Ich arbeite mich langsam in die Fantasy-Ecke vor, stöbere durch die Auslagen – reihenweise starren mich halbe Mädchenprofile mit abnormal grünen oder roten Augen von den Covern her unter englischen Ein-Wort-Titeln an – bis ich vor den regulären Regalen stehe.

Vor einem Jahr stieß ich an dieser Stelle auf eine Genreüberschrift, die ein komplettes Regal als „Vampirromane“ klassifizierte. Ein kurzer Blick auf die Titel in diesem Regal bestätigte an jenem Tag meine schlimmste Annahme: Sämtliche Romane in diesem Regal – ein Drittel der Fantasy-Abteilung – waren Twilight-Kopien.

Damals konnte ich den aufkommenden Entsetzensschrei in meiner Kehle nur unterdrücken, weil mich ein Mantra beruhigte: „Es ist nur eine Phase, es geht vorüber.“

Ein Jahr später stehe ich jetzt erwartungsvoll vor dem Regal, das mich einst so traumatisierte, und tatsächlich: die „Vampirromane“ sind Vergangenheit!

Statt ihrer begrüßt mich nun die neue Genrebezeichnung „Romantasy“.

Ich bin sicher, dass mir auch diesmal kein Schrei entfuhr – denn dafür bin ich erstens zu gut erzogen und zweitens zu introvertiert – aber auf irgendeine unbewusste Art muss ich mich meines Missfallens doch entledigt haben, denn die zwei 14-jährigen Mädchen, deren Zielgruppe ich infiltriert hatte, sahen mich auf einmal entrüstet an.

Um meine Frustration zu erklären, sei vorab noch eines gesagt: Ich liebe Fantasy und ich liebe Romance – die Vereinigung von beidem sollte mich eigentlich glücklich stimmen.

Warum regt mich also diese neue Genrekreation derart auf?

  1. Das Wort an sich – „Romantasy“ – kann ich nicht aussprechen, ohne dass mein Gesicht sich angewidert verzieht. Wenn wir dem Ganzen schon einen Namen geben müssen, warum dann nicht „Romantic Fantasy“ wie früher? Zwei Wörter zu einem neuen zusammenzuschieben ist schlichtweg beyond the possimpible.

  2. Die Bücher im „Romantasy“-Regal sind zwar keine Twilight-Klone mehr, aber immer noch direkte – wenn auch natürlich geborene und mit Liebe aufgezogene – Nachkommen der Vampir-“Saga“, die in meinen Augen vollkommen unfruchtbar sein müsste.

  3. Die Genre-Betitelung symbolisiert mehr als eine rein literarische Entwicklung. Wenn die Produzenten der neuesten Romeo und Julia-Verfilmung diese als „Shakespeare für die Twilight-Generation“ bezeichnen, dann schrillen bei mir die Alarmglocken ebenso laut wie in der Buchhandlung.

Dabei bin ich stolzer Teil der Harry-Potter-Generation. Wenn man sich die Entwicklung der weltweiten Kinder-, Jugend- und Fantasyliteratur nach J.K.Rowlings Büchern ansieht, dann trifft man natürlich auch dort auf vereinzelte Klonversuche und Nachahmer, aber die Popularisierung der oben genannten Genres und des Lesens im Allgemeinen, die Harry Potter nach sich zog, kann man nur als Schritt ins Licht bezeichnen.

Wie man dem „Romantasy“-Regal ansieht, popularisiert Twilight vor allem eines: Liebesbeziehungen zu mörderischen Kreaturen.

Und so gebiert die „Romantasy“-Literatur das immer gleiche Plot, angereichert mit fragwürdigen Werten und im fanfiction-Stil geschrieben wieder und wieder… bis schließlich auch Romeo zum Werwolf und Julia zum Vampir werden muss.

Diese Entwicklung ist definitiv ein Schritt rückwärts. Sie frustriert mich so besonders, weil sie meine Lieblings-Genres betrifft und weil sie zeigt, dass der gute Geschmack, den wir mit dem Harry-Potter-Hype bewiesen haben, nur ein Zufall war.

Dass ganz besonders die Jugendbücher Phasen durchlaufen, sieht man schon ihren uniformen Covern an. Jetzt gerade ziehen die „Hunger Games“ eine Welle von romantischen Dystopien nach sich. Ebenso kamen in den letzten Jahren nach „Twilight“ die „Vampirromane“.

Die „Romantasy“-Literatur ist hoffentlich nur das letzte Nachbeben des „Teenager verliebt sich in übernatürliches Wesen“-Plots, das sich danach für ein paar Jahrzehnte schlafen legt.

„Es ist nur eine Phase, es geht vorüber.“

Ich warte derweil ab, welches Genre nächstes Jahr in das Regal in der Fantasy-Abteilung einzieht – Steampunk, ich drück dir die Daumen.

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