Das Holz war einst ein Baum.

Der Griff des Mannes erinnert das Holz an den Künstler. Der hatte ähnlich große Hände, nur feiner, zärtlicher. Er hat das Holz verschönert, es verbessert, es seiner optimalen Leistungsmöglichkeit zugeführt. Aber dieser Mann wird das Holz nicht verschönern. Er wird keine feinen Ornamentstrukturen in es hobeln. Er wird es nicht zum Teil eines Ganzen machen, zum unverzichtbaren Mitglied einer Familie von vier Brüdern und einem über sie alle wachenden Vater. Stattdessen wird er das Holz seiner letzten Leistungsmöglichkeit zuführen. Er wird es zerstören, das Holz versucht den Gedanken zu unterdrücken, aber es gelingt ihm nicht: Zerstören, so wie er bereits seine Brüder vor ihm zerstörte.

Als die Finger des Mannes sich lösen, spürt das Holz bereits die Wärme der Flammen. Es blickt auf die Überreste seiner Brüder hinab und sein hölzerner Kern zieht sich zusammen, aber die Hitze lässt jeden austretenden Harztropfen sogleich vergehen. Und dann fällt das Holz.

Schon einmal zuvor ist es so gefallen. Im Augenblick der Erinnerung verschmilzt der Mann mit jenem anderen, dem, der vor langer Zeit die Axt geschwungen hat, dem, der sie alle zu Fall brachte. Im Fallen spürt das Holz zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder den Wind. Es riecht nach welken Blättern, Herbststürmen und Hoffnung. Das Holz fühlt sich wieder klein, jung und frisch. Seine grünen Blätter werden vom leisesten Hauch gebogen, jeder menschliche Fußtritt könnte ein Todesstoß sein. Das Holz sieht die anderen Grünlinge auf der Lichtung und weiß, dass sie bald seinen Wurzeln Platz machen werden. Dass sie eingehen werden unter dem stetig höher strebenden Blätterdach seiner Äste. Das Holz weiß, dass es zu viel wollte. Dass es ihm nie wirklich gelingen konnte, den Himmel zu erreichen. Dass der Himmel nur eine Lüge ist, von der die anderen Waldriesen erzählen, um den Mord an unzähligen schwächeren Pflanzen zu rechtfertigen.

Der Lack beginnt fleckenartig vom Holz abzuspringen und dieser Schmerz überdeckt die Scham ob seines jugendlichen Größenwahns. Das Holz versucht seine Gedanken auf die Arbeiter zu lenken, die es zerkleinert und geformt haben. Die gesichtslosen Männer, die ihm endlich eine Bestimmung gaben, eine Aufgabe. Die es mit Nägeln und Leim an seinen Vater banden, auf dass er unter ihm und neben seinen Brüdern der Familie diene.

Doch zwischen all die guten Erinnerungen drängt sich immer wieder das Gesicht des Mannes, des einzigen, der ein Gesicht hat. Ein Gesicht, das das Holz nun anstarrt. Und Hände, die zum Schürhaken greifen und das Holz tiefer in die Flammen schieben. Diese Hände waren es auch, die den Vater zerbrachen. Die auf ihn einschlugen, unprovoziert, ihn gegen die Wand warfen, bis seine Söhne sich von ihm lösten.

Für einen Moment glaubt das Holz, im Knistern der Flammen das Rauschen der Blätter zu hören. Die leichtsinnigen Windgänger sprachen schon immer von Freiheit. Sie haben den Wert der Standhaftigkeit nie begriffen. Deshalb mussten sie auch fallen. In dem Moment, da die Hitze das Holz entzweibricht, beginnt zum ersten Mal auch das Holz zu zweifeln. Freiheit klingt auf einmal so verheißungsvoll, so wahr. Aber weil es ein gutes sozialistisches Holzscheit ist, verdrängt das Holz diesen Zweifel. Es weiß, dass es mit seinem Tod dienen kann. Dass es das Feuer am Leben hält. Dass es Wärme spenden kann. Zumindest für diese eine Nacht.

Die Asche war einst Holz.

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