Juni 2012


Am Ende eines Romans, den ich vor einiger Zeit genoss, standen unter den Danksagungen drei Namen britischer Schriftsteller, von denen der Autor inspiriert wurde. Zwei der Namen kannte ich nicht nur, ihre Werke befanden sich auch unter meinen absoluten Favoriten. Die einzig logische Schlussfolgerung war demnach, den dritten Namen nachzuschlagen und mir schleunigst mindestens eines seiner Bücher zuzulegen.

So fand ich P.G. Wodehouse.

Das letzte Wochenende ver- brachte ich mal wieder mit zwei Romanen von Wodehouse: „Hot Water“ und „Full Moon

Beide erzählen, wenn man ihren Inhalt auf das Niveau von „boy meets girl“ runterkocht, im Grunde die selbe Geschichte: Eine Gruppe von Charakteren unterschiedlicher Geschlechter, Altersgruppen und gesellschaft- licher Schichten trifft für eine kurze Zeit an dem selben Ort zusammen und versucht ihre verschiedenen Agenden gegeneinander durchzusetzen.

Don’t say `And Mr Landseer´ in that soupy tone of voice“, said Gally sternly „He hasn’t come to steal the spoons.“
If he is a friend of yours, I should imagine that he is quite capable of doing so. Is he wanted by the police?“
No, he is not wanted by the police.“
How I sympathize with the police“, said Lady Hermione. „I know just how they feel.“

Aber der Plot ist nicht das, worauf es bei Wodehouse ankommt. Was zählt sind die herrlich schrulligen Charaktere, ihre zu einem riesigen Wollknäuel roter Fäden verwirrten Intentionen und vor allem die sprachliche Perfektion mit der beides präsentiert wird.

I mean the Empress of Blandings. She has won he silver medal in the Fat Pig class at the Shropshire Agricultural Show twice …“
Gee!“
… in successive years.“
Gosh!“
A thing no pig has ever done before.“
Well, I’ll be darned.“
Yes, it was an astounding feat. She is very fat.“
She must be fat.“
She is. Extraordinarily fat.“
Yessir, I’ll bet she’s fat“, said Tipton, groaning in spirit. No lover, who has come out to walk in the moonlight and dream of the girl he adores, likes to find himself sidetracked on to the subject of pigs, however obese.

Und so bietet P.G. Wodehouse seinen Lesern sprachlich und inhaltlich hoch amüsante Geschichten – voll mit Schweinen, gelangweilten Erben, gelösten Verlobungen, Con-Männern, versteckten Booten, neugierigen Tanten, falschen Bärten, verkleideten Gärtnern, dominierenden Ehefrauen und Diamanten – die jedem zu empfehlen sind, dem Autoren wie Oscar Wilde, Jane Austen und Stephen Fry oder schlichtweg „the utter britishness of language“ ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Die 25. Woche ist gekommen und das 25. Buch wurde gelesen. Dieses Wochenende werde ich mir vielleicht sogar einen kleinen Vorsprung erarbeiten können.

So weit, so gut.

Den Quantitäts-Teil der 50:50-Herausforderung habe ich also bisher zufriedenstellend erfüllt, den Qualitäts-Teil (für jedes Buch, das in meine persönliche „Schund“-Kategorie gehört, wollte ich zum Ausgleich auch ein anspruchsvolles Werk lesen) hingegen eher ignoriert. Umso überraschter war ich, als ich gerade meine Aufzeichnungen zu Rate zog und feststellte, dass immerhin neun von meinen 25 Büchern zur „ernsthaften“ Literatur gehören.

16+9 ist daher die Devise für die zweite Hälfte des Jahres.

„May the odds be ever in your favor!“

Zwar sind der November und mit ihm Nanowrimo noch einige Monate entfernt, aber so langsam sollte jemand, der im letzten Jahr unter allzu schlechter Planung gelitten hat, mit den Vorbereitungen für den diesjährigen Schreib-Marathon beginnen.

Dazu gehören natürlich neben solchen Kleinigkeiten wie Grundidee, Charakteren und Spannungsbogen auch die alljährlichen „writing dares“, die einen motivieren, wenn man kurz vorm Aufgeben ist:

Dare I: Genrewechsel – Charaktere, Plot und Setting sind dieselben, aber etwas fühlt sich in diesem Kapitel anders an: Warum zieht der Protagonist plötzlich einen Trenchcoat über und beginnt in schmierigen Hafenkneipen nach Narben-Nick zu suchen? Wo kommen die sonnenbrillentragenden Anzugständer her, an die sich niemand außer unserem Helden erinnern kann? Wird Lord Feathersham ihr heute endlich den von ihrer Mutter langersehnten Antrag machen? Und ist das nicht schon die dritte Leiche an diesem Morgen?

BonusPoints: Wenn der Genrewechsel inhaltlich in die Geschichte eingebettet ist – Der Protagonist hat gerade zum ersten Mal Drogen genommen/ gestern Nacht noch spät einen sehr eindrücklichen Film geguckt/ Buch gelesen/ einer der Charaktere hat einen Traum/ Vision/ dem Erzähler ist langweilig geworden, etc.

DoubleBonusPoints: Wenn die anderen Charaktere den Genrewechsel innerhalb des Kapitels kommentieren – „Seit wann kennst du eigentlich einen Lord?“

TripleBonusPoints: Wenn der Genrewechsel danach nostalgisch immer wieder erwähnt wird – „Wenn doch nur die mysteriösen Männer, die dich eine Zeit lang verfolgt haben, jetzt noch hier wären, die hätten bestimmt eine Plasmapeitsche zur Hand …“

Cookie: Wenn jedes Kapitel in einem anderen Genre stattfindet.

Immer noch in meiner post-Sherlock-depression gefangen, konnte ich am Freitag nicht länger an mich halten und erstand „The Sherlockian“ von Graham Moore – dessen Cover mich schon öfters in Versuchung geführt hatte – und, weil ich ja schlecht einen Sekundärroman über Sherlock Holmes vor einem echten Sherlock Holmes-Roman lesen kann, kamen die gesammelten Werke (Band1 – Band2 hatten sie aus mysteriösen Gründen nicht) gleich dazu.

Mein Programm für das Wochenende stand also fest.

„The Sherlockian“ versucht gleich zwei Fälle in einer Geschichte zu lösen. Einerseits verfolgen wir Arthur Conan Doyle im London der Jahrhundertwende und seine Beweggründe „the best and wisest man“ wiederzuerwecken, nachdem er ihn Jahre zuvor so genüsslich ermordete:

Arthur Conan Doyle curled his brow tightly and thought only of murder. […] „If I have to concoct another of those tortous plots – the bedroom door always locked from the inside, the dead man’s indecipherable final message, the whole thing told wrong end first so that no one can guess the obvious solution – it is a drain. […] To put it frankly, I hate him. And for my own sanity, I will soon see him dead.“

Andererseits erleben wir im heutigen New York mit Harold White, einem der jüngsten Mitglieder der Baker Street Irregulars, den langersehnten Auftritt des weltweit führenden Sherlockian, Alex Cale. Nach jahrelanger Suche ist es Cale endlich gelungen das verschollene Tagebuch Doyles aus der Zeit vor Holmes Rückkehr zu finden und damit das Mysterium um den „Great Hiatus“ von Holmes zu entschlüsseln.

Doch bevor Cale seinen Fund auf der Holmes-Konferenz der Öffentlichkeit präsentieren kann, wird er – wie hätte es auch anders kommen können? – in seinem Hotelzimmer ermordet.

Harold und allen anderen Möchtegern-Detektiven der Baker Street Irregulars bleibt nur die blutige Nachricht, die neben Cales Leiche auf die Wand geschrieben wurde: „Elementary“

What would Sherlock Holmes do?“ asked Harold. He was deliriously earnest. He had to do this, he had to see if he could. […] „Search the floor for footprints! That’s what he does. In the very first Holmes story, A Study in Scarlet, the first act of detection he ever does is to examine the ground for footprints.“ „It’s carpeted“, responded Jeffrey. Harold looked down. Indeed, the floor was covered in a plush, taupe carpet. There were no footprints in sight. Sherlock Holmes was not real. Harold was not a detective. „But Holmes always finds footprints“, pleaded Harold. He couldn’t stop himself.

Und so beginnt die Jagd nach dem verschwundenen Tagebuch Conan Doyles, das Aufschluss über jene Monate bringen soll, in denen der Autor sich dazu entschloss, seine Kreatur wiederauferstehen zu lassen.

„The Sherlockian“ ist in erster Linie ein (manchmal auch klischeehafter) Unterhaltungsroman. Voller Zitate und Anspielungen auf Sherlock Holmes-Geschichten, Conan Doyles literarisches Umfeld (der Watson an Arthur Conan Doyles Seite ist dabei nämlich kein geringerer als Bram Stoker, dessen „Count What’s-His-Name“ ihm leider nicht den erwünschten Ruhm einbrachte) und das generelle Verhalten von „Fanboys“ – hinter denen dann leider auch die Kriminalfälle etwas zurücktreten müssen.

Sprachlich nicht immer ganz so „on the nose“ wie man es von einem Holmes-Fan als Autor erwarten könnte, bietet der Roman doch erstaunlich viele nachdenkliche und traurige Momente mit der Reflexion darüber, warum die Welt und ihre Helden nicht so sein können, wie sie es in Romanen sind.

Interessant ist auch, im Nachwort zu erfahren, wie viel des Inhalts, tatsächlich auf wahren Begebenheiten basiert – siehe auch: www.nytimes.com/2004/05/19/books/curious-incident-boxes-tussle-over-cache-conan-doyle-s-artifacts-ends-with.html?pagewanted=all&src=pm

Mein Urteil lautet daher: Wer Krimis will, sollte sich lieber an das Original halten, wen aber das Menschliche mehr interessiert, der ist mit „The Sherlockian“ gut unterhalten.