Februar 2010


Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor Sonnenaufgang aufgestanden bin.
Wer steht schon VOR Sonnenaufgang auf? Leute, die die BZ verteilen? Betrunkene, die keine Ahnung haben, wie spät es ist? Oder vielleicht ist das der Zeitpunkt, an dem man all die interessanten und faszinierenden Persönlichkeiten trifft, die, wenn man alt ist, die Welt regieren? For all I know: Vampire könnten durch die Straßen streichen.
Während ich noch mit meinem ikeanischen tarnfarben-grünen Wecker mit dem wundervoll onomatopoetischen Namen „SlaBANG“ kämpfe, überlege ich, ob es das Aufstehen überhaupt wert ist. Obwohl ich den Kampf gegen den Wecker gewinne, verliere ich doch den gegen mein Gewissen und stehe auf.

Vier Stunden später fährt unsere kleine „Klassenfahrt“ in Wolfenbüttel vor.

Wir betreten die Eingangshalle der Bibliothek durch eine schwere, kaum kopfhohe Metalltür. Durch einen Umbau ist der Boden zwei Meter höher als ursprünglich vorgesehen. Die grüne, bemalte Kuppel-Decke ist trotzdem noch mindestens zehn Meter von unseren Köpfen entfernt. Braun-rote Marmorsäulen mit korinthischem Goldschmuck tragen die Wölbungen des Daches, der Innenraum ist, bis auf ein paar Ausstellungsvitrinen, leer. Aber auch unwichtig, denn an den Wänden stehen die eigentlichen Hauptdarsteller: Die Bücher.

Des Herzogs (August aus der Welfen-Dynastie war es übrigens, der auf die bahnbrechende Idee gekommen ist, die Bücher ihrer Größe nach aufzustellen) und des Polyhistors (Leibnitz war der Erste, der die Bibliothek erfolgreich katalogisierte) Augapfel: Die „Bibliotheca Augusta“.

Es gibt Situationen, da fühlt man sich wie Indiana Jones, wie Ben Gates oder sogar wie Robert Langdon. Und ich meine nicht die Momente der Geschichte, in denen man vor riesigen Steinklötze weglaufen, über verschwindende Steinplatten hasten, oder, um nicht zu Ertrinken, durch einen unterirdischen Schacht schwimmen muss. Ich meine den Moment (meistens kurz vor Ende), in dem unser Held einen Ort erreicht, den zumindest seit Maya-Zeiten niemand mehr betreten hat und der (natürlich) das Ziel des Abenteuers markiert.
Man hat einfach das Gefühl, ein Geheimnis der Menschheit entdeckt zu haben, das Gefühl, in einem Raum voller Wissen zu sein, das Gefühl, Geschichte zu spüren.

Wir lernen die seltsamen Signaturen zu verstehen, kriegen einen von Anekdoten und Fakten überschwemmten Vortag über die Geschichte der Bibliothek und eine Schnelleinführung in Sachen „Sammeln“. Es riecht nach Büchern. Nach guten, alten, wichtigen Büchern. Die Luftfeuchtigkeit-entzogene Luft steigt einem nach fast einer Stunde Führung stark zu Kopf. Aber im Raum zwischen Boden und Decke locken die Buchrücken.

Später im Bibelsaal dürfen wir (allerdings nur unter ständiger Aufsicht und nach einem Crash-Kurs im Umgang mit 400 Jahre alten, unersetzbaren Bänden) auch den Inhalt erforschen. Handschuhe müssen wir keine tragen. Schade eigentlich.
Die Sonne beginnt wieder unterzugehen, aber wir sind immer noch wachsam.

Das Emblem der Wachsamkeit: Der Kranich (Für alle, die sich mit Kranichen nicht so gut auskennen: Diese possierlichen Tierchen stehen scheinbar immer mit einem Stein in der Klaue in der Gegend rum. Falls sie einschlafen, fällt der Stein herunter und der Kranich wacht wieder auf. Die Natur ist so genial. Das Barock erst recht. Das Kranichhaus sagt dazu:

„Der Kranich hält den Stein,
des Schlafs sich zu erwehren.
Wer sich dem Schlaf ergibt,
kommt nie zu Gut und Ehren.“

Hmm… irgendwie hab ich das Gefühl das Haus hat mich grad gedisst – geht das nur mir so?)

Und dann ist da noch DIE Locke: Es geschieht im Lessinghaus – wenn man schon mal in Wolfenbüttel ist, nimmt man natürlich gleich alle Sehenswürdigkeiten mit. Nichtsahnend öffne ich eine Schublade (die Aufschrift „Lessings Locke“ hätte mir vielleicht einen Hinweis über den Inhalt der Schublade geben können, aber an diesem Punkt war mein Hirn noch voll emblematischer Feuerwerke) und da liegt sie vor mir: Auf einem Samtkissen, goldumrahmt, unter Glas gepresst: DIE Locke.
Ausgehend von der Hoffnung, dass die blonde Locke nicht von Lessings Perücke, sondern von seinem tatsächlichen Skalp stammt, wissen wir nun endlich, wie wir Lessing klonen können, damit er uns eine emanzipierte Emilia schreibt.

Drei Stunden später kommt unsere kleine „Klassenfahrt“ wieder am Zoo an.
Gähnend aber weiser klettern meine Kollegen und ich in etwaige U- und S-Bahn-Schächte. Manchmal lohnt es sich eben doch früh aufzustehen.

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In einer wundervollen Nacht im  Deutschen Theater bei Poetry Slam und Kiwi-Ingwer-Slush ist es mir zum ersten Mal begegnet –  das Känguru:

Inzwischen liegt das Werk seines Chronisten auf meinem (ach, „mein“ „dein“, das sind doch bürgerliche Kategorien) Nachttisch – Uneingeschränkt allen Kommunisten, Humoristen und Beuteltieristen zu empfehlen…

Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Sie lesen einen Text und denken: „Ach, warum müssen alte Texte nur immer so kompliziert sein?“
Ja?
Dann lassen Sie mich Ihnen erklären, wie es dazu kommt.
Bei der Rekonstruktion eines Ursprungstextes, der in verschiedenen Varianten vorliegt, gilt in der Editionswissenschaft das Prinzip der „lectio difficilior“. Dieser Methode nach, ist anzunehmen, dass die schwierigere Lesart auch die ältere und somit bessere ist. Sie beruht auf der Hypothese, dass dem Autor die komplizierteste Version zuzutrauen ist und dass bei einer Wiedergabe des Textes dieser wohl eher vereinfacht als erschwert abgeschrieben wird.
Durch eine unreflektierte Anwendung dieses Prinzips, werden demnach ursprünglich simple Texte künstlich verkompliziert.
Und wie hilft Ihnen das jetzt?
Nun, im Grunde gar nicht. Aber wenn Sie das nächste Mal an einem komplizierten Text scheitern, können Sie statt des Autors auch Generationen von Literaturwissenschaftlern und Textkritikern verantwortlich machen.

„Jetzt kommen wir zu der Kritik
an Glotz’ Modell von Kommunikationspolitik
Wie? Sie schlafen wenn ich kommuniziere?“

„Ich schlafe nicht, ich meditiere.
Über Ihre Worte, um genau zu sein.“

„Sie schnarchten doch, was fällt Ihnen ein?!“

„Verzeihen Sie, Sie missverstehen:
Den Motor braucht mein Hirn zum Gehen.“

„Durch Ihr Rasseln, das jeder hört,
Werden alle hier gestört.“

„Professor, regen Sie sich ab…“

„Verschlafenes Studentenpack!
Sonntags von Party zu Party rennen
Und dann in meiner Vorlesung pennen.“

„Gestern hab ich brav studiert,
den Tag für Ihre Klausur ruiniert.“

„Sie lügen doch!“

„Das tu ich nicht!“

„Auch noch ganz dreist mir ins Gesicht!“

„Ich hab mich extra aus dem Bett gequält,
Damit’s nicht wieder heißt, ich hätte gefehlt.
Aber das muss ich mir nicht gefallen lassen.
Diese Sitzung werd ich wohl verpassen.“

„Hier wird nicht geschlafen, hier wird gelernt!“

(Student hat sich wutschnaubend entfernt.)

„Sie können gerne jederzeit geh’n.
Zurück zu Glotz und unserm Problem…“