November 2011


Ersetzt „reading“ mit „writing“ und ihr habt meinen letzten Monat in Songformat:

Merci an alle, die meine Rumheulerei und mein Gefluche ertragen mussten (ihr wisst, wer ihr seid) und ganz großen Dank an Sirat, der den ganzen Scheiß mit mir zusammen durchgemacht hat – mein Plot ist dir besonders dankbar!

„Es ist idiotisch, sieben oder acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann.“

Well, screw you, Mark Twain!


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Samstag, 11:59 Uhr

Ich (hoffnungsvoll): Sehr gut, da bist du ja endlich mal vor Mittag aufgestanden. Dann kriegen wir ja heute bestimmt was geschafft. Wie wärs, wir schreiben heute deine Geschichte zu ende?

Lord Laziness (gähnend): Nur nicht so hastig, jetzt erstmal in Ruhe frühstücken und schauen, was ich im Internet so alles verpasst habe in der letzten Woche.

 -zwei Stunden später-

Ich: Jetzt schließ aber mal den Browser und wende dich lieber Word zu.

Lord Laziness: Okay, aber ich muss grad noch wen anrufen.

 -zwei Stunden später-

Ich (nervös mit den Fingern tippend und zur Uhr schauend): Du solltest dich jetzt hinsetzen und dein beklopptes Buch fertig schreiben!

Lord Laziness: Aber es ist doch Wochenende…

Ich: Ja, gerade deshalb. Dann kannst du endlich fertig werden und vermeidest den Stress, alles auf den letzten Drücker machen zu müssen.

Lord Laziness: Aber heute beginnt doch die Weihnachtszeit…

Ich (ungehalten): Na und? Die Weihnachtsvorbereitungen können auch noch bis Dezember warten. Nun schreib endlich!

 -vier Stunden später-

Lord Laziness (stolz): Ich hab jetzt mal Pralinen gemacht.

 

Ich (seufzend): Und was ist mit Nanowrimo?

Lord Laziness: Sekunde, ich muss eben noch bloggen…

Anfang Oktober ist das neueste Zamonien-Buch von Walter Moers „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ erschienen. Ich, als großer Fan von insbesondere dem direkten Vorgänger des neuen Buches, das an „Die Stadt der Träumenden Bücher“ anschließt, habe das Werk selbstverständlich sofort erstanden und durchgelesen. Doch je mehr Stunden ich vor dem Buch saß und je mehr Seiten vorbei blätterten, desto enttäuschter und deprimierter wurde ich.

Stark verspätet habe ich mich jetzt endlich dazu durchgerungen, die drei größten Probleme, die ich mit dem Buch habe, aufzuschreiben und dadurch damit abzuschließen:

1. Mein erstes Problem mit Moers neuestem Buch lässt sich am besten mit einem Zitat aus dem ersten Kapitel erklären:

„Kurzum: Ich war zu einem von Literaturpreisen und Publikumsgunst verhätschelten Popanz verkommen, dem jede Fähigkeit zur Selbstkritik und nahezu alle natürlichen künstlerischen Instinkte abhanden gekommen waren. Einer, der nur noch sich selbst zitierte und die eigenen Werke kopierte, ohne es zu merken. Wie eine schleichende Geisteskrankheit, die vom Patienten selber nicht erkannt wird, hatte mich der Erfolg ereilt und völlig verseucht. Ich was so sehr damit beschäftigt, mich in meinem Ruhm zu suhlen, ich nahm nicht einmal wahr, dass mich das Orm schon lange nicht mehr durchströmte.“

Traurigerweise hat das Leben hier nämlich die Kunst imitiert und dem Autor geht es genau wie seinem fiktiven Autor: Er zitiert sich selbst und kopiert sein eigenes Werk.

Erst dachte ich, dass das vielleicht gewollt war. Dass der erste Teil des Buches so stark an „Die Stadt der Träumenden Bücher“ erinnern soll, weil Moers hier zeigen will, dass Mythenmetz wirklich das Orm verloren hat. Damit dieser Plan aufgeht, müsste es jedoch einen Punkt in der Geschichte geben, in dem sich „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ von seinem Vorgänger abwendet – und den gibt es nicht.

Mythenmetz zweiter Besuch in Buchhaim verläuft exakt wie sein erster, Buchhaim hat sich zwar verändert und neue Eigenheiten, wie der Puppetismus, werden entdeckt, aber die Grundgeschichte ist die selbe: Wir explorieren die Stadt, gehen in Antiquariate und treffen wieder die Schreckse Inazea Anazazi, den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer und natürlich auch den neusten Vertreter der Smeik-Familie.

2. Vom ersten Punkt ausgehend, lässt sich mein zweites Problem leicht erklären: „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ ist nur der erste Teil eines Buches und dieser Teil endet an der Stelle, in der die eigentliche Geschichte erst beginnt!

Moers gibt das in seinem Nachwort des Übersetzers auch bereitwillig zu: „Ich musste, so leid es mir tut, den Roman aus Gründen seines Umfangs und seiner Komplexität in zwei Bücher aufteilen. […] Die wirkliche Geschichte fängt hier in der Tat erst an. Alles Bisherige war nur Ouvertüre.“

Nachdem ich „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ zuende gelesen hatte, griff ich erbost nach seinem Vorgänger und schlug nach, wie viele Seiten Moers in „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gebraucht hat, um Mythenmetz in den Untergrund zu schicken. In 150 Seiten schaffte er dort noch, wofür er in diesem Buch 430 Seiten braucht – und ja, weniger wäre in diesem Fall eindeutig mehr gewesen. Dann hätte Moers auch seine Deadline einhalten und die Geschichte in einem Buch veröffentlichen können.

3. Und diesen Punkt nehme ich sehr persönlich: Wo Buchlinge drauf sind, sollen gefälligst auch Buchlinge drin sein!

Acht Stunden am Tag verbringe ich durch mein Praktikum mit dem Lesen von Leseproben und Exposés, dem Schreiben von Bewertungen und dem Lektorieren von vollständigen Manuskripten. Nach dem Abendbrot öffne ich dann mein Netbook erneut und haue für drei bis vier Stunden zwecks Erfüllung meiner Nanowrimo-Quote in die Tasten. Dann ist es meistens 23 Uhr und ich tue was? Bloggen.

Alles begann so gut: Noch am 31. Oktober traf ich mich mit elf anderen Nano-Schreibern aus Berlin zum Write-In und hatte dadurch noch vor dem zu Bett gehen 600 Wörter geschafft. Die nächsten Abende verbrachte ich gechillt auf meinem Bett und stellte, immer wenn ich ein Kapitel abschloss, fest, dass ich meinen Soll schon erfüllt hatte. Kein Stress also.

Jetzt sind die ersten zehn tausend Wörter geschrieben und die im Vorfeld geplanten ersten sieben Kapitel beinahe abgeschlossen, jetzt verliere ich langsam nicht nur meinen eigenen Faden, sondern auch die Motivation, jetzt fange ich an zu begreifen, warum Nanowrimo als „literary abandon“ betitelt wird.

Hier ein paar Dinge, die ich in meiner ersten Woche von Nanonwrimo bereits gelernt habe:

  1. Mit einer Zahl von 1667 Wörtern kann ich überhaupt nichts anfangen, drei Seiten pro Tag klingt dagegen vollkommen machbar – Pustekuchen! Gerade, wenn man nicht mehr weiß, was inhaltlichen passieren wird, sollte man sich unbedingt Zeit nehmen!
  2. Nachts funktioniert mein Schreibhirn am besten, was toll ist, da ich sowieso nur nachts Zeit zum Schreiben habe. Andererseits leide ich für gewöhnlich schon darunter, dass mein Körper schlafen, mein Kopf aber einfach keine Ruhe geben will: Jetzt habe ich Tage an denen ich statt einzuschlafen über Plotpunkte und Wendungen nachdenke bis mir der Kopf rauscht. So manches Mal bin ich in den letzten Tagen auch schon gegen vier Uhr morgens (und natürlich ohne auch nur eine Sekunde geschlafen zu haben) wieder aufgestanden, durch das dunkle Zimmer getappt bis ich Notizbuch und Stift gefunden hatte und habe dann die nächste Stunde damit verbracht, bei möglichst wenig Licht, mir all das aus dem Kopf zu schreiben, das mein Gehirn am herunterfahren hindert. Wie sagt mein neuer Computer immer so schon: „Es laufen noch Hintergrundprogramme, die geschlossen werden müssen, damit ein Herunterfahren möglich ist. Herunterfahren erzwingen?“ Ich klicke dann immer „ja“, nur dummerweise ist mein PC doch einfacher zu bedienen als meine persönliche Festplatte. Daher rate ich nur, Notizbuch und Stift gleich neben dem Bett horten, spart Zeit und verhindert kalte Füße.
  3. Perfektionismus kann man sich abgewöhnen! Donnerstag Abend schrieb ich über drei Stunden an Kapitel drei, nur um beim anschließenden Durchlesen festzustellen, dass es totaler Scheiß war. Normalerweise hätte ich also entweder noch weitere drei Stunden mit der Überarbeitung des Geschriebenen verbracht, oder aber einfach alles wieder gelöscht. Da ich durch Nano aber sowohl auf die tägliche Wortzahl, wie auch auf meinen Schlaf, angewiesen bin, dachte ich mir: „Screw that!“ und bin ins Bett gegangen.
  4. Dinge, die nicht spannend sind, die man sich also quälen muss aufzuschreiben, sollte man gleich weglassen. Obwohl ich mich in Romanen schon häufig über endlos langweilige Beschreibungen geärgert habe, brauchte ich einige Tage um diesen Grundsatz auch als Autor ernst zu nehmen. Wenn man als Autor kein Talent hat, das inhaltliche leere Passagen sprachlich füllt, dann sollte man seine Handlung einfach abkürzen. Der Leser kann ja auch ein wenig an der Bebilderung der erdachten Welt mitarbeiten.
  5. Ablenkung ist gut! Zwischendurch mal ein youtube-Video gucken, ein wenig auf tumblr surfen, vielleicht auch mal schnell um den Block gehen – all das kann nur helfen.

In diesem Sinne,

“I hate catchy choruses and I’m a hypocrite – hungry, hungry hypocrite” – yes, I’m going a bit mental, so what?!

Morgens in einem blutgetränkten Teppich aufzuwachen ist schlimm. Wissen, dass sowohl Blut wie auch Teppich die eigenen sind, ist schlimmer. Am schlimmsten, sagen sie, ist immer das erste Mal. Aber das ist nur so ein Sprichwort, denn sie sagen auch: Wenn man mit fünfzig aufwacht und es tut einem nichts weh, ist man tot.

Elena Fitz war sechzehn, hatte die ganze Nacht hindurch gesoffen und fand beim Erwachen nicht einen Teil ihres Körpers, der nicht schmerzte. Stattdessen fand sie, dass sie tot war. Und das zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Geschwindigkeit, mit der sie sich ihrer Situation bewusst wurde, erschreckte Elena. Das erstaunlich blutleere Loch in ihrem Hinterkopf, in dem sie bequem ihren halben Zeigefinger versenken konnte, erschreckte sie jedoch noch mehr. Und da es ihr sinnlos erschien mit einer solchen Wunde noch ins Krankenhaus zu gehen, beschloss sie das nächste Bett aufzusuchen und dort ihren Rausch auszuschlafen. Glücklicherweise befand sie sich in ihrem eigenen Haus und es gelang ihr trotz ihres nicht-nüchternen und nicht-lebenden Zustandes in kürzester Zeit ein Bett zu finden.

Beim Einschlafen dachte sie zurück an ihre Mutter, die immer gesagt hatte, dass Schlaf das beste Heilmittel sei. Auch so ein Sprichwort, aber in diesem Moment glaubte Elena, dass sich das ganze Problem mit ihrem neuerdings begehbaren Hirn ja vielleicht ganz von alleine erledigen konnte.

Natürlich tat es das nicht, dafür löste sich allerdings das Problem, das Elenas Mörder im Verstecken ihrer Leiche gesehen hatten, bei ihrem Verschwinden aus dem, zum Transport bereitgelegten Teppich, ganz von alleine. Und so verließen zumindest zwei Menschen an diesem Morgen das Haus der Fitzens mit erleichterten Mienen.