Die SPIEGEL-Bestsellerliste ist die bekannteste deutsche Konkurrenzplattform für Bücher. Auch ich werfe immer wieder einen Blick auf die rot umrandeten Plakate in Buchhandlungen und wundere mich meistens über die Titel, die dort ganz oben stehen. Aber manches Mal bewegt mich ein unbekannter Titel/Autor an der Spitze doch dazu, ein Buchen zu kaufen/lesen, an dem ich sonst vorbeigegangen wäre.
Und auch wenn es bei mir nur ab und zu funktioniert, die SPIEGEL-Bestsellerliste ist ein Marketing-Werkzeug, das den sich ohnehin schon gut verkaufenden Büchern noch zusätzlichen PR-Anschub gibt.
Der Bestsellerlisten-Aufkleber, die Aktionsecke in Buchhandlungen, der Sonderaufsteller in Bibliotheken – all das sorgt für einen Wettbewerbscharakter, der uns vorgaukelt, dass es sich bei den Ausgezeichneten Büchern um Qualität handelt.

Die über 40 Jahre alte Liste wird jetzt – zum 1.Juli – derart umgestellt, dass nur noch Hardcover-Ausgaben von Neuerscheinungen in sie aufgenommen und sämtliche Taschenbücher – auch Originalausgaben – in die SPIEGEL-Online-Liste verbannt werden.
Diese Veränderung ist eine Reaktion auf die zunehmende Listen-Erstürmung der Paperback-Bücher, die (so buchreport.de) angeblich „bei Buchkäufern für Irritationen gesorgt [hat] und […] auch in der Buchbranche kontrovers diskutiert [wurde]“.

Der Buchreport hat daher im vergangenen Herbst eine Umfrage unter Bestsellerverlagen und Buchhandlungen durchgeführt, deren Ergebnis war, dass sich „alle Gruppen […]darin jeweils mehrheitlich dafür ausgesprochen [haben], dass auf die SPIEGEL-Bestsellerliste nur „echte“ Hardcover gehören“.

Der Grund, warum Taschenbücher nicht länger zu den „echten“ Neuerscheinungen zählen dürfen? Sie sind billiger.

Die Umstellung der Liste desavouiert, dass überhaupt kein Interesse daran besteht, die Bücher inhaltlich miteinander konkurrieren zu lassen, denn, wer nicht in die selbe Preisklasse gehört, darf von nun an gar nicht mehr antreten.

Eine schon beinahe lachhaft ironische Folge dieser Umstellung ist, dass der dtv – der Deutsche TASCHENbuch Verlag – nun Hardcover Bücher herstellen wird, um „deren Marktpräsenz nicht zu gefährden“ (Balk: dtv-Chef, focus.de).

Daher wird es die Spitzentitel, die eine Platzierung auf der Bestsellerliste erreichen können, nun für etwas mehr Geld im Hardcover-Format geben und sich daher rein inhaltlich gesehen auf der Liste nichts ändern. Nur Preislich eben. Und da die Unterschiede in den Produktionskosten für Verlage kaum ausschlaggebend sind, auch nur für den Endkunden.

Das neue Medium e-book wird dabei noch zur Gänze ignoriert. Wie Verlage und Buchhändler, die ja von der unfairen Übervorteilung des Taschenbuchs schon Kopfschmerzen bekamen, auf den billigen digitalen Neuen reagieren werden, will ich mir gar nicht vorstellen.

Die Umstellung der Liste ist ein weiterer Meilenstein auf der zunehmend enttäuschenden Entwicklung des deutschen Buchmarktes und sagt meiner Meinung nach über sie und ihre Hersteller nur eines aus: Es geht nicht um den Inhalt, es geht um den Preis – Und das hätte doch wirklich nicht sein müssen.

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