Donnerstag Abend, S-Bahnhof Gesundbrunnen:

Eine junge Frau, um die 20, spaghettischlank, weißblonde Haare, Kauflandtüte in der Hand, torkelt in leichten Spiralbewegungen den Bahnsteig entlang, erreicht schließlich die Bänke und setzt sich neben mich. Sie dünstet so offensiv Alkohol aus, dass ich nur annehmen kann, dass ihr das Wasser abgedreht wurde und sie sich mit Wodka die Haare waschen musste. Plötzlich zuckt sie zusammen. Der Grund erscheint mir das Vibrieren ihres Handys zu sein, auch wenn ihre Reaktion darauf schließen lässt, dass der Bahnsteig einstürzt. Nachdem sie ihren Kopf zwischen ihren Knien und offensichtlich auch ihr Gleichgewicht wiedergefunden hat,  zückt sie ihr Handy. Zwischen all dem Strass eine Taste  zu treffen muss, zugegeben, motorisch schon nüchtern kompliziert genug sein. Dass es ihr dann doch gelingt, wird wohl daran liegen, dass sich das grüne Telefon als Einziges gut sichtbar von all dem rosa absetzt.

„Schatzi?“

Schatzi scheint zu antworten, jedoch nichts erfreuliches mitteilen zu können.

„Oh nein, Schatzi. Hör mal, Schatzi, ich will nach Teltow, weißt du…“

„Nein, weil, weißt du, ich bin doch noch hier.“

„Na, Gesundbrunnen eben.“

„Ey, Schatzi, das ist aber…“

„Nee, hör mir mal zu, du. Ich bin noch Gesundbrunnen, aber gleich, ey, gleich muss ich nach Teltow, verstehst du?“

„Nee, Schatzi, weil, du musst mich abholen.“

„Nein, Mann, dann muss ich doch laufen. Bitte, Schatzi… Nein, ey, hör mir doch zu. Ich bin in Gesund-brun-nen. „

„Och, bitte, Schatzi.“

„Das ist aber, och nee… Schatzi, bitte… Na, dann fährst du eben wieder zurück.“

„Du bist echt voll… voll… och, Schatzi, nee, ne, dann muss ich laufen.“

„Boah, du Asi, ey. Ja… tschüss.“

Nachdem sie das Handy wütend in ihre Kauflandtüte geschmissen hat, verschwindet ihr Kopf wieder zwischen ihren Knien.
Ich überlege, ob ich sie ansprechen soll und habe schon halb angesetzt ihr zu sagen, dass sie mit der S25 ganz einfach durchfahren kann, da zuckt sie erneut zusammen. Diesmal ist das Handy schneller am Ohr.

„Hase!“

„Du bist voll perfekt, dass du jetzt anrufst, Hase. Du musst mich abholen.“

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