Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Sie lesen einen Text und denken: „Ach, warum müssen alte Texte nur immer so kompliziert sein?“
Ja?
Dann lassen Sie mich Ihnen erklären, wie es dazu kommt.
Bei der Rekonstruktion eines Ursprungstextes, der in verschiedenen Varianten vorliegt, gilt in der Editionswissenschaft das Prinzip der „lectio difficilior“. Dieser Methode nach, ist anzunehmen, dass die schwierigere Lesart auch die ältere und somit bessere ist. Sie beruht auf der Hypothese, dass dem Autor die komplizierteste Version zuzutrauen ist und dass bei einer Wiedergabe des Textes dieser wohl eher vereinfacht als erschwert abgeschrieben wird.
Durch eine unreflektierte Anwendung dieses Prinzips, werden demnach ursprünglich simple Texte künstlich verkompliziert.
Und wie hilft Ihnen das jetzt?
Nun, im Grunde gar nicht. Aber wenn Sie das nächste Mal an einem komplizierten Text scheitern, können Sie statt des Autors auch Generationen von Literaturwissenschaftlern und Textkritikern verantwortlich machen.

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