Juli 2012


Ich war gerade auf der Suche nach einem geeigneten Thema, über das ich bloggen könnte, und überlegte über die neue Serie von Aaron Sorkin „The Newsroom“ zu schreiben, als ich (durch Schicksal oder Zufall) auf einen ZEIT-Artikel stieß, der meine Suche beendete.

Jedem, der sich gerne am Kopf kratzt und Sätze drei Mal liest, um ihre Intention zu enthüllen, kann ich den Artikel „Bügeln geht nicht mehr“ über aktuelle amerikanische Fernsehserien nur empfehlen.
Zugegeben, die Betitelung des Artikels als „eine Polemik“ warnt den Leser, sodass er sich auf eine kontroverse Meinung vorbereiten kann, aber ich habe einige Zeit gebraucht, bis mir klar wurde, was der Autor des Textes eigentlich kritisiert.

Die Kritik des Autors an der neuen Welle von amerikanischen (vor allem HBO) Serien, die in den letzten Jahren auch Deutschland erfasst hat, ist nämlich, dass sie zu gut sind!

Ja, schon im Untertitel des Artikels heißt es: „Alle Welt schwärmt von den amerikanischen Fernsehserien. Dabei terrorisieren sie uns mit ihrer durchgestylten Perfektion und Komplexität.“

Perfektion“ und „Komplexität“ sind zwei Wörter, die ich lobend benutzen würde, der Autor dieses ZEIT-Artikels sieht das jedoch anders:
Er trauert vielmehr den schlechten, alten Zeiten hinterher, in denen Fernsehserien noch Bügeleisen als Navigationsinstrumente und schwarze Plotlöcher, die die Hirne ihrer Protagonisten verschlucken, hatten: „Fernsehen war einmal ein unedles, zerstreutes Medium, in dem sich das Erhabene und der Murks verschwägerten.“

(Jeder, der „Doctor Who“ liebt, weiß natürlich, dass es damals wie heute immer noch reine Glückssache ist, ob man mit Weeping Angels oder fliegenden Riesen-Wespen konfrontiert wird – von schwebenden Salzstreuern natürlich ganz zu schweigen – und das o.g. Argument somit schnell außer Kraft gesetzt werden kann.)

Hinzu kritisiert der Autor die Wirkung, die die modernen Serien auf den Zuschauer haben. Früher lernte „wer Serien liebte […] zwischen den Zeilen zu lesen, das Unausgesprochene und Uneingelöste zu schätzen, im Dreck nach Gold zu schürfen“ und das Publikum wurde somit zu einem „aktiven Zuschauer“, der Plotlöcher selbst füllte, Hintergrundgeschichten zu Charakteren selbst erfand und dadurch seine Lieblingsserien selbst besser machte als sie waren.

„Der aktive Zuschauer, der wahre Medienfan, den die Cultural Studies gefeiert haben, scheint hingegen [heutzutage] überflüssig zu werden[, weil es] in den durchkomponierten, überdeterminierten, auserzählten neuen Shows […] wenige Lücken [gibt], in die ein Fanautor mit seinen Fantasien, seinen eigenen Storys stoßen könnte“.
Sprich: Die neuen Serien sind so gut, dass der Zuschauer sie nicht mehr verbessern muss und dadurch wird er – der These des Autors nach – zum reinen Konsumenten, schlimmer noch: zum Eskapisten! („Vielmehr legen die neuen Serien […] den Gedanken nahe, dass es ihnen vor allem auf Atmosphäre und »Style« ankommt, um die Erschaffung von Markenuniversen, die so komplett und zugleich so grenzenlos sind, dass sich der Zuschauer in ihnen verliert“)

Ganz davon abgesehen, dass Eskapismus auf diesem Blog selbstverständlich gefeiert wird, offenbart diese Kritik das riesige Loch in der Argumentation des Autors: Nicht die schlechte Qualität vergangener Serien hat den Zuschauer früher „aktiv“ gemacht. Dass jemand Fan einer Serie ist, weil sie schlechte Drehbücher, Ausstattungen und Schauspieler hat, kann ich mir nicht vorstellen. Zum Fan wird man, wenn man etwas gut findet. Und als Fan kann man eine Serie trotz der o.g. Defizite mögen.

Die verbesserte Qualität moderner Serien macht den Zuschauer daher alles andere als passiv, sie „aktiviert“ ihn nach wie vor über das „Gute“ an einer Serie, das ihn zum Fan macht. Und nie waren Fans aktiver als heutzutage in Foren, auf Fanfiction-Seiten, Podcasts, Conventions, social media, etc.
Der einzige Unterschied ist, dass die modernen Fans ihre Lieblingsserien nicht mehr ausbessern, sondern nur noch verbessern.

Nein, die neuen amerikanischen Serien sind nicht perfekt. Wenn man jedoch Fernsehserien aus früheren Jahrzehnten mit ihnen vergleicht, kann man leicht urteilen, dass viele der neuen Serien besser sind. Warum man die „akribische Ausstattung, [die] ausgesuchten Sets und [die] erbarmungslos orchestrierten Geschichten“ jedoch kritisieren sollte, erschließt sich mir nicht.

Perfektion und Komplexität in „einem Fernsehen, das sich nicht angreifbar machen will“ heiße ich persönlich willkommen!

In diesem Sinne,
schaut „The Newsroom“

PS: Bonuspunkte für jemanden, der mir den Matrix Vergleich und das Zitat von Fredric Jameson im Kontext des Artikels erklären kann!

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So sehr ich Tolkien und sein Meisterwerk auch verehre, wenn ich den „Herrn der Ringe“ aus der Perspektive eines Lektors lese, finde ich viele Stellen, an denen ich die Kommentarfunktion meines Schreibprogrammes überlasten müsste. Allen voran diese unsägliche Tom-Bombadil-Episode

Der Abstecher der Hobbits in den Alten Wald hat mir schon immer irgendwie missfallen. Nicht nur, weil die Handlung an dieser Stelle kaum voran kommt und ich sie daher beim Lesen immer öfter überspringe, um endlich nach Bree zu kommen, sondern auch, weil ich mit der Figur von Tom Bombadil nie etwas anfangen konnte.

Mitten in die erste Nah-Tod-Erfahrung der Hobbits kommt dieser kunterbunte Waldschrat gehüpft, der ihnen nonsense-singend wiederholt aus der Patsche hilft und die Autorität des plottreibenden, unwiderstehlichen Machtinstruments, des Ringes, profund untergräbt.

Erst etabliert Tolkien den Einen Ring als so gefährlich und tückisch, dass ihn niemand sicher verstecken oder gar benutzen kann – sodass als einziger Ausweg und Ziel des Romans nur seine Zerstörung bleibt – und kaum 100 Seiten später treffen wir einen Gott-ähnlichen Öko-Aktivisten, der gegen die Macht des Ringes vollkommen immun zu sein scheint. WTF?! An dieser Stelle kann ich Frodos Empörung vollkommen nachvollziehen: „He was perhaps a trifle annoyed with Tom for seeming to make so light of what even Gandalf thought so perilously important.“

Seine Erhabenheit über die Macht des Ringes ist es, die Bombadil zu einer der mysteriösesten Figuren im „Herrn der Ringe“ macht. Ist er einer der Valar, oder sogar Ilúvatar, der Schöpfer, selbst? Ist er eine – von Tolkien selbst so vehement abgelehnte – Allegorie des christlichen Gottes in Mittelerde?

Wer ist er? Das fragen sich auch die Hobbits. Toms Frau Goldbeere antwortet Frodo auf seinen ersten Versuch dieses Mysterium zu lösen schlichtweg: „He is […] He is, as you have seen him“ und der Leser fühlt sich sofort an „Ich bin der ich bin“ erinnert.
Sie sagt aber auch: Tom Bombadil is the Master. No one has ever caught old Tom walking in the forest, wading in the water, leaping on the hill-tops under light and shadow. He has no fear. Tom Bombadil is master.“ und macht damit klar, dass Bombadil nicht wirklich ein Teil dieser Welt (Mittelerdes) ist.

Bei seinem zweiten Versuch bekommt Frodo immerhin eine ausführlichere Vorstellung von Bombadil selbst: „Don’t you know my name yet? That’s the only answer. Tell me, who are you, alone, yourself and nameless? But you are young and I am old. Eldest, that’s what I am. […] Tom was here before the rivers and the trees; Tom remembers the first raindrop and the first acorn. […] Tom was here already, before the seas were bent.“ Tom Bombadil ist also der Älteste, der, der vor allem anderen da war – der Schöpfer?

Für die christliche Interpretation sprechen nicht nur Goldbeeres Worte, sondern auch Toms Taten – weckt er doch zumindest drei Hobbits mit seiner „commanding voice“, die Frodo später als „the power of Bombadil“ bezeichnet, von den (beinahe) Toten auf.

Aber für einen Gott wirkt Bombadil dann doch wenig interessiert an den Geschehnissen in seiner Welt. So weißt Tom, als er sich von den Gefährten verabschiedet, sie darauf hin, dass er Wichtigeres zu tun hat, als sie zu begleiten: „I’ve got things to do […] my making and my singing, my talking and my walking, and my watching of the country. Tom can’t be always near to open doors and willow-cracks. Tom has his house to mind, and Goldberry is waiting.“

Und auch Gandalf, der sich vor der Säuberung des Auenlandes von den Hobbits trennt um Bombadil zu besuchen, bezeichnet ihn als „untroubled“, als einen, der sich für die Abenteuer der Gefährten, die ja immerhin die Welt vor der Dunkelheit gerettet haben, nicht interessiert.

Kurz und gut: All diese widersprüchlichen und verwirrenden Beschreibungen machten Tom Bombadil in meinen Augen stets zu einem schlichtweg unnötigen Charakter, der vollkommen zu recht in Jacksons Filmversion gestrichen wurde.

Bis ich bei polyoinos auf einen Aufsatz über die Identität Bombadils stieß, der es endlich schaffte, mir die Figur näher zu bringen. Der vollständige Text von Frank Weinreich ist meiner knappen Zusammenfassung selbstverständlich vorzuziehen, aber im Grunde kann man ihn auf den folgenden Satz hinunter brechen:

Bombadil ist Tolkien.

Mit diesen magischen drei Worten erschließt sich die Bezeichnung von Tom als „Master“ und „Eldest“ von alleine: Wenn Tom Tolkien ist, dann ist er nicht von dieser Welt (Mittelerde). Er ist der, der vor allem anderen da war. Er ist ihr Schöpfer. Der Ring hat keine Macht über ihn, weil er den Ring – wie alles andere auch – geschaffen hat. Und er kann die Hobbits nicht auf ihrer Reise begleiten und ihnen ihre Tat erleichtern, weil es dann keine Geschichte gäbe.

Natürlich ist Tom „not much interested in anything that we have done or seen“ – wie Gandalf am Ende ihrer Reise zu den Hobbits sagt – wenn er alles, was ihnen widerfahren ist, selbst geschrieben hat. Und logischerweise kann Bombadil, wenn er Tolkien ist, mit seinen Worten Bäume befehlen und Figuren wieder zum Leben erwecken.

Tom ähnelt in vielen Beziehungen dem, was wir aus Tolkiens Biografie über ihn wissen – allem voran verkörpert er die Liebe zur Natur.
Hinzu kommt die Tatsache, dass er als einziger Charakter im gesamtem Roman in einer romantischen Beziehung lebt, die so ungewöhnlich (ungewöhnlich für Tolkien, der seine Liebesplots ja bekanntlich gerne in den Anhang verbannte) häufig erwähnt wird, dass auf jeder Seite, auf der Bombadil vorkommt, auch seine Goldbeere stets präsent ist – im Grunde kann Tom von nichts anderem sprechen/singen.

Wäre es nicht möglich, dass Tolkien sich und seiner Frau Edith (seiner Lúthien) im „Herrn der Ringe“, mitten in Mittelerde, im Alten Wald, im hintersten Teil einer Welt, die noch nicht von Industrialisierung und Moderne überrollt wurde, ein kleines Heim geschaffen hat, in dem sie für ewig in Frieden zwischen den Bäumen und den Flüssen leben können?

Damit wären wir dann auch bei Teil Zwei dieses (inzwischen schon viel zu langen – bitte entschuldigt, wenn ich keine Hausarbeiten schreiben darf, muss ich meine Literaturanalyse anderweitig loswerden) Artikels angekommen:

Dare II: Cameo – Der Mann, der die Möhre kaut, den Speer wirft oder von einem Pfeil erschossen wird – wer den Roman zum ersten Mal liest oder mit dem Autor kaum vertraut ist, wird mit ihm nichts anfangen können, aber wenn man genau hinsieht, die falschen Haare und das Make-up ignoriert, erkennt der wahre Fan, dass sich der Meister hier selbst in seinen Roman hinein geschrieben hat.

BP: Wenn der Autor sich in seiner Geschichte über seine Geschichte aufregt und daher einen grundlosen Streit mit seinem Protagonisten beginnt.

DBP: Wenn der Protagonist seinen Autor tötet.

TBP: Wenn dem Protagonisten als Strafe dafür etwas Tragisches widerfährt.

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