Februar 2011


Der vergangene Freitag brachte mir mal wieder einige Stunden dieser wundervollen Unterhaltung, die nur ein A(llgemeine)B(erufs)V(orbereitung) Kurs verbreiten kann. Das Thema war Networking, die Dozentin ein wenig zu gut darin Leute zu missverstehen und ich schon nach der Vorstellungsrunde demotiviert.
Aber es wurde noch besser.
Nachdem wir uns (natürlich in Partnerarbeit, natürlich im Stuhlkreis und natürlich unter zu Hilfenahme der obligatorischen, bunten Pappschilder aus dem Moderationskoffer) darüber klar wurden, was „netzwerken“ eigentlich für uns bedeutet, begannen die praktischen Übungen.

Übung Nummer 1: Smalltalk
Das Ergebnis war die augenöffnende Erkenntnis, dass man mit fremden Leuten immer gut über das Wetter oder die BVG reden kann.

Übung Nummer 2: Fragetechnik
Endlich können wir begreifen, warum kleine Kinder, die immer nur „Warum?“ fragen, ihren Gesprächspartner nicht zur Antwort motivieren. Es liegt an der Wortwahl. „Warum“ ist so viel kälter und arroganter als sein Synonym „Weshalb“. Wer mit dem vernichtenden „Warum“ attackiert wird, fühlt sich automatisch in eine Rechtfertigungsposition versetzt. Natürlich.
Darum warte ich jetzt auf den Fünfjährigen, dessen Fragekette nur aus „Inwiefern?“ besteht.

Übung Nummer 3: Killerphrasen
Zwei neue Kandidaten für die Liste der schönsten Wörter lernte ich in dieser Übung kennen:
Killerphrasen = Sätze, die eine konstruktive Kommunikation verunmöglichen
Vorwurfsmühle
= Der Teufelskreislauf (auch so ein Kandidat) von Vorwürfen, denen man nicht entgehen kann und die letztendlich ebenfalls das Gespräch „killen“
Außerdem kam mir während unseres kleinen Rollenspiels zu dieser Übung, die Erleuchtung, dass fast alle meine Wortbeiträge in zwei Jahren Deutschunterricht bei Werner durch die ultimative Killerphrase geblockt wurden: „Ist das so?“
Allein diese Erkenntnis war sechs Stunden Augenrollen wert.

Wir beendeten unser Seminar dann mit einigen wundervoll sinnfreien Übungen zum Thema „aktives Zuhören“, das meiner Meinung nach wieder eine dieser Erfindungen ist, die Psychologen und Kommunikationswissenschaftler als Rechtfertigung ihres Faches betrachten, für alle anderen aber selbstverständlich ist.
„Selbstverständlich“ war auch das Wort, das mir während der Übungen ach so oft im Mund lag. Aber scheinbar ist es nicht selbstverständlich, dass man weiß, dass das Wetter immer ein gutes Thema ist, dass man fremde Leute nicht sofort nach ihren sexuellen Vorlieben fragt und dass man Gespräche nicht mit „Jetzt sind Sie mal bitte still.“ beendet. Denn wenn das so wäre, könnte man sich solche ABV-Seminare ja sparen, oder?

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Und wieder ein Beweis dafür, dass Shakespeare alles kann: Er bringt mich sogar dazu Russel Brand zu bewundern.

Wahnsinn.

Donnerstag Abend, S-Bahnhof Gesundbrunnen:

Eine junge Frau, um die 20, spaghettischlank, weißblonde Haare, Kauflandtüte in der Hand, torkelt in leichten Spiralbewegungen den Bahnsteig entlang, erreicht schließlich die Bänke und setzt sich neben mich. Sie dünstet so offensiv Alkohol aus, dass ich nur annehmen kann, dass ihr das Wasser abgedreht wurde und sie sich mit Wodka die Haare waschen musste. Plötzlich zuckt sie zusammen. Der Grund erscheint mir das Vibrieren ihres Handys zu sein, auch wenn ihre Reaktion darauf schließen lässt, dass der Bahnsteig einstürzt. Nachdem sie ihren Kopf zwischen ihren Knien und offensichtlich auch ihr Gleichgewicht wiedergefunden hat,  zückt sie ihr Handy. Zwischen all dem Strass eine Taste  zu treffen muss, zugegeben, motorisch schon nüchtern kompliziert genug sein. Dass es ihr dann doch gelingt, wird wohl daran liegen, dass sich das grüne Telefon als Einziges gut sichtbar von all dem rosa absetzt.

„Schatzi?“

Schatzi scheint zu antworten, jedoch nichts erfreuliches mitteilen zu können.

„Oh nein, Schatzi. Hör mal, Schatzi, ich will nach Teltow, weißt du…“

„Nein, weil, weißt du, ich bin doch noch hier.“

„Na, Gesundbrunnen eben.“

„Ey, Schatzi, das ist aber…“

„Nee, hör mir mal zu, du. Ich bin noch Gesundbrunnen, aber gleich, ey, gleich muss ich nach Teltow, verstehst du?“

„Nee, Schatzi, weil, du musst mich abholen.“

„Nein, Mann, dann muss ich doch laufen. Bitte, Schatzi… Nein, ey, hör mir doch zu. Ich bin in Gesund-brun-nen. „

„Och, bitte, Schatzi.“

„Das ist aber, och nee… Schatzi, bitte… Na, dann fährst du eben wieder zurück.“

„Du bist echt voll… voll… och, Schatzi, nee, ne, dann muss ich laufen.“

„Boah, du Asi, ey. Ja… tschüss.“

Nachdem sie das Handy wütend in ihre Kauflandtüte geschmissen hat, verschwindet ihr Kopf wieder zwischen ihren Knien.
Ich überlege, ob ich sie ansprechen soll und habe schon halb angesetzt ihr zu sagen, dass sie mit der S25 ganz einfach durchfahren kann, da zuckt sie erneut zusammen. Diesmal ist das Handy schneller am Ohr.

„Hase!“

„Du bist voll perfekt, dass du jetzt anrufst, Hase. Du musst mich abholen.“

„Wenn du stirbst…“ stellt die Frage, wie man seinen Tag gestalten würde, wenn man wüsste, dass es der letzte sein wird.

Auf dem Nachhauseweg von einer verfrühten Valentinstagsparty am 12. Februar stirbt High School Senior Samantha Kingston bei einem Autounfall. Das Letzte was sie sieht, ist das Gesicht einer gemobbten Mitschülerin aus der vierten Klasse, es folgt das berühmte weiße Licht und anschließend wacht Sam wieder in ihrem Bett auf, wieder am 12. Februar.

Wir alle wissen was jetzt kommt: Das Murmeltier lässt grüßen und Sam erlebt ihren letzten Tag wieder und wieder, bis sie geläutert erkennt, dass es nicht ihr Leben ist, das es zu retten gilt.

Lauren Olivers Erstling ist eine Geschichte voller Klischees: Das Plot ist ein Klischee, die Charaktere – vom Quarterback-Boyfriend über die „Mean Girls“ bis hin zu den sozialen Außenseitern, die mittags auf der Toilette essen müssen – kennt man aus jeder amerikanischen Schulkomödie und auch sprachlich ist der Roman alles andere als revolutionär.

Aber irgendwie schafft es Oliver den Leser über fast 500 Seiten zu fesseln: Jeder neue 12. Februar zeigt eine andere Samantha, jedes neue Aufwachen lässt die Dreidimensionalität der anfangs so flachen Nebencharaktere erkennen und mit jedem neuen Kapitel beginnt man tatsächlich darüber nachzudenken, wie der letzte Tag im Leben eines Menschen aussehen sollte.

Trotz sprachlicher und inhaltlicher Kinderkrankheiten ist „Wenn du stirbst…“ daher ein Erstling, den es zu lesen lohnt und Lauren Oliver eine Autorin, die man im Blick behalten sollte.