Mai 2012


Ich arbeite mich langsam in die Fantasy-Ecke vor, stöbere durch die Auslagen – reihenweise starren mich halbe Mädchenprofile mit abnormal grünen oder roten Augen von den Covern her unter englischen Ein-Wort-Titeln an – bis ich vor den regulären Regalen stehe.

Vor einem Jahr stieß ich an dieser Stelle auf eine Genreüberschrift, die ein komplettes Regal als „Vampirromane“ klassifizierte. Ein kurzer Blick auf die Titel in diesem Regal bestätigte an jenem Tag meine schlimmste Annahme: Sämtliche Romane in diesem Regal – ein Drittel der Fantasy-Abteilung – waren Twilight-Kopien.

Damals konnte ich den aufkommenden Entsetzensschrei in meiner Kehle nur unterdrücken, weil mich ein Mantra beruhigte: „Es ist nur eine Phase, es geht vorüber.“

Ein Jahr später stehe ich jetzt erwartungsvoll vor dem Regal, das mich einst so traumatisierte, und tatsächlich: die „Vampirromane“ sind Vergangenheit!

Statt ihrer begrüßt mich nun die neue Genrebezeichnung „Romantasy“.

Ich bin sicher, dass mir auch diesmal kein Schrei entfuhr – denn dafür bin ich erstens zu gut erzogen und zweitens zu introvertiert – aber auf irgendeine unbewusste Art muss ich mich meines Missfallens doch entledigt haben, denn die zwei 14-jährigen Mädchen, deren Zielgruppe ich infiltriert hatte, sahen mich auf einmal entrüstet an.

Um meine Frustration zu erklären, sei vorab noch eines gesagt: Ich liebe Fantasy und ich liebe Romance – die Vereinigung von beidem sollte mich eigentlich glücklich stimmen.

Warum regt mich also diese neue Genrekreation derart auf?

  1. Das Wort an sich – „Romantasy“ – kann ich nicht aussprechen, ohne dass mein Gesicht sich angewidert verzieht. Wenn wir dem Ganzen schon einen Namen geben müssen, warum dann nicht „Romantic Fantasy“ wie früher? Zwei Wörter zu einem neuen zusammenzuschieben ist schlichtweg beyond the possimpible.

  2. Die Bücher im „Romantasy“-Regal sind zwar keine Twilight-Klone mehr, aber immer noch direkte – wenn auch natürlich geborene und mit Liebe aufgezogene – Nachkommen der Vampir-“Saga“, die in meinen Augen vollkommen unfruchtbar sein müsste.

  3. Die Genre-Betitelung symbolisiert mehr als eine rein literarische Entwicklung. Wenn die Produzenten der neuesten Romeo und Julia-Verfilmung diese als „Shakespeare für die Twilight-Generation“ bezeichnen, dann schrillen bei mir die Alarmglocken ebenso laut wie in der Buchhandlung.

Dabei bin ich stolzer Teil der Harry-Potter-Generation. Wenn man sich die Entwicklung der weltweiten Kinder-, Jugend- und Fantasyliteratur nach J.K.Rowlings Büchern ansieht, dann trifft man natürlich auch dort auf vereinzelte Klonversuche und Nachahmer, aber die Popularisierung der oben genannten Genres und des Lesens im Allgemeinen, die Harry Potter nach sich zog, kann man nur als Schritt ins Licht bezeichnen.

Wie man dem „Romantasy“-Regal ansieht, popularisiert Twilight vor allem eines: Liebesbeziehungen zu mörderischen Kreaturen.

Und so gebiert die „Romantasy“-Literatur das immer gleiche Plot, angereichert mit fragwürdigen Werten und im fanfiction-Stil geschrieben wieder und wieder… bis schließlich auch Romeo zum Werwolf und Julia zum Vampir werden muss.

Diese Entwicklung ist definitiv ein Schritt rückwärts. Sie frustriert mich so besonders, weil sie meine Lieblings-Genres betrifft und weil sie zeigt, dass der gute Geschmack, den wir mit dem Harry-Potter-Hype bewiesen haben, nur ein Zufall war.

Dass ganz besonders die Jugendbücher Phasen durchlaufen, sieht man schon ihren uniformen Covern an. Jetzt gerade ziehen die „Hunger Games“ eine Welle von romantischen Dystopien nach sich. Ebenso kamen in den letzten Jahren nach „Twilight“ die „Vampirromane“.

Die „Romantasy“-Literatur ist hoffentlich nur das letzte Nachbeben des „Teenager verliebt sich in übernatürliches Wesen“-Plots, das sich danach für ein paar Jahrzehnte schlafen legt.

„Es ist nur eine Phase, es geht vorüber.“

Ich warte derweil ab, welches Genre nächstes Jahr in das Regal in der Fantasy-Abteilung einzieht – Steampunk, ich drück dir die Daumen.

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Ich tauschte den wortlosen Schrei gegen ein hoftaugliches “Aber bitte nicht in diesem Ton, Freundchen!” und warf dem Drachen einen tadelnden Blick zu.

Das Monster schloss seinen Schlund und sah überrascht auf mich herunter.

Da ich glaubte, Dominanz zu zeigen sei meine beste Strategie, beschloss ich ihn weiter für seine unangebrachte und nicht-standesgemäße Ansprache meinerselbst zu rügen: „… wenn überhaupt heißt es `Würden Hochwohlgeboren die Freundlichkeit besitzen kurz in Ihrem angemessenen und desüblich wohlgefälligen Klagen einen Moment innezuhalten?´ Hätten Sie mich wie den Sohn eines Edelmannes, der ich zweifelsfrei bin und als den Sie mich – hätten Sie sich nur einen Moment Zeit genommen meine Kleidung zu betrachten, bevor Sie sich wie das Ungetüm, das Sie zweifelsfrei sind, auf mich warfen – leicht identifizieren könnten, angesprochen und sich nicht zu jenem abschätzigen Bauernausspruch herabgelassen, dann …“

Panisch suchte ich nach passenden Worten, die meinen Satz und nicht mein Leben beenden würden.

„… dann hätten wir uns diese unwürdige Rangelei, die offensichtlich auch Ihrem Panzer nicht zu Gute kommt, sparen und unsere Differenzen stattdessen wie zivilisierte Personen bei einer Tasse Tee klären können. Ich für meinen Teil bin so großmütig, Ihnen Ihr Fehlverhalten noch einmal zu vergeben und wenn Sie nun Ihre beeindruckende Tatze von meiner Brust und höflichst Abstand nehmen würden, wäre ich durchaus bereit, noch einmal mit einer formellen Vorstellung neu zu beginnen und diesen unangenehmen Vorfall gänzlich  zu vergessen.“

Der Drache besaß offensichtlich Augenbrauen, denn diese wanderten bei meiner langen Rede stetig weiter seine Stirn hinauf. Dann zog er langsam seine schwere Pranke von meiner Brust und sich selbst, so gut es in der engen Gasse möglich war, zurück, beugte den Kopf und murmelte rauchig: „Steinherz, der Blutige – zu Euren Diensten.“

1. Ich rappelte mich hoch, deutete auf einen Punkt hinter Steinherz und rief „Um aller Götter Willen, was ist das?!“ – dann rannte ich so schnell mich meine zitternden Beine trugen davon.

2. Ich rappelte mich hoch, vollführte ebenfalls eine schnelle Verbeugung – ohne dabei jedoch meinen Hals allzu lange ungeschützt zu zeigen – und sagte stolz: „Ferdinand, Sohn des Baron zu Tor – zu Euren Diensten.“

3. Ich rappelte mich hoch, streckte dem Untier dreist meine Hand entgegen und log ohne mit der Wimper zu zucken: „Rüdiger, der Rachsüchtige – Ihr werdet sicher schon von mir gehört haben – Bezwinger von Monstern, Befreier von Jungfrauen, von Kriegern gefürchtet, von Damen geliebt, besungen von sämtlichen Barden in allen Königreichen diesseits des Meeres – und in zwei jenseitigen, von denen ich weiß!“

Mit einem Kommentar entscheidest du, lieber Leser, was unserem Helden passiert, also wähle mit Bedacht, sein Leben liegt in deinen Händen. 

Die folgende Idee für eine Kolumne/zusammenhängende Kurzgeschichten, die – natürlich – vom Känguru noch tiefer inspiriert wurde, trage ich seit meinen unvergesslichen WG-Castings vor einigen Jahren mit mir herum.

Im Grunde beinhaltet sie nicht mehr als folgendes Konzept: Eine Sammlung von Anekdoten eines jungen Studenten auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner, wobei die auftauchenden Kandidaten entweder Personifikationen von metaphysischen Konstrukten oder mystische Figuren sind.

Dass nie etwas daraus geworden ist, liegt vor allem daran, dass die Idee kaum mehr Potential als ein guter Werbe-Slogan hat – das erste Mal originell, danach nervt er alle nur noch.

Daher ist es nun an der Zeit, sie aufzuschreiben und zu vergessen. Schließlich entstand diese Idee vor allem aus dem Wunsch solche Sätze wie „Heute ist der Kommunismus bei mir eingezogen.“ oder „Wenn ich gewusst hätte, dass der freie Wille ein Stehpinkler ist, hätte ich nie eingewilligt, mir mit ihm ein Bad zu teilen.“ zu formulieren.

Mit dem Taschentuch winkend präsentiere ich daher hier die Einleitung, die einzige Anekdote, die es je aus meinem Kopf hinaus und auf ein Stück Papier gebracht hat:

1. Wie alles begann

Gestern hat der Tod an meine Tür geklopft und gefragt, ob er sich das freie Zimmer ansehen könne. Ich antwortete ihm perplex, dass da kein freies Zimmer sei, sondern nur der Raum meines Mitbewohners. Er sagte, er wolle es trotzdem sehen – nur für den Fall…