Oktober 2010


Freitags in die Uni zu müssen konnte ich bisher fast immer vermeiden. Dieses Semester droht jedoch das Kompass-Programm der Allgemeinen Berufsvorbereitung, bei dem Studenten, die solchen Sachen eigentlich lieber aus dem Weg gehen, sich intensiv mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen sollen. Mit soviel Offenheit und Motivation wie ich aufbringen kann, geht es also auch am gefühlten Wochenende zur Uni.

Doch meine schlimmsten Befürchtungen werden wahr, als ich im angegebenen Raum das beliebteste Folterinstrument aller Pädagogen – den Stuhlkreis – entdecke. Und nach einer kurzen Teamvorstellung beginnt auch schon der Horror: Kennenlernspiele.
Beim fröhlichen Wir-lernen-uns-kennen-indem-wir-uns-gegenseitig-nach-dem-ersten-Eindruck-beurteilen erfahre ich, dass ich Geologie studiere und ehrenamtlich im Tierschutzverein arbeite. Faszinierend. Am Ende dieses Spiels steht der „Wie-fühlt-ihr-euch“-Zähler bereits auf 4, mein Aggressionsspiegel bei 50% und glücklicherweise auch eine Pause an.

Anschließend geht es weiter mit der Präsentation des Programms und der Coaches. Der Aggressionsspiegel sinkt.

„Und jetzt bilden wir die Crews.“ Bitte was?
„Mit eurer Crew werdet ihr in den nächsten Wochen die Leinen loslassen, die euch halten, in See stechen, gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen und letztendlich herausfinden wohin eure berufliche Kompassnadel zeigt.“ ’Tschuldigung, ich hab’s noch nicht ganz verstanden. Mehr Meermetaphern bitte.
„Auch wenn wir Teamer und die Coaches eure Kapitäne sind, entscheidet doch immer die Crew wohin gesegelt wird. Ihr unterstützt euch gegenseitig bei der Reise auf dem Ozean der Zukunft.“ Danke.
„Um den Zusammenhalt zu stärken wird jede Crew jetzt ein Wappen entwerfen und sich einen Namen geben. Das Wappen soll aus Symbolen bestehen, die die einzelnen Crewmitglieder repräsentieren.“ Ein Wappen? Ernsthaft?!

Wie im Kindergarten sitzt also jede Crew mit buntem Papier, Schere, Kleber und farbigen Markern in einer Ecke und bastelt ihr Crewwappen. Yay. Bin echt froh, dass ich dafür aufgestanden bin.
Nach der Vorstellung der Crewwappen und –namen klatscht die Runde begeistert und die einzelnen Crews werden von Lob überschüttet:
„Wunderschön.“ Danke.
„Wirklich sehr kreativ.“ Ja, danke.
„Ihr habt euch „Die Lotsen“ genannt. Na, das passt ja auch zu Kompass und unserer gemeinsamen Reise.“ Echt jetzt?!
„Da ist euch ein wirklich schönes Wappen gelungen.“ Sach mal, bin ich zwölf, oder was?!?
Und so enden vier Stunden, die ich lieber im Bett verbracht hätte. Mit nach Hause nehme ich wenig neue Erkenntnisse, mein Namensschild, unser Crewwappen und die Angst vor dem nächsten Freitag.

Zum Schluss muss ich auch noch, mit vor Scham gesenktem Kopf, gestehen, dass ich meinen wie-fandest-du-den-Tag-heute-Sticker auf der Smilie-Skala nicht ehrlich bei 😦 sondern bloß opportunistisch bei :/ gesetzt habe.
Scheiß Gruppenzwang. Scheiß beobachtende Betreuer. Scheiß Freitag.

Ich brauch Alkohol.

“The name — of it — is „Autumn“ —
The hue — of it — is Blood —
An Artery — upon the Hill —
A Vein — along the Road –“
(Emily Dickinson)

Auch wenn wir nicht wissen, was diese amerikanische Dichterin  uns mitteilen wollte, so können wir doch zumindest sicher sein, dass es dabei um den Herbst ging.
Die vierte, vielverspottete Jahreszeit: Wie viele Schmähungen und Flüche musste sie hinnehmen, und das nur, weil sie von ihren begehrenswerteren Schwestern eingeschlossen wird, um deren Gunst Poeten und Normalsterbliche aller Jahrhunderte werben. Den Reiz des Herbstes zwischen der sich schon fast prostituierenden Wärme des Sommers und der frigiden Unnahbarkeit der Eiskönigin Winter zu finden, ist nicht leicht:

„Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
Das rote Laub, das von den Bäumen fällt,
Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,
Nun kommt das Schlimmste noch, es regent.“
(Heinrich Heine)

Regen und Stürme prägen das Klima, Pflanzen und Tiere gehen ein, die Welt wird kahl und kalt und obendrein locken melancholische Herbstgefühle:

„Dies ist der Herbst:
der bricht dir noch das Herz!“
(Friedrich Nietzsche)

Und doch birgt das letzte Aufblühen und der gleichzeitige Verfall der Natur in seiner regelmäßigen Wiederkunft eine Poesie, die das stete Klima der schönen Schwestern überstrahlt:

„And yet the world,
In its distress,
Displays a certain
Loveliness—“
(John Updike)

Manch einer geht sogar soweit die Melancholie des Herbstes als Weg der wahren Erkenntnis zu sehen:

„Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.“
(Christian Morgenstern)

Werden Sommer und Winter idealisiert, so behält der Herbst beide Füße auf dem laubbedeckten Boden:

„Hin ist die Zeit der Schwärmerei,
So schätzt nun endlich das Reelle!“
(Theodor Storm)

Und wenn er auch nicht so gesellig ist, nicht zu Picknick oder Glühweintrunk einlädt, so hat die Einsamkeit des Herbstes doch noch keiner Künstlerseele geschadet (tatsächlich liegt die Suizidrate im Herbst wesentlich tiefer als in der sogenannten „schönen Jahreszeit“):

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Rainer Maria Rilke)

Außerdem wissen wir ja spätestens seit Helmholtz Watson, dass gerade das stürmische, nasse Klima förderlich für die Kreativität ist…