Frustrierte Leser allerorts werden diese Situation kennen: Die Geschichte hat gerade ihren Höhepunkt erreicht, das Buch nähert sich seinem physischen Ende, man spürt wie die Blätter hinter der rechten Hand weniger werden, soviel muss noch aufgelöst werden, soviel erklärt, noch 30 Seiten, noch 20, noch 10… ach, verdammt, es wird ne Fortsetzung werden!

Wir leben im Zeitalter der Fortsetzungen! Nicht seit dem Zeitungsroman, der Lesern jede Woche ein neues Kapitel bot und daher nicht ohne Grund immer länger und länger wurde, hat es in der Kultur der westeuropäisch-amerikanischen Menschen derart viele Fortsetzungen gegeben wie jetzt – und wenn ich das auch nicht wissenschaftlich belegen kann, so möge doch meine Beweisführung für sich sprechen.

Als erstes rufe ich daher Aischylos in den Zeugenstand:

Vor langer, langer Zeit im antiken Griechenland stand der Tragödiendichter Aischylos vor einem Problem:
Er war ein Geschichtenerzähler und besonders die epischen Stoffe hatten es ihm angetan, doch das Medium, in dem er seine geliebten Geschichten unters Volk brachte, war das Theaterstück. Und das Volk, das seine Stücke sah, hatte nicht nur ein begrenztes Auffassungsvermögen, nein, auch ihre Hinterteile taten ihnen nach mehreren Stunden auf den harten Steinrängen der Amphitheater weh.
Und so war Aischylos gezwungen, Stücke zu verfassen, deren Handlung in drei oder vier Stunden erzählt werden konnte und er musste Abschied nehmen von seinen Träumen, Geschichten von epischer Länge gerecht werden zu können.

Doch eines Tages (ob ein Apfel oder eine Glühbirne damit in Verbindung stand, ist nicht überliefert) kam Aischylos die rettende Idee: Wenn das Publikum nicht genügend Konzentration und Sitzfleisch aufbringen konnte, um seinen Geschichten in voller Länge zu folgen, dann musste er diese eben auf mehrere Stücke aufteilen.

Das war die Geburtsstunde des Mehrteilers und unser Held Aischylos setzte mit der weltweit ersten Trilogie den Grundstein für die heutige Fortsetzungs-Flut. Doch wollen wir ihm dafür nicht zürnen, denn seine Motive waren gut: Er wollte eine Geschichte erzählen, die sich nicht kürzer erzählen lies und wählte die Fortsetzung zum Wohle seines Publikums.

Daran möge sich mancher moderner Autor ein Beispiel nehmen.

Weiter geht es in: Fortsetzungs-Folter: Teil 2 – Die Trilogie als Trauma Tolkiens

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