Immer noch in meiner post-Sherlock-depression gefangen, konnte ich am Freitag nicht länger an mich halten und erstand „The Sherlockian“ von Graham Moore – dessen Cover mich schon öfters in Versuchung geführt hatte – und, weil ich ja schlecht einen Sekundärroman über Sherlock Holmes vor einem echten Sherlock Holmes-Roman lesen kann, kamen die gesammelten Werke (Band1 – Band2 hatten sie aus mysteriösen Gründen nicht) gleich dazu.

Mein Programm für das Wochenende stand also fest.

„The Sherlockian“ versucht gleich zwei Fälle in einer Geschichte zu lösen. Einerseits verfolgen wir Arthur Conan Doyle im London der Jahrhundertwende und seine Beweggründe „the best and wisest man“ wiederzuerwecken, nachdem er ihn Jahre zuvor so genüsslich ermordete:

Arthur Conan Doyle curled his brow tightly and thought only of murder. […] „If I have to concoct another of those tortous plots – the bedroom door always locked from the inside, the dead man’s indecipherable final message, the whole thing told wrong end first so that no one can guess the obvious solution – it is a drain. […] To put it frankly, I hate him. And for my own sanity, I will soon see him dead.“

Andererseits erleben wir im heutigen New York mit Harold White, einem der jüngsten Mitglieder der Baker Street Irregulars, den langersehnten Auftritt des weltweit führenden Sherlockian, Alex Cale. Nach jahrelanger Suche ist es Cale endlich gelungen das verschollene Tagebuch Doyles aus der Zeit vor Holmes Rückkehr zu finden und damit das Mysterium um den „Great Hiatus“ von Holmes zu entschlüsseln.

Doch bevor Cale seinen Fund auf der Holmes-Konferenz der Öffentlichkeit präsentieren kann, wird er – wie hätte es auch anders kommen können? – in seinem Hotelzimmer ermordet.

Harold und allen anderen Möchtegern-Detektiven der Baker Street Irregulars bleibt nur die blutige Nachricht, die neben Cales Leiche auf die Wand geschrieben wurde: „Elementary“

What would Sherlock Holmes do?“ asked Harold. He was deliriously earnest. He had to do this, he had to see if he could. […] „Search the floor for footprints! That’s what he does. In the very first Holmes story, A Study in Scarlet, the first act of detection he ever does is to examine the ground for footprints.“ „It’s carpeted“, responded Jeffrey. Harold looked down. Indeed, the floor was covered in a plush, taupe carpet. There were no footprints in sight. Sherlock Holmes was not real. Harold was not a detective. „But Holmes always finds footprints“, pleaded Harold. He couldn’t stop himself.

Und so beginnt die Jagd nach dem verschwundenen Tagebuch Conan Doyles, das Aufschluss über jene Monate bringen soll, in denen der Autor sich dazu entschloss, seine Kreatur wiederauferstehen zu lassen.

„The Sherlockian“ ist in erster Linie ein (manchmal auch klischeehafter) Unterhaltungsroman. Voller Zitate und Anspielungen auf Sherlock Holmes-Geschichten, Conan Doyles literarisches Umfeld (der Watson an Arthur Conan Doyles Seite ist dabei nämlich kein geringerer als Bram Stoker, dessen „Count What’s-His-Name“ ihm leider nicht den erwünschten Ruhm einbrachte) und das generelle Verhalten von „Fanboys“ – hinter denen dann leider auch die Kriminalfälle etwas zurücktreten müssen.

Sprachlich nicht immer ganz so „on the nose“ wie man es von einem Holmes-Fan als Autor erwarten könnte, bietet der Roman doch erstaunlich viele nachdenkliche und traurige Momente mit der Reflexion darüber, warum die Welt und ihre Helden nicht so sein können, wie sie es in Romanen sind.

Interessant ist auch, im Nachwort zu erfahren, wie viel des Inhalts, tatsächlich auf wahren Begebenheiten basiert – siehe auch: www.nytimes.com/2004/05/19/books/curious-incident-boxes-tussle-over-cache-conan-doyle-s-artifacts-ends-with.html?pagewanted=all&src=pm

Mein Urteil lautet daher: Wer Krimis will, sollte sich lieber an das Original halten, wen aber das Menschliche mehr interessiert, der ist mit „The Sherlockian“ gut unterhalten.

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