In der Reihe der Bücher, deren Konzept mich mehr als ihr Inhalt lockte (Riggs, Letter Game), ist dieses Werk von Mark Z. Danielewski bisher definitiv das faszinierendste.

Inhaltlich erzählt „House of Leaves“ eine Horror-Geschichte (ein Genre von dem ich mich gewöhnlich fernhalte): Um ihrer Beziehung mehr Zeit einzuräumen, ziehen der Fotograf Will Navidson und seine Partnerin Karen mit ihren gemeinsamen Kinder in ein kleines, gemütliches Haus in Virginia. Navidson, der ganz ohne Arbeit nicht leben kann, beschließt aus ihrem Einzug in das neue Haus ein Filmprojekt zu machen und installiert in allen Räumen Kameras, die ihr tägliches Ein und Aus filmen sollen. Nach einem Wochenende bei Verwandten kehrt die Familie in ihr neues Heim zurück und stellt fast, dass zwischen dem elterlichen Schlaf- und dem Kinderzimmer ein mysteriöser, schwarzer Raum aufgetaucht ist. Navidson beginnt das Haus auszumessen – mit dem Ergebnis, dass es innen größer als außen ist – und als im Erdgeschoss eine Tür auftaucht, die in einen dunklen, scheinbar endlosen Korridor ins Nichts führt, startet er (ausgestattet mit Kameras und guten Freunden) eine Expedition in die Dunkelheit.

Diese klassische Horrorfilm-Prämisse, die tatsächlich filmisch besser repräsentiert wäre, wird im Roman durch verschiedene textliche Ebenen erweitert:

Die Geschichte der Familie wird als Nacherzählung des letztendlich enstandenen Films „The Navidson Record“ präsentiert. Dieser wiederum ist Gegenstand einer Analyse, die der Schriftsteller Zampanó unter Verwendung allerlei anderer Sekundärliteratur über das legendäre Filmprojekt schreibt. Zampanós Analyse wird nach dessen Tod von einem jungen Mann namens Johnny Truant gefunden, der die Fragmente des alten Schriftstellers ordnet und ob ihres Inhalts langsam aber stetig demselben Wahn wie Zampanó zu verfallen scheint. Der von Johnny strukturierte und mit persönlichen Fußnoten versehene Text fällt schließlich den Verlegern des Buches in die Hände, die das Werk (ebenfalls unter Zugabe einiger erklärender Fußnoten) publizieren.

Der Leser liest somit Danielewskis Roman, der die von „The Editors“ annotierte Herausgabe von Johnnys personalisierter Wiedergabe von Zampanós Analyse von Will Navidsons Film ist.

Diese Verschachtelung von Erzählern ist jedoch nicht das faszinierende Konzept des Buches, das mich dazu gebracht hat es trotz seines Inhalts zu lesen. Wen diese narrative Komponente allerdings schon überfordert, der sollte sich von „House of Leaves“ besser fernhalten.

Das wirklich originelle Konzept des Romans ist die (häufig anstrengende) Art, in der man es lesen muss:

Ab dem Zeitpunkt, zu dem die Männer ihre erste Expedition in den dunklen Korridor starten, verändert sich der Text gemeinsam mit dem Inhalt auch optisch. Mit den Protagonisten liest sich der Leser über Fußnoten, farbige Abschnitte und Texte in Spiegelschrift immer weiter in das Unerforschte hinein. Bis er schließlich erkennt, dass nicht nur das Haus ein Labyrinth ist…

 

„House of Leaves“ ist ein Monster von einem Buch – auf allen Ebenen. Mit über 700 Seiten, Fußnoten für Fußnoten und dem oben dargestellten Textbild fordert es von seinem Leser absolute Konzentration und Hingabe. Belohnt wird man mit einem wahrhaft einmaligen Leseerlebnis und der Angst vor der eignen Badezimmertür.

Kategorien von „gut“ und „schlecht“ kann ich bei Danielewskis Werk nicht mit gutem Gewissen anwenden, da es gleichzeitig beruhigend langweilig und grauenvoll spannend ist. Mein Urteilsspruch lautet daher: Faszinierend.

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