In der zweiten Klasse hat sie begonnen: Die bisher längste Liebesgeschichte meines Lebens.
Damals war das Objekt meiner Begierde ein Drache, ein Kobold und ein Homunkulus. Es folgten eine zickige Feenkönigin, noch mehr Kobolde, ein Weihnachtsmann im Wohnwagen, eine furchtlose Zauberertochter und ein trauriger Ritter, eine venezianische Diebesbande, eine Zauberzunge und natürlich eine Truppe von Wilden Hühnern.

Wer jetzt noch nicht weiß, wovon ich rede, der teilt sie wohl nicht, meine unzerstörbare Liebe zu Cornelia Funke-Büchern.

Zugegeben, ihre ziemlich genau 60 Bücher habe ich noch nicht alle gelesen und, ja, von denen, die ich gelesen habe, haben mich auch nicht alle komplett begeistert.
Aber die oben Angedeuteten gehören zur Liste meiner Favourite-Books-of-all-time. Die Sprache, die Phantasie, die einfachen und doch so bestechenden Geschichten und vor allem die wunderwunderwundervollen Charaktere bringen mich jedes Mal aufs Neue dazu mich zu verlieben.

Seit meiner Grundschulzeit habe ich einiges dazu gelernt und vor allem dazu gelesen und doch ist Cornelia Funke bis zum heutigen Tag eine der wenigen Autoren, für die ich mich zum Fan erkläre.

Und da Bücher wirklich wie Fliegenpapier sind, haften einige der besten Erinnerungen meines bisherigen Lebens an den Seiten von ihren Romanen.

Jetzt wird bald Funkes neues Jugendbuch „Reckless – Steinernes Fleisch“ erscheinen und ich hatte die Ehre den Roman schon vorab lesen zu dürfen, um eine Rezension zu schreiben. Und auch wenn zumindest Teil Eins der neuen Serie (von der ich mir sicher bin, dass sie aus „Reckless“ entstehen wird) nicht in meine Funke Top Five aufgenommen wird, hatte ich doch zwei sehr unterhaltsame Abende und eine leicht gestresste Schreib-Session, um die Deadline einzuhalten.

Without further ado:

Vom Jungen, der auszog das Fürchten zu lernen

„Diese Welt macht dir nicht halb so viel Angst wie die andere. Du hast hier nichts und niemanden zu verlieren […]. Alles, was wirklich Angst macht, hast du hinter dem Spiegel gelassen. Aber dann ist Will hergekommen und hat alles mitgebracht.“

Seitdem sein Vater verschwunden ist flüchtet Jacob Reckless immer wieder in die Welt hinter dem Spiegel. Die Welt von Hexen, Zwergen, Einhörnern und die Welt der Goyl – der steinernen Menschen.
Doch während Jacob in der Spiegelwelt nach gläsernen Schuhen jagt, Kinderfresser bekämpft und in der Gestaltwandlerin Fuchs eine treue Gefährtin findet, bleibt sein kleiner Bruder Will in der anderen Welt allein. Erst als Will seinem Bruder durch den Spiegel folgt, beginnt Jacob, der furchtlose Abenteurer, zu begreifen, was Angst ist.
Um den Fluch einer Fee zu brechen und seinen Bruder vor der Verwandlung in einen Goyl zu bewahren, muss Jacob alles aufbieten, was er als Schatzjäger hinter dem Spiegel gelernt hat, nur um schließlich doch zwischen die Fronten des Krieges zu geraten, der zwischen Menschen und Goyl ausgebrochen ist.

In ihrem neuen Roman „Reckless – Steinernes Fleisch“ führt Cornelia Funke uns wieder einmal in eine fremde und doch vertraute Welt: Auf ihrer Reise durch die Spiegelwelt begegnen Jacob und Will vielen Gestalten, die man aus der Märchensammlung ihrer Namensgeber, der Gebrüder Grimm, kennt.
Im Rennen gegen die Zeit und die steinerne Haut, die Will langsam zu einem Fremden werden lässt, verfolgt von Goyl und unterwegs in einem Land, in dem Gefahren in jedem Wald, Fluss und Gebirge lauern, vergehen die 350 Seiten des Romans wie im Rausch.
Getragen wird die Handlung von einem mutigen, aber von Schatten verfolgten, egoistischen, aber doch gleichzeitig beschützenden Jacob, der dem Namen Reckless (zu deutsch: rücksichtslos, sorglos, waghalsig) alle Ehre macht.

Dreidimensionale Charaktere, denen man noch mehr Raum gönnen würde, begegnen einem an allen Orten. So schafft Funke es, dass man sich ein ganzes Buch nur über die Abenteuer des Barmanns oder das Leben der Kaiserin wünscht.
Und auch die Goyl, die man doch eigentlich klassisch als „böse“ abstempeln könnte, sind keine reinen Monster. Selbst wenn man sie aus der Perspektive derer, die miterleben, wie Will langsam seinen Bruder und die Frau, die er liebt, vergisst, als herzlose Steine bezeichnen könnte, sind sie es doch, die den Frieden mit den Menschen anstreben.

Einzig das Ende des Romans lässt uns gleichzeitig unbefriedigt und hoffnungsvoll zurück. Unbefriedigt, weil nur so wenige der angefangenen Erzählstränge zu Ende geführt werden und hoffnungsvoll, weil umso mehr Raum für eine Weiterentwicklung von Plot und Charakteren für die Fortsetzung bleibt.
Außerdem lässt es uns sichergehen, dass wir schon bald mehr von den Gebrüdern Reckless hören werden: Schließlich befinden wir uns mitten im Krieg, es gilt eine ganze Welt zu erkunden und irgendwo müssten wir doch auch noch auf den Mann treffen, der die Drachen aus Metall hinter den Spiegel brachte…