“The name — of it — is „Autumn“ —
The hue — of it — is Blood —
An Artery — upon the Hill —
A Vein — along the Road –“
(Emily Dickinson)

Auch wenn wir nicht wissen, was diese amerikanische Dichterin  uns mitteilen wollte, so können wir doch zumindest sicher sein, dass es dabei um den Herbst ging.
Die vierte, vielverspottete Jahreszeit: Wie viele Schmähungen und Flüche musste sie hinnehmen, und das nur, weil sie von ihren begehrenswerteren Schwestern eingeschlossen wird, um deren Gunst Poeten und Normalsterbliche aller Jahrhunderte werben. Den Reiz des Herbstes zwischen der sich schon fast prostituierenden Wärme des Sommers und der frigiden Unnahbarkeit der Eiskönigin Winter zu finden, ist nicht leicht:

„Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
Das rote Laub, das von den Bäumen fällt,
Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,
Nun kommt das Schlimmste noch, es regent.“
(Heinrich Heine)

Regen und Stürme prägen das Klima, Pflanzen und Tiere gehen ein, die Welt wird kahl und kalt und obendrein locken melancholische Herbstgefühle:

„Dies ist der Herbst:
der bricht dir noch das Herz!“
(Friedrich Nietzsche)

Und doch birgt das letzte Aufblühen und der gleichzeitige Verfall der Natur in seiner regelmäßigen Wiederkunft eine Poesie, die das stete Klima der schönen Schwestern überstrahlt:

„And yet the world,
In its distress,
Displays a certain
Loveliness—“
(John Updike)

Manch einer geht sogar soweit die Melancholie des Herbstes als Weg der wahren Erkenntnis zu sehen:

„Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.“
(Christian Morgenstern)

Werden Sommer und Winter idealisiert, so behält der Herbst beide Füße auf dem laubbedeckten Boden:

„Hin ist die Zeit der Schwärmerei,
So schätzt nun endlich das Reelle!“
(Theodor Storm)

Und wenn er auch nicht so gesellig ist, nicht zu Picknick oder Glühweintrunk einlädt, so hat die Einsamkeit des Herbstes doch noch keiner Künstlerseele geschadet (tatsächlich liegt die Suizidrate im Herbst wesentlich tiefer als in der sogenannten „schönen Jahreszeit“):

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Rainer Maria Rilke)

Außerdem wissen wir ja spätestens seit Helmholtz Watson, dass gerade das stürmische, nasse Klima förderlich für die Kreativität ist…

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