der Autor seinen Protagonisten in den Weg wirft, weil er selber nicht weiß, wie die Straße dahinter weitergehen soll, dann nützen auch die beste Schreibe und die schönsten Nebencharaktere nichts mehr, dann hör ich irgendwann auf zu lesen.

In der Literatur (und insbesondere in der modernen Fantasy-Literatur) ist daher Aischylos Ursprungs-Idee, um der Geschichte Willen und zum Wohle des Publikums die Fortsetzung einzuführen, zur hässlichen und geldgierigen Plotdehnerei mutiert.

Weiter geht es in: Fortsetzungs-Folter: Teil 3 – Das Finale im Film

Frustrierte Leser allerorts werden diese Situation kennen: Die Geschichte hat gerade ihren Höhepunkt erreicht, das Buch nähert sich seinem physischen Ende, man spürt wie die Blätter hinter der rechten Hand weniger werden, soviel muss noch aufgelöst werden, soviel erklärt, noch 30 Seiten, noch 20, noch 10… ach, verdammt, es wird ne Fortsetzung werden!

Wir leben im Zeitalter der Fortsetzungen! Nicht seit dem Zeitungsroman, der Lesern jede Woche ein neues Kapitel bot und daher nicht ohne Grund immer länger und länger wurde, hat es in der Kultur der westeuropäisch-amerikanischen Menschen derart viele Fortsetzungen gegeben wie jetzt – und wenn ich das auch nicht wissenschaftlich belegen kann, so möge doch meine Beweisführung für sich sprechen.

Als erstes rufe ich daher Aischylos in den Zeugenstand:

Vor langer, langer Zeit im antiken Griechenland stand der Tragödiendichter Aischylos vor einem Problem:
Er war ein Geschichtenerzähler und besonders die epischen Stoffe hatten es ihm angetan, doch das Medium, in dem er seine geliebten Geschichten unters Volk brachte, war das Theaterstück. Und das Volk, das seine Stücke sah, hatte nicht nur ein begrenztes Auffassungsvermögen, nein, auch ihre Hinterteile taten ihnen nach mehreren Stunden auf den harten Steinrängen der Amphitheater weh.
Und so war Aischylos gezwungen, Stücke zu verfassen, deren Handlung in drei oder vier Stunden erzählt werden konnte und er musste Abschied nehmen von seinen Träumen, Geschichten von epischer Länge gerecht werden zu können.

Doch eines Tages (ob ein Apfel oder eine Glühbirne damit in Verbindung stand, ist nicht überliefert) kam Aischylos die rettende Idee: Wenn das Publikum nicht genügend Konzentration und Sitzfleisch aufbringen konnte, um seinen Geschichten in voller Länge zu folgen, dann musste er diese eben auf mehrere Stücke aufteilen.

Das war die Geburtsstunde des Mehrteilers und unser Held Aischylos setzte mit der weltweit ersten Trilogie den Grundstein für die heutige Fortsetzungs-Flut. Doch wollen wir ihm dafür nicht zürnen, denn seine Motive waren gut: Er wollte eine Geschichte erzählen, die sich nicht kürzer erzählen lies und wählte die Fortsetzung zum Wohle seines Publikums.

Daran möge sich mancher moderner Autor ein Beispiel nehmen.

Weiter geht es in: Fortsetzungs-Folter: Teil 2 – Die Trilogie als Trauma Tolkiens

Die SPIEGEL-Bestsellerliste ist die bekannteste deutsche Konkurrenzplattform für Bücher. Auch ich werfe immer wieder einen Blick auf die rot umrandeten Plakate in Buchhandlungen und wundere mich meistens über die Titel, die dort ganz oben stehen. Aber manches Mal bewegt mich ein unbekannter Titel/Autor an der Spitze doch dazu, ein Buchen zu kaufen/lesen, an dem ich sonst vorbeigegangen wäre.
Und auch wenn es bei mir nur ab und zu funktioniert, die SPIEGEL-Bestsellerliste ist ein Marketing-Werkzeug, das den sich ohnehin schon gut verkaufenden Büchern noch zusätzlichen PR-Anschub gibt.
Der Bestsellerlisten-Aufkleber, die Aktionsecke in Buchhandlungen, der Sonderaufsteller in Bibliotheken – all das sorgt für einen Wettbewerbscharakter, der uns vorgaukelt, dass es sich bei den Ausgezeichneten Büchern um Qualität handelt.

Die über 40 Jahre alte Liste wird jetzt – zum 1.Juli – derart umgestellt, dass nur noch Hardcover-Ausgaben von Neuerscheinungen in sie aufgenommen und sämtliche Taschenbücher – auch Originalausgaben – in die SPIEGEL-Online-Liste verbannt werden.
Diese Veränderung ist eine Reaktion auf die zunehmende Listen-Erstürmung der Paperback-Bücher, die (so buchreport.de) angeblich „bei Buchkäufern für Irritationen gesorgt [hat] und […] auch in der Buchbranche kontrovers diskutiert [wurde]“.

Der Buchreport hat daher im vergangenen Herbst eine Umfrage unter Bestsellerverlagen und Buchhandlungen durchgeführt, deren Ergebnis war, dass sich „alle Gruppen […]darin jeweils mehrheitlich dafür ausgesprochen [haben], dass auf die SPIEGEL-Bestsellerliste nur „echte“ Hardcover gehören“.

Der Grund, warum Taschenbücher nicht länger zu den „echten“ Neuerscheinungen zählen dürfen? Sie sind billiger.

Die Umstellung der Liste desavouiert, dass überhaupt kein Interesse daran besteht, die Bücher inhaltlich miteinander konkurrieren zu lassen, denn, wer nicht in die selbe Preisklasse gehört, darf von nun an gar nicht mehr antreten.

Eine schon beinahe lachhaft ironische Folge dieser Umstellung ist, dass der dtv – der Deutsche TASCHENbuch Verlag – nun Hardcover Bücher herstellen wird, um „deren Marktpräsenz nicht zu gefährden“ (Balk: dtv-Chef, focus.de).

Daher wird es die Spitzentitel, die eine Platzierung auf der Bestsellerliste erreichen können, nun für etwas mehr Geld im Hardcover-Format geben und sich daher rein inhaltlich gesehen auf der Liste nichts ändern. Nur Preislich eben. Und da die Unterschiede in den Produktionskosten für Verlage kaum ausschlaggebend sind, auch nur für den Endkunden.

Das neue Medium e-book wird dabei noch zur Gänze ignoriert. Wie Verlage und Buchhändler, die ja von der unfairen Übervorteilung des Taschenbuchs schon Kopfschmerzen bekamen, auf den billigen digitalen Neuen reagieren werden, will ich mir gar nicht vorstellen.

Die Umstellung der Liste ist ein weiterer Meilenstein auf der zunehmend enttäuschenden Entwicklung des deutschen Buchmarktes und sagt meiner Meinung nach über sie und ihre Hersteller nur eines aus: Es geht nicht um den Inhalt, es geht um den Preis – Und das hätte doch wirklich nicht sein müssen.

„`God or the multiverse,´ says Heather. `Which one would you choose?´ `I’m not happy with either of them,´ I say. `But probably God – whatever that actually means. Call it the Thomas Hardy interpretation: I’d rather have something out there that means something than feel like I exist in a vast ocean of pure meaninglessness.´”
– Scarlett Thomas: The end of Mr. Y

Jetzt ist der Papstbesuch vorbei und zumindest das publizistische Deutschland ist vor allem eines: enttäuscht. Was man hören wollte, wurde nicht gesagt und was gesagt wurde, wollte man nicht hören.

Die Verarbeitung der Ereignisse erinnerte mich an etwas: In Rahmen des letzten ilb besuchte ich die Deutschlandpremiere des intelligence squared – Debatten Programms. Zwei bekennende und publizierende Atheisten diskutierten dort mit der Sprecherin der „Generation Benedikt“ und einem Monsignore über die Frage, ob die katholische Kirche ein Segen sei.

Während der amüsanten Einstiegsreden konnte man bereits erkennen, wo das Grundproblem der folgenden Diskussion liegen würde: Die Teilnehmer sprachen aneinander vorbei, da die zwei Seiten um unterschiedliche Diskussionsgegenstände stritten. Während die Redner der Contra-Seite die historischen Verfehlungen der katholischen Kirche anprangerten, verteidigten die Verfechter des Glaubens genau das, nämlich den Glauben an sich.

In der Presse der vergangenen Tage konnte man den selben Fehler finden: Die Kritiker und die Befürworter/Verantwortlichen des Papst-Besuches haben eigentlich keine gemeinsame These, die sie diskutieren können. Die aufgepeitschte Öffentlichkeit erwartet immer noch Stellungnahmen zu Missbrauchsfällen, der Gleichberechtigung von Homosexuellen und der Zukunft der Ökumene. Der Papst will eigentlich nur Gott, „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ war daher auch das Motto dieses Besuches, in Erinnerung rufen. Die einen diskutieren über Kirche und Katholizismus, die anderen über Glauben und Gott. Und auch wenn wir beide Themen in die selbe Feuilleton-Kategorie schieben, macht sie das noch lange nicht identisch.

Ob der Papst die unangenehmen Fragen und die Grundprobleme der katholischen Kirche in einer modernen Welt ignoriert, oder die Öffentlichkeit sich lieber an Äußerlichkeiten aufhängt, als sich auf Glauben einzulassen, will hier nicht beantwortet werden.
Fest steht jedoch, dass wir es wieder einmal mit einem Kommunikationsproblem zu tun haben. Bei der Debatte in Berlin  hatte ich den Eindruck, dass die dort Zusammengesetzen eigentlich gar nicht miteinander reden wollten: Die rhetorisch überlegenen Atheisten suchten die Anerkennung des Publikums durch Humor und Spott und die Gläubigen appellierten an unser Bedürfnis nach Bedeutung durch eine Predigt über die Schönheit des Metaphysischen. Mit der jeweiligen Gegenseite wollte und konnte sich auch keiner wirklich befassen, da man dann wohl in die Bredouille gekommen wäre, Zugeständnisse machen zu müssen.

Damit eine Kommunikationsstörung behoben werden kann, muss es aber immer einen geben, der den ersten Schritt macht and, personally, my money’s not on the Pope…

PS: Wer sich für die IQ²-Debatte interessiert: Die deutsche Version ist leider (noch) nicht im Netzt zu finden, aber stattdessen bietet der youtube-Kanal einen Teaser der englischen Debatte zum gleichen Thema – and this one comes with the cherry on top, that is Stephen Fry: http://www.youtube.com/user/iqsquared#p/u/0/9fN3zDtfivc

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