So weit, so gut: Eine Woche, drei Bücher – das klingt doch nach einem famosen Start. Und es wäre auch einer, wenn da nicht die kleine Tatsache, dass alle gelesen Werke eher der „Schund“-Kategorie zuzuordnen sind, wäre. Von der vergangenen Woche ausgehend, nehme ich jetzt an, dass ich früher als erwartet das Richtfest erreichen werde, dann aber für den Rest des Jahres hohe/anstrengende/schwer verdauliche Literatur lesen „muss“ – zumindest wenn ich meinem frisch gefassten Vorsatz nicht untreu werden will.

Das letzte Buch, das ich verschlungen habe, war „Sorcery and Cecilia or The Enchanted Choclate Pot“ eine Liebesgeschichte in Briefform, die im Regency-England, wie wir es von Jane Austen und Georgette Heyer kennen, spielt, mit der kleinen aber feinen Ergänzung, dass in der Welt der Autorinnen Patricia Wrede und Caroline Stevermer Zauberei Gang und Gebe ist – wenngleich sie auch nicht für jeden zum guten Ton gehört.

Auch wenn der Roman sehr zu empfehlen ist und er mich unter der Woche gut unterhalten hat, gehört er doch eigentlich nicht zu der Art von Büchern, für die ich hier eine Rezension schreiben würde. Erwähnt werden muss er aber aufgrund seines Nachwortes, in dem die beiden Co-Autorinnen erzählen, dass dieses Buch durch ein Letter-Game entstanden ist.

Ein Letter-Game ist, so erläutern sie, ein Spiel zwischen zwei Personen, die sich jeweils eine Figur ausdenken und dann dem anderen aus der Perspektive dieses fiktiven Charakters Briefe schreiben. Plot und Charaktere dürfen dabei nicht außerhalb des Briefwechsels besprochen werden und alles was an Handlung passiert, muss sich daher im Austausch organisch entwickeln. Der erste Brief bestimmt Ort und Zeit der Handlung und präsentiert einen Grund, warum die beiden Figuren sich regelmäßig Briefe schreiben müssen. Von da an wird frei improvisiert und auf die Briefe des anderen aufgebaut.

Man kann (wie mancher Rezensent es auch tut) das Buch nun aufgrund seiner Entstehung verurteilen: Ja, es fehlen die Planung und die Struktur, die ein Roman, der nicht derart chronologisch entstanden ist, hätte. Ja, manche Charaktere wechseln allzu schnell ihre Flaggen. Ja, im Grunde werden zwei Geschichten erzählt, die sich ein wenig zu sehr ähneln.

Meiner Meinung nach entschuldigt und erklärt dieses Nachwort allerdings Vieles, dass ich eher auf die Seite der Schwächen des Buches gestellt hätte: Natürlich kommt einem Person X anfangs sympathisch vor, die Autorinnen wussten selber noch nicht, dass sie ein Bösewicht ist. Natürlich wirken manche Erzählfäden leicht zerstückelt im Wechsel von Briefschreiber A zu Briefschreiber B, keiner der Autorinnen wusste, worauf die andere mit diesem oder jenem Hinweis genau hinaus wollte und sich out-of-character darüber unterhalten, durften sie nicht.

Aber gerade diese Art der Plot-Entwicklung passt zu dem Erzählten: Kate und Cecilia (die beiden fiktiven Briefeschreiberinnen) wissen ja auch nur das, was sie der jeweils anderen gerade berichten. Sie sind keine allwissenden Autoren, die das Ende bereits voraussehen und gerade dadurch ermöglichen sie es dem Leser, ihre Entwicklung hautnah mitzuverfolgen: Wenn sie Person X für grundanständig halten, halten wir Person X für grundanständig – beginnen sie an ihrem Charakter zu zweifeln, beginnen wir es.

Die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Romans, machte dieses Buch zu einem der wenigen, die ich, gleich nachdem ich es durch war, noch einmal von vorne begann: Und diesmal achtete ich nicht länger primär auf den Inhalt, sondern verfolgte die Entwicklung mit, hinter der der tatsächliche Briefwechsel der Autorinnen stand. Alle meine vorherigen Vorbehalte lösten sich beim erneuten Lesen auf und so kam es, dass ein zuvor schon gutes Buch durch sein Nachwort in die Klasse der Fünf-Sterne erhoben wurde.

Nur eine Frage bleibt mir noch zu stellen: Wer spielt mit mir ein Letter-Game?

*schaut erwartungsvoll in die Runde*

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