Ich warte auf den Bus.

An der Bushaltestelle hat sich bereits eine feine weiße Schicht über den frisch gestreuten Weg gelegt. Auch der Asphalt der Straße wird durch die Flocken erhellt. Die Kälte kriecht zwischen alle Schichten. Ich ziehe den Schal enger und die Handschuhe höher. Langsam stiefele ich durch den Schnee um das Haltestellenschild. Meine Kreise werden kleiner. Das Gehen anstrengender. Mittlerweile ist kein Unterschied mehr zwischen Straße und Gehweg zu erkennen. Bei jedem Schritt geben meine Knie ein knackendes Geräusch von sich. Meine Füße werden taub. Ich vergrabe die Hände in meinen Manteltaschen und ziehe die Schultern hoch. Der Schnee nimmt zu. Ich beschließe Energie zu sparen und mich in meinen Mantel zu verkriechen.

Aus dem Schneeschleier tauchen die Lichter des Busses auf. Ich will nach meiner Tasche greifen, das Portemonnaie suchen. Doch ich scheitere an der Bewegung, die normalerweise meine Hand aus der Manteltasche ziehen würde. Der rechte Arm bewegt sich gar nicht. Ich versuche es mit dem Linken. Nichts.

Der Bus hält. Die Türen öffnen sich. Meine Füße machen nicht den Anschein, als würden sie irgendwo hin gehen können. Ich plane mich vorwärts zu lehnen. Wenn ich umfalle, müsste der Aufprall zumindest die Eisschicht um meine Muskulatur sprengen. Der Plan schlägt fehl. Immer noch kein Gefühl in Zehen oder Fingern.

„Mitfahren, oder nicht?“ ruft der Busfahrer mir entgegen. Ich will ihm antworten. Will rufen: „Ja, Sekunde, ich kann mich grad nicht bewegen. Ja! Ja! Ich will mitfahren!“ Doch meine Lippen sind zugefroren. In dem Moment, als mir klar wird, dass ich nicht einmal mehr meine Zunge spüre, hebt der Bus sich aus seiner einstiegsfreundlichen Schräge. „Dann eben nicht.“ grummelt der Busfahrer und die Türen schließen sich. Ich versuche noch ein letztes Mal die Hand auszustrecken. Zu winken. Der Bus fährt los. Ich kann den Kopf nicht drehen. Kann ihm nicht hinterher sehen. Die Motorengeräusche werden leiser. Verschwinden ganz. Jetzt ist es wieder still. Der Bus ist fort.

Ich warte auf den nächsten.

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